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Maitour (Kapitel 8)
Die Karawane zog also weiter auf ihrem Weg über die Auto-
bahn. Ich hatte mich auf einen relativ einfachen Weg festgelegt.
Nach etwa einer Stunde würden wir die Autobahn verlassen
und uns dann über eine Bundesstraße weiter in das un-
bekannte Gebiet vortasten. Ein kleiner Imbiss zwischendurch
wäre auch nicht schlecht. Die Kilometer rutschten nur so unter
den Rädern durch. Bei dieser elenden Autobahnfahrerei falle
ich nach einer gewissen Zeit immer in eine Art Trancezustand.
Jetzt nicht in einen richtigen Trancezustand, sondern irgendwie
in einen Zustand der Zeitlosigkeit. Der Körper reagiert zwar
automatisch auf die jeweilige Verkehrssituation aber trotzdem
kann man sich nicht wirklich in das Innere zurückziehen. Eine
gewisse Aufmerksamkeit ist immer notwendig. Eine entspannte
teilnahmslose Ergebenheit in das Notwendige könnte man
sagen. Diesen Beitrag weiterlesen »
Maitour (Kapitel 7)
Meine Gruppe blickte mir vertrauensvoll entgegen. Ich über-
prüfte die Spanngurte noch einmal und rüttelte die übrig ge-
bliebene Gepäckrolle zurecht. Dann entfaltete ich meine alt-
bewährte Deutschlandkarte und machte mich auf die Suche
nach Brockenfeld. Irgendwo zwischen Bamburg und Würzberg
sollte dieses Dorf wohl liegen. Am Ende der Welt … irgendwo
im Nirgendwo. Der kürzeste Weg ist nicht immer der schnellste.
Meine Methode bei solchen Anfahrten ist immer … auf die
nächste Autobahn und dann ab dafür. So lange schnell fahren,
wie es geht, und dann erst runter von der Bahn.
Wer länger schnell fährt … ist früher am Ziel. Simpel aber fast
immer erfolgreich. Rein theoretisch müssten wir den LT unter-
wegs treffen. Der fuhr zwar nach Navi … aber im Prinzip müss-
ten wir ihn locker einholen.
„Noch’n Kaffee?“, fragte ich deshalb in die Runde. Rolf war
sofort einverstanden, denn so konnte er noch Nikotin bunkern.
Nur Jerome schien irgendwie enttäuscht zu sein. Der hatte sich
Schal und Nierengurt mühsam zurecht gezupft und wartete
scheinbar schon ganz aufgeregt auf den Start.
„Bist du sicher, dass so eine Maitour das Richtige für diese
Sissy ist?“, fragte ich Rolf vorsichtig. Wenn es um die Familie
geht, ist der immer ziemlich empfindlich. Diesen Beitrag weiterlesen »
Maitour (Kapitel 6)
Bevor ich nun meine geliebte Bergische Heimat verlassen wür-
de, sollte ich mich vielleicht doch noch einmal kurz von ein paar
Leuten verabschieden.
Wer weiß, was das Schicksal für mich in der Fremde bereithält.
Mopedfahrer sind da manchmal etwas sentimental. Vor allem,
wenn sie gelegentlich die Grenzen des Materials und des eige-
nen Leistungsvermögens austesten.
Da sollte man sein Haus vorher in Ordnung bringen.
Das Haus im übertragenen Sinne natürlich … die Wohnung
vielleicht auch, aber dann würde ich nicht mitfahren können.
Soviel Zeit war nun doch nicht mehr.
Ich telefonierte dann ein wenig in der Gegend herum. Überall
mal kurz ein paar nette Worte hinterlassen, das sorgt dann
notfalls für mitfühlende Besucher am Krankenbett.
Aber eigentlich war das überhaupt nicht meine Intention. Ich
habe grundsätzlich keine Angst vor Unfällen. Die habe ich noch
nie gehabt. Es kommt eben, wie es kommt. Das sehe ich ganz
pragmatisch. Bisher ist es immer gut gegangen. Hin und wieder
kommt man natürlich mal in eine brenzlige Situation. Wenn man
dann zufällig auch noch Pech hat, dann erwischt es einen eben.
Da hilft einem Angst vorher auch nicht weiter.
Simone, meine neueste Eroberung kam mir auch wieder in den
Sinn. Nicht etwa, dass wir uns in den letzten Tagen nicht
ständig ausgetauscht hätten, aber immer nur per Telefon, das
festigt eine frische Beziehung auch nicht unbedingt. Hier schien
mir ein fernmündlicher Kontakt alleine nicht ausreichend zu
sein. Diesen Beitrag weiterlesen »
Maitour (Kapitel 5)
Als ich wieder Zuhause ankam, beschloss ich spontan einmal
einen Blick auf mein Moped zu werfen.
Das ist nie falsch, wenn man in Kürze eine größere Ausfahrt
plant. Das gute Stück ruhte auf dem Hauptständer und strahlte
die gewohnte Ruhe und Kraft aus. So nüchtern aus der Nähe
betrachtet, ist dieses Gerät eigentlich nichts anderes als ein
Haufen Metall und Kunststoff. Zum Leben erweckt, also in Be-
wegung … strömt dann allerdings so etwas wie Geist in diese
Maschine. Man kann es nur schwer beschreiben, man muss es
einfach selbst erleben. Die Faszination des Motorradfahrens
erschließt sich nur denen, die sich praktisch darauf einlassen.
Aber das gilt wohl auch für Reiter, Segler oder Taucher. Diesen
Hobbys kann ich allerdings nichts abgewinnen, aber das liegt
vielleicht auch daran, dass ich es bisher noch nicht ausprobiert
habe. Für mehr als ein Hobby reichen bei mir Geld und Freizeit
nicht aus.
Kommt vielleicht noch, ist aber eher unwahrscheinlich.
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Maitour (Kapitel 3)
Treffpunkt sollte also wie immer, der Burger-King Parkplatz an
der Autobahnauffahrt sein. Am Donnerstag der nächsten Wo-
che. Pünktlich um neun Uhr.
Dieser Donnerstag war ein Feiertag. Das wird gerne so ge-
macht bei den Maitouren. Irgendeinen Feiertag mit einbauen.
Macht ja auch Sinn.
Wie immer hatte ich in der letzten Woche einen neuen Auftrag
bekommen. Selbstverständlich eilig und ganz wichtig.
Die Sache lag zwar schon länger in der Luft und ich hätte in
den letzten Wochen eigentlich genügend Zeit gehabt, um die
meisten Dinge vorzubereiten. Aber es wurde wie üblich bis zur
letzten Minute gewartet, um dann natürlich wieder ordentlich
Hektik zu verbreiten. Am besten alles gleichzeitig und bis ges-
tern. Wer noch nicht genug Probleme hat, der macht sich eben
schnell noch welche.
Genau so hatte ich das dem Projektleiter am Telefon gesagt.
Der druckste herum wie immer, konnte aber angeblich auch
nichts dafür. Es kann nie irgendjemand etwas dafür. Die Dinge
fallen plötzlich vom Himmel und alle wundern sich dann immer.
Ich wundere mich schon lange nicht mehr. Diesen Beitrag weiterlesen »
Maitour (Kapitel 1n)
Angestrengt versuchte ich, das jämmerliche elektronische Gedudel meines Handys zu ignorieren. Dies gelang mir auch, allerdings nur für wenige Sekunden.
Die Entwickler dieses Hightech-Wunderwerks hatten ganze Arbeit geleistet. Eine gleichbleibende Lautstärke kann man leichter ignorieren, eine periodisch ansteigende allerdings, wesentlich schlechter. Dieses Phänomen hatte der Hersteller aber deutlich hörbar, in seine konstruktiven Überlegungen mit einbezogen. Das Ding steigerte sich immer mehr in seine Aufgabe hinein.
Vor meinem geistigen Auge sah ich eine Gruppe asiatischer Elektronikingenieure, die sich hämisch kichernd gegenseitig auf die Schultern klopften, während sie genau diese Software implementierten.
Das besagte Handy steckte in meiner Hosentasche.
Diese Hosentasche samt Hose, lag etwa zwei Meter entfernt auf dem Boden. Es ist eigentlich überhaupt nicht meine Art, die Hose einfach so auf den Boden zu werfen. Üblicherweise hänge ich die immer über irgendeinen Stuhl. Ein bewährtes Verfahren und eine der wenigen Angewohnheiten, die ich aus meiner Bundeswehrzeit beibehalten habe.
Aber wie so einige meiner sonstigen Gewohnheiten, stößt auch diese gelegentlich auf leichtes Unverständnis. Aber so weit, waren wir hier noch nicht.
Zumindest nicht, was dieses leidige Hosenthema anging. Aber auch andere, bisher durchaus bewährte Methoden, boten im Moment keinerlei Anlass für irgendwelche kritischen Kommentare. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls in der letzten halben Stunde gewinnen dürfen.
Ich konnte mich natürlich auch täuschen, aber Simones Laut-äußerungen ließen eindeutig auf vorbehaltlose Zustimmung schließen. Ordnung hin, Gewohnheit her, manchmal darf man eben den richtigen Moment nicht verpassen.
Aber genau das, war nun mein Problem.
Einer dieser richtigen Momente näherte sich genau in der Sekunde, als dieses verdammte Handy zu randalieren begann. Es war einer dieser wirklich wichtigen Momente. Man könnte ihn ohne Übertreibung auch als einen echten Premiummoment bezeichnen. Dieser Tag hatte 86.400 Sekunden, so wie jeder andere normale Tag auch. Warum ausgerechnet jetzt …?
Dieses bekannte Meisterwerk von Dieter Bohlen, das nun laut und scheußlich aus der Hosentasche erklang, schien Simone kurz aus dem Rhythmus gebracht zu haben. Gezwungenermaßen übernahm ich für einige Sekunden die Führung … und konnte dann auch prompt den Etappensieg für mich verbuchen.
Erster … ! Um Haaresbreite wäre es ein echter Doppeltreffer ge-worden. Zwei auf einen Streich. Wann hat man das schon mal?!
Immerhin wurde sie dann noch zweiter Sieger. Aber eben nur mit geschätzten drei Sekunden Rückstand.
Schade eigentlich, aber das Rennen geht ja irgendwann weiter. Da war ich mir ziemlich sicher.
„Wer war denn das?“, fragte sie leise und freundlich, aber auch ein wenig lauernd, wie ich fand.
Woher soll ich das denn wissen?
Das war wahrscheinlich wieder eine dieser Fangfragen. Da kann man doch mal sehen … das machen die ganz automatisch. Diese kurze postkoitale Schwächephase eiskalt ausnutzen und dann sofort durch die geschwächten Schutzfilter brechen. Da hat sich schon so mancher unerfahrene Geschlechtsgenosse um Kopf und Kragen geplaudert, in dieser kurzen Zeitspanne.
Die in den unterschiedlichsten Varianten, meiner Meinung nach aber eher jämmerliche Frage: “Wie war’s denn?“- über das chauvinistische: “Na, wie war ich?“- bis hin zum geheuchelten und frauenversteherischen: “Wie war’s denn für dich?“
All diese abgedroschenen Phrasen sparte ich mir. Das brauche ich nicht mehr. Das kommt auch nicht richtig rüber … ohne brennende Zigarette. Simone raucht nicht.
„Keine Ahnung, wer um diese Zeit noch anruft“, entgegnete ich stattdessen wahrheitsgemäß und erschöpft, aber durchaus im Vollbesitz- zumindest meiner geistigen Kräfte.
„Um diese Zeit? Wir haben gerade mal neun Uhr“, entgegnete sie nach einem kurzen Blick auf ihre Wanduhr, „das heißt, wir sind noch nicht einmal eine Stunde hier!“
Hörte ich da etwa so etwas wie eine kritische Beurteilung bezüglich der Gesamtdauer der Aktion heraus?
Ich meine: Immerhin … fast eine ganze Stunde!
Nicht etwa, dass ich einen Grund gehabt hätte, mir irgendetwas zu beweisen. Ihr natürlich schon, aber mir ganz sicher nicht.
Wenn ich es mir richtig überlege, sie war meine erste Nicht-raucherin.
Schon verblüffend aber tatsächlich – meine allererste Nicht-raucherin. Der konnte ich natürlich auch nicht so einfach die Bude vollqualmen. Schöner wäre es natürlich schon gewesen, wenn man sich hinterher, ganz locker und entspannt, auf einem großen Bett hätte rekeln können. Dann hätte ich mir sicherlich auch eine Zigarette angezündet.
Jean-Paul Belmondo, Clint Eastwood oder James Bond hatte es nie interessiert, ob ihre jeweiligen Gespielinnen mitrauchten oder nicht. Die mussten sich auch ihre Zigaretten niemals selbst anzünden. Aus heutiger Sicht … übelste Machos.
Eigentlich – die Machismo-Attitüde schlechthin.
Das hat man ja heute nicht mehr. Bruce Willis, Tom Cruise und Mark Wahlberg spielen ja auch immer eher die Getriebenen. Vorwärts gepeitscht durch einen unstillbaren Drang zur Pflicht-erfüllung. Die modernen, neoliberalen Helden. Die haben kaum Muße, um in aller Ruhe und völlig entspannt, eine Zigarette zu rauchen.
Die coolen Genießer sind OUT. Schnee von Gestern.
Die atemlosen Pflichterfüller sind IN. Nichtraucher sind modern.
Nicht etwa, dass ich ein Freund all dieser Mimen oder ihrer cineastischen Heldenepen wäre, ganz sicher nicht.
In diesem Zusammenhang fällt mir dann auch direkt noch der Marlboro-Mann ein. Der Tag geht – der Marlboro-Mann kommt.
Sonnenuntergang, Lagerfeuer, einsame, harte Männerromantik. Angeblich hat man ihm ein Bein amputieren müssen. Dem echten Marlboro-Mann … also dem Schauspieler. Das berüchtigte Raucherbein. Das war’s dann für ihn, karrieretechnisch.
Obwohl, rein dramaturgisch gesehen, eigentlich eine Fehlent-scheidung.
Man stelle sich bloß folgende Szene vor:
Der einbeinige Cowboy müht sich von seinem Pferd, hinkt auf seinem Holzbein zum Lagerfeuer, quält sich in eine einigermaßen bequeme Sitzpostion, greift mit den behandschuhten Fingern zur dampfenden Blechkanne und … zündet sich eine Zigarette an.
Dann legt er den Kopf in den Nacken, schließt die Augen und pustet den Rauch gen Himmel.
Im Hintergrund, theatralische Musikuntermalung.
Na, hat das was?!
Zurück zu den rauchenden Womanizern … James Bond & Co.
Diese Typen haben das postkoitale Verhalten ganzer Generationen geprägt. Wenn man mal ganz ehrlich ist: Wir machen es doch alle so. Die Raucher unter uns wenigstens. Na gut, vielleicht nicht alle Raucher, aber die meisten aus meiner Generation, die schon.
Diesmal allerdings, kein breites Bett, kein Aschenbecher. Nichts davon. Ich muss zugeben, ein bisschen fehlte es mir schon.
Aber was soll man machen, wenn man in eine dieser kleinen Dachgeschosswohnungen verschleppt wird. In eine dieser Nicht-raucherwohnungen ohne Schlafzimmer und ordentliches Bett.
Rauchfreie und atemlose Pflichterfüllung, eben ganz im Stil der neuen Helden. Ich nahm eine Antonio Banderas- Position ein. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt und den Blick gen Himmel gerichtet. Im Film legt dann die jeweilige Gespielin immer den Kopf auf die inzwischen modisch rasierte Männerbrust.
Aber … entweder kannte Simone unseren Antonio Banderas nicht, oder, was sehr viel wahrscheinlicher war, sie stand mehr auf rasierte Männerbrüste.
Sie rollte sich jedenfalls geschmeidig von dem leicht verschobenen Sofa und bewegte sich elegant in Richtung Küche. Elegant trifft es nicht genau. Sie bewegte sich eigentlich mehr wie eine Leichtathletin, die zu ihren Startblöcken schleicht. Nicht so ganz locker, aber auch nicht richtig angespannt.
Sich den Zuschauern präsentieren und gleichzeitig den Konkurrentinnen Respekt abnötigen. Genau so, bewegte sie sich. Als einziger Zuschauer war ich beeindruckt.
Konkurrentinnen waren leider; oder vielleicht besser glücklicher-weise, keine anwesend. Vor einigen Jahren hätte ich das sicherlich ernsthafter bedauert als an diesem Abend. Mittlerweile war ich aber ganz froh, wenn ich eine einzelne sportliche Dreißigjährige halbwegs zufrieden stellen konnte. Halbwegs, klingt jetzt wieder ziemlich bescheiden, aber als mittelalter Raucher muss man da realistisch bleiben.
Durch die geöffnete Küchentür beobachtete ich sie, während sie vor dem geöffneten Kühlschrank stand. Sie drehte mir dabei den Rücken zu und balancierte auf ihren Zehenspitzen.
Sie stellte sich tatsächlich auf die Zehenspitzen.
Das war nun eindeutig Absicht. Die Proportionen verschieben sich dann in Richtung Traumfigur. Nun, nicht bei allen Frauen, aber bei denjenigen, die sich auch schon vorher nicht verstecken mussten, bei denen schon. Wer ist denn noch nicht darauf hereingefallen, auf diesen uralten Trick mit den hochhackigen Schuhen? Na, was ist denn das letzte Kleidungsstück, das eine Professionelle ablegt? Wenn die es nicht wissen, wer sonst?
Aber ansonsten ging es mir leider, wie so oft in dieser Phase. Immer wenn ich richtig gut gegessen habe und dann auch tatsächlich satt bin, kann mich auch der schönste Schinkenbraten nicht mehr so richtig begeistern.
Der Anblick erinnerte mich allerdings weniger an einen Schinken-braten, sondern mehr an eine dieser kubanischen 100m Sprinterinnen. Nur wegen der Form natürlich, nicht wegen der Farbe. Simone war blass. Obwohl, blass klingt irgendwie un-gesund. Sie war eher hellhäutig. Sie hatte diese helle Haut der echten Rothaarigen. Manche mögen das nicht. Ich stehe drauf.
Sie kam zurück und schwenkte eine Sektflasche. Triumphierend wie nach einem kleinen aber wichtigen sportlichen Teilerfolg. Ich lächelte mehr freundlich als begeistert, und grübelte weiterhin intensiv darüber nach, wie ich möglichst schnell aus dieser Wohnung verschwinden könnte.
Also, rein von der Veranlagung her, bin ich eigentlich mehr Sprinter als Langstreckler. Eine komplette Stunde ist jedenfalls nicht meine normale Distanz. Zumindest nicht in diesem Tempo. Ohne Auf-wärmphase direkt auf die Bahn.
Aber wie bereits erwähnt, man darf den richtigen Moment eben manchmal einfach nicht verpassen.
„Das hatte ich schon lange nicht mehr“, gurrte sie und hielt mir die Flasche hin. Ich nahm einen Schluck und reichte die Flasche zurück. Sekt – ich mag das Zeug nicht. Aber wenn nichts anderes da ist. Zumindest halbwegs stilecht, diese Sektschlürferei.
Was nun ihren Spruch anbelangt.
Nun, ich bin ziemlich sicher, dass sie das immer sagen.
Selbst wenn es völlig daneben gegangen wäre, sie würden es trotzdem behaupten. Dann jedenfalls, wenn sie noch weitere Pläne mit dem nun stolzen aber leicht abgeschlafften Helden haben.
Ich grübelte weiter darüber nach, wie ich möglichst zeitnah, aber ohne dabei unnötigen Flurschaden anzurichten, aus dieser Wohnung entkommen könnte. Das alte genetisch determinierte Fluchtprogramm, sollte man meinen.
Aber auch hier, hatte Hollywood wieder die Hand im Spiel. Natürlich flüchtet der ganz normale handelsübliche Macho nach erfolgter Begattung. Was denn sonst? Hat man jemals gesehen, dass einer der Helden anschließend den Tisch deckt, das Bett neu bezieht oder den Müll herausträgt? Niemals! Also ich jedenfalls nicht. Der zieht sich einfach an und geht.
Alles andere … ist bestenfalls Programmkino.
In diesem Moment begann das Handy wieder damit, erst leise und dann immer lauter, diese wirklich scheußliche Melodie zu dudeln. Sie sah mich streng aber lockend an und hielt mir wieder die Sektflasche hin. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick … auf meine Hose.
Sie ließ sich zurückfallen und verzog leicht das Gesicht.
Simone kannte die Spielregeln. Auf die Dosis kommt es an. Bloß nicht zu viel Druck machen. Jedenfalls nicht am Anfang. Sie war immerhin schon über dreißig. In diesem Alter haben die Frauen zumeist schon ausreichend Erfahrung gesammelt. Jedenfalls diejenigen, mit denen ich es bis dahin zu tun gehabt hatte.
Ich fummelte den dudelnden Rettungsanker aus meiner Hosen-tasche und warf einen Blick auf das Display.
„Rolf-Handy“ leuchtete dort. Mein Retter.
„Hallo Rolf …!“
Ihr Gesicht verlor ein wenig von seiner Anspannung.
„Stör’ ich. Du klingst so erschöpft!?“, ahnte Rolf.
„Ach nee. Also … ich bin hier gerade bei … kennst du noch nicht!“, verkündete ich heimtückisch.
Simone hörte demonstrativ weg, schien meine Aussage aber zu-frieden, zur Kenntnis genommen zu haben.
„Sag nur … die Rothaarige?!“
Ich sagte gar nichts, sondern grummelte nur zustimmend.
„Da haste aber was für Fortgeschrittene. Mach mir bloß keine Schande. Aber wenn du Hilfe brauchst? Ich komme. Gib mir doch mal eben die Adresse!“
Er klickte am anderen Ende mit einem Kugelschreiber herum.
„Ach tatsächlich. Muss das denn sofort sein … ich meine, kann das denn nicht noch ein wenig warten?“
Ich hielt das Handy so, dass Rolf mithören konnte als ich laut genug, eine kurze Erklärung an Simone abgab.
„Der ist mit seinem Auto liegen geblieben. Irgendwo in der Walachei.“
„Wie … du bist nicht im A.D.A.C ?! “, blökte ich dann entrüstet wieder in das Handy.
Rolf schwieg verblüfft, begann dann aber schon nach wenigen Sekunden, eine wilde Geschichte über dampfende Kühler und qualmende Räder von sich zu geben. Er steigerte sich förmlich innerhalb kürzester Zeit in einen wahren Pannenrausch hinein.
Ich betätigte die Lautsprechertaste und schlich kopfschüttelnd zum Sofa zurück. Rolf weinte fast vor Verzweiflung und bettelte lauthals um Hilfe und Unterstützung.
Simone blickte mich ratlos an.
Ich schaltete den Lautsprecher schnell wieder ab, denn mein guter Freund zog inzwischen wirklich grausam vom Leder.
In der Rettungsleitstelle der Feuerwehr hätten sie sicherlich Katastrophenalarm ausgelöst, bei den Schilderungen, die der gute Rolf nun völlig in seiner aufgenötigten Rolle aufgehend und regelrecht panisch von sich gab.
„Is ja gut, ich mach’ mich sofort auf den Weg“, verkündete ich ent-schlossen.
Simone sah mich leicht zweifelnd aber doch irgendwie verständnisvoll an. Ich zog entschuldigend die Schultern hoch und machte ein trauriges Abschiedsgesicht. Sie ließ sich entspannt zurücksinken und präsentierte dabei, sicherlich völlig unbeabsichtigt, eines der wichtigsten Argumente für eine baldige Rückkehr.
Rot und weiß. Ein schöner, nein … ein toller Kontrast.
Nicht zuletzt wegen dieses Anblicks, konnte ich mich dann auch einigermaßen ansehnlich auf die Suche nach meinen verstreuten Kleidungstücken machen. Während ich ziemlich hektisch alles zu-sammensuchte, beobachtete sie mich unauffällig aus den Augen-winkeln. Solche Dinge registriere ich ganz automatisch.
Hektisch war ich allerdings nur deshalb, weil ich die ganze Zeit die Luft anhalten und gleichzeitig versuchen musste, die Bauchmuskeln unter Spannung zu halten.
Einerseits aus Berechnung, andererseits, weil ihr Blick ziemlich abschätzend auf dieser Region ruhte, wie ich fand. Mehr als die Luft anhalten konnte ich nicht tun, auch wenn ein wesentlich ex-ponierterer Körperteil in dieser Region, keinesfalls pneumatisch zu beeinflussen war. Aber, das war auch nicht unbedingt notwendig. Glaube ich nicht nur, da bin ich mir sogar sicher.
Zu Simones großem Erstaunen war ich in kürzester Zeit komplett angezogen. Es ist wirklich erstaunlich und ich habe auch keine Erklärung dafür, aber ich scheine wohl einer der wenigen Menschen auf diesem Planeten zu sein, die sich schneller an- als ausziehen können. Möglicherweise doch noch ein weiteres Relikt aus meiner olivgrünen Vergangenheit. Da wurde das drillmäßig geübt.
Aber auch diese Angewohnheit hat bisher keine gravierenden Nachteile zur Folge gehabt. Ganz im Gegenteil.
Dann noch eine kurze Abschiedszeremonie, bei der ich noch ein-mal handgreiflich zukünftige Besitzansprüche geltend machte. Sie schien damit keine Probleme zu haben. Ich hingegen, folgte damit wahrscheinlich auch wieder nur, diesen unbewusst erworbenen Verhaltensweisen.
Alles nur Prägung. John Wayne … wahrscheinlich.
Unten vor der Haustüre atmete ich tief durch. Die Ereignisse hatten mich regelrecht überrollt. Wenns läuft, dann läufts. Einmal ins Rollen gebracht, folgt das Spiel dann ganz automatisch diesen uralten Regeln. Mag sein, dass einige dieser Regeln in den letzten Jahrzehnten etwas modifiziert wurden, aber im Grunde genommen gibt es eben nur Sieger und Verlierer. In diesem Fall fühlte ich mich eindeutig als Sieger. Mehr noch, als Hauptgewinner sogar.
Ein echter Hauptgewinn. Dem Mutigen gehört die Welt.
Da ich mir ja schlecht selber auf die Schulter klopfen konnte, zündete ich mir wenigstens eine Zigarette an.
Was war geschehen?
Sie war mit Abstand die heißeste Nummer im Fitnessstudio. Den Kollegen hing jedes Mal, meterlang die Zunge heraus. Besonders dann, wenn sie eifrig auf der Adduktorenmaschine übte.
Ich hatte mir das Spiel nun zwei Wochen lang angesehen. Niemand ging richtig ran. Hin und wieder mal ein halbherziger Vorstoß, aber kein wirklich konsequenter Angriff. Niemand traute sich richtig ran.
Warum …?
Ein altbekanntes Phänomen. Die wirklich tollen Frauen strahlen eine Aura aus, die fast undurchdringlich anmutet. Natürlich treffen sie eine Vorauswahl. Alle, die nicht in die engere Wahl kommen, prallen dort schon in fünf Metern Entfernung ab. Irgendwann, war ich es dann leid. Ich stellte mich einfach zwischen die rhythmisch abgewinkelten Beine und sah ihr tief in die Augen. Verschwitzt, dreist und siegessicher.
„Wo gehen wir denn anschließend hin?“
Zugegeben, nicht sonderlich einfallsreich. Auch intellektuell nicht allzu beeindruckend. Weder romantisch noch einfühlsam. Aber durchaus angemessen … wie ich fand.
Aber mal ehrlich, wenn eine Frau ständig in hautengen Leggins und straff sitzendem Body die Beine spreizt und dabei hingebungsvoll keucht, dann erwartet die keinesfalls, mit schöngeistigen Gedichten erobert zu werden. Das war jedenfalls meine Einschätzung der Lage. Die war auch absolut zutreffend. Deshalb und vor allem, weil es die Gefechtslage vor knapp drei Stunden gewesen war. Duschen, anziehen und dann ein Cappuccino beim Stamm-Italiener.
Natürlich war das ein Blitzsieg. Damit hatte ich auch nicht wirklich gerechnet. Aber wie bereits erwähnt, wenn man den richtigen Moment erwischt … dann darf man sich nicht lange mit sinnlosem Geplänkel aufhalten.
Sie hätte natürlich auch erbost ablehnen können, hatte sie aber nicht. Der Rest war Routine. Früher habe ich immer geglaubt, dass ich das Geschehen kontrollieren würde. Stimmt aber nicht. Wenn hier einer die Kontrolle hat, dann sie. Diese außerordentlich wichtige Erkenntnis hatte mich; genau wie die überwiegende Mehrheit meiner ebenfalls betroffenen Geschlechtsgenossen, erst relativ spät ereilt. Zu spät.
Man kann aus Fehlern lernen, man muss es aber nicht.
Mein Plan für diesen Abend war zwar ein anderer, aber manchmal überrollt einen eben einfach die Gelegenheit.
Improvisation ist … wenn es trotzdem klappt! Wer auch immer dabei die Kontrolle hat … ist doch nebensächlich.
Wenn jemand dafür Verständnis haben würde, dann war es Rolf. Den rief ich auch schnell an, nachdem ich mich noch einmal eifrig winkend, von der immer noch aufreizend barbusigen Simone an ihrem schwach beleuchteten Küchenfenster verabschiedet hatte.
Außer Sichtweite kramte ich das Handy hervor.
„Und … sind alle gekommen?“, fragte ich ihn.
„Bis auf dich sind alle hier. Aber vielleicht kannst du ja auch noch mal kommen … so langsam.“
„Ich mach mich sofort auf den Weg. Sag’ den anderen, dass mir was dazwischen gekommen ist. Aber ich beeil‘ mich.“
„Dazwischen gekommen. Schon klar. Beeil’ dich!“
Rolf schaltete ab.
Ich beeilte mich. Eigentlich wollte ich mit dem Motorrad zum Treffen fahren. Stilecht. Wenn es um die finale Planung einer Motorradtour geht, dann kommt man nicht unbedingt mit dem Auto. Aber eigentlich ist es völlig egal. Hauptsache, man kommt überhaupt.
