Bikerhotel II ( Kapitel 3)


Es zog sich. Es zieht sich immer, wenn man lange Strecken auf
der Autobahn zurücklegen muss. Mir war auch überhaupt nicht
kalt. Bei ungefähr 30°C friert man eben nicht. Ich hatte die Be-
lüftungsschlitze an meinem Textilanzug geöffnet, was es der
warmen Außenluft ermöglichte, mich heimelig zu umströmen.
Dieser heimelige Fahrtwind bläht dann die Kluft zwar ein wenig
auf -was einen Textilanzugträger dann auch aussehen lässt wie
dieses berühmte Michelinmännchen- sorgt aber auch für ein er-
trägliches Klima.
Auch Rolf bot keinen besonders erfreulichen Anblick. Er hatte
seine langen Beine von sich gestreckt und irgendwie in den aus-
klappbaren Zusatzfußstützen seiner Harley verkeilt. Die Hosen-
beine seiner alten Lederjeans waren nach oben gerutscht und
gaben den Blick auf seine ungewöhnlich weißen Waden frei. An
den Füßen trug er alte Turnschuhe. Für mich waren es jedenfalls
alte Turnschuhe. Er hingegen behauptete, es wären echte Harley
Davidson-Sportschuhe.
Das kann man aber mit Fug und Recht anzweifeln, nicht zuletzt
deshalb, weil er die Dinger für zwanzig Euro in einem dieser
türkischen Outletshops in Antalya geschossen hatte.
In diesem Laden hatte er sich vor einigen Jahren eingedeckt. Jede
Menge echter Harleyklamotten hatte er dort angeblich gefunden.
So ein Glückspilz. Das Prunkstück seiner Sammlung war eine
Ledermütze. Das Ding war derartig dicht mit den unterschied-
lichsten Harley Davidson-Aufnähern bedeckt, dass man die Grund-
farbe kaum noch erkennen konnte. Ich nenne das Ding nur
Narrenkappe. Rolf reagiert darauf immer beleidigt, zieht sie aber
trotzdem immer wieder an. Da kann man dann nichts machen.
Inzwischen war ihm wohl wieder eingefallen, dass er eigentlich
seine Reifen schonen wollte. Er ließ es etwas ruhiger angehen.
Das wiederum veranlasste Theo, seinerseits das Tempo zu er-
höhen. So kommt man voran. Der Letzte überholt jeweils den
Ersten. Dann schläft man auch nicht ein.
Kurz nach Mittag erreichten wir Baden-Würtemberg. Mag sein,
dass es da noch feinere regionale Unterteilungen gibt, für mich als
Rheinländer ist das aber eher -persönlich uninteressant- würde
einer unserer bekannteren heimischen Philosophen sagen.
Ober- oder Unterfranken, Nieder- oder Oberösterreich…das macht
für uns kaum einen Unterschied. Fremdartige Sitten und Ge-
bräuche und eine nur sehr schwer verständliche Sprache…damit
kommen wir schon zurecht.
Das haben wir auch in den diversen Stammesgebieten unserer
Großstädte. In Köln-Mülheim, Düsseldorf-Eller, Duisburg-Marxloh
und anderen Revieren. Wer dort klarkommt…schafft das überall.
Furchtlos rollten wir also weiter gen Süden, vom Prinzip her
…eigentlich der Sonne entgegen. Die allerdings, bewegte sich
gemächlich gen Westen. Wenn man’s genau nimmt, stimmt das ja
auch nicht. Die Erde dreht sich gen Osten. Die Sonne bewegt sich
überhaupt nicht. Die bleibt da wo sie ist und leuchtet vor sich hin.
Es ist die Erde, die sich dreht. Mit einem Affenzahn sogar.
Mal kurz gerechnet…einmal um die eigene Achse in 24 Stunden.
Das heißt: Durchmesser der Erde in Kilometern mal Pi geteilt
durch vierundzwanzig…das ist die Geschwindigkeit, mit der sich
die Erde dreht.
„Wären wir am Äquator und führen in Richtung Osten, dann wären
wir ungefähr 1.700 Stundenkilometer schnell. Mit mehr als
anderthalbfacher Schallgeschwindigkeit wären wir unterwegs..!“,
verkündete ich mein Kopfrechenergebnis beim nächsten Halt.
Theo sah mich misstrauisch an. Rolf schaute erst auf seine Uhr
und sah mich dann ebenfalls schweigend an.
„Das stimmt … !“, behauptete ich selbstsicher.

„Sieht ganz gut aus“, behauptete dann Dietmar.
„Wer oder was … sieht ganz gut aus?“, wollte Rolf wissen.
„Na, die Uhrzeit. Wir liegen gut in der Zeit“, meinte Dietmar.
„Geht so“, nörgelte Theo leise und folgte Charly ans Gebüsch
neben dem Parkstreifen.
„Wie lange isses denn noch“, wollte Rolf dann wissen und wühlte
in seinen riesigen Harleykoffern herum.
„Ungefähr….drei Stunden…wenn wir ordentlich Gas geben“,
murmelte ich und betrachtete nachdenklich das aufgedruckte Ver-
fallsdatum auf der blauen Plastikflasche aus meinem Tankruck-
sack. Rolf summte leise vor sich und fummelte andächtig mit
einem kleinen Schraubenschlüssel an einigen verdächtigen
Schraubverbindungen seiner Harley herum.
„Warum nimmste denn kein Loctite“, wollte Dietmar wissen.
„Nehm‘ ich doch. Trotzdem…“, erklärte Rolf und schraubte in-
brünstig weiter herum.
„Noch einmal tanken, dann kommen wir hin“, rechnete ich kurz.
„In Österreich ist es aber billiger, viel billiger“, wusste Dietmar.
„Fünfzehn Cent pro Liter, deswegen halten wir doch nicht noch mal
extra an“, wunderte sich Rolf.
„Du hast es ja…ich verschenke doch nicht…?“
„Zwei Euro?“, fragte ich. Dietmar nickte entschlossen.
„Ich geb‘ dir dafür ein Bier aus“, sagte Rolf. Dietmar überlegte.
„Mir auch?“, wollte Charly wissen. Rolf sah mich entnervt an.
„Hier geht‘s ums Prinzip“, nervte Dietmar weiter.
„Hier geht es um Zeit“, korrigierte ihn Theo.
„Anderthalbfache Schallgeschwindigkeit…das muss man sich mal
vorstellen..“, fiel mir wieder ein.
„Du hast sie doch nicht alle“, murmelte Rolf und tippte sich an die
Stirn. Enttäuscht trank ich meine blaue Plastikflasche leer. Das
isotonische Zeug schmeckte scheußlich. Vermutlich hätte es aber
genau so scheußlich geschmeckt, wenn es nicht schon zwei Jahre
über dem Verfallsdatum gewesen wäre. Man muss eben sparen
wo man kann.
Nach einer weiteren Stunde überholte ich, blinkte eifrig und fuhr
kurz entschlossen von der Autobahn ab. Tanken an einem dieser
Autohöfe. Dort ist es meistens leer und der Benzinpreis ist auch
etwas niedriger. Gehorsam folgte mir die Gruppe.
Nachdem wir getankt hatten..wurde geraucht. Abseits der Tank-
säulen natürlich. Irgendwo am Rand des Autohofes.
„Bratwurst wäre nicht schlecht“, behauptete Dietmar und schielte
zu einem Imbisswagen rüber.
„Bratwurst? Davon kannst du nachher noch genug kriegen. Wenn
wir rechtzeitig ankommen, packen wir unseren Krempel ins
Zimmer und dann geht’s zum Bikerfest. Da hast du dann Bratwurst
bis der Arzt kommt“, erklärte ihm Rolf.
„Was ist das denn für ein Bikerfest, was ist denn da los?“, wollte
Theo neugierig wissen. Theo war das erste Mal dabei.
„Wirst du schon sehen. Besser, du nimmst deinen Helm mit. Wenn
die ordentlich abgefüllt sind, geht’s da immer rund“, erklärte ihm
Charly. Rolf nickte bestätigend. Theo sah mich fragend an.
„Naja, das ist eben kein Pfadfindertreffen“, erklärte ich ihm,“ die
sind da manchmal ein bisschen … naja …sagen wir mal: Handfest!
Das trifft es wohl ganz gut.“
„Könnte man sagen“, grinste Rolf.
Theo nickte zwar verstehend, man konnte aber deutlich erkennen,
dass er noch Fragen hatte. Charly erbarmte sich.
„Kommt immer drauf an, wer da alles kommt. Wenn die Banditen
kommen … wird’s ziemlich eng. Bisher sind die aber erst einmal
gekommen.“ Charly zog kurz die Brauen hoch und schwieg dann.
„Da brauchten die aber am nächsten Tag wenigstens das Zelt nicht
mehr abzubauen“, fuhr Dietmar fort und stöhnte altklug.
„War ja auch keiner mehr übrig, der das noch hätte machen
können“, ergänzte Rolf. Dietmar nickte bestätigend.
„Alles nur Räuberpistolen. Hörensagen. Das ist ein ganz normales
Bikerfest. Aufgemotzte Kisten, laute Musik, scharfe Weiber, viel
Alkohol … das Übliche eben“, versuchte ich, die ganze Sache
wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubiegen.
„Wir werden’s ja erleben“, murmelte Theo nachdenklich.
Der Theo, auch ein echter Bergischer Junge. Aus dem alpinen Teil
des Rheinlandes. Wir haben da Erhebungen, die sind teilweise bis
zu 500 Meter hoch…ungefähr. Vielleicht sind es auch nur 400
Meter. Jedenfalls, wenn’s in Köln und Düsseldorf regnet, schneit
es bei uns schon. Also … im Winter natürlich. Wenn man es ein-
mal geografisch und historisch betrachtet, bildet das Bergische
Land ein natürliches Bollwerk gegen die wilden Stämme des
Ostens. Damals … also früher, meine ich.
Diese Hunnen, Mongolen, Sachsen, Westfalen …alle diese
Völkerstämme hätten das Bergische Land durchqueren müssen
um an den Rhein zu gelangen. Hätten…haben sie aber nicht.
Die Bergischen haben dafür gesorgt, dass die Kölner in Ruhe ihren
Dom bauen und ihr allseits beliebtes Bier brauen konnten.
So sieht’s nämlich aus, liebe Kölner.
Man sagt den Bergischen auch einen gewissen Starrsinn nach.
Es fehle ihnen ein wenig an der lockeren Fröhlichkeit der Kölner.
Kunststück … unsere Vorfahren hatten eben keine Zeit für
Karneval. Die mussten sich mit den Mongolen und Westfalen
herumschlagen. Heute haben wir nur noch mongolische
Restaurants … zum Glück können die Westfalen nicht kochen.
O.K, vielleicht doch, aber selbst wenn, da würde niemand hin-
gehen.
Der Bergische Motorradfahrer an sich, ist relativ furchtlos. Das liegt
möglicherweise an der erwähnten Historie, wäre demnach also
genetisch bedingt, oder aber, was auch nicht gänzlich auszu-
schließen ist, es liegt an den Straßen im Bergischen Land.
Wenn man da, von frühester Jugend an, auf diversen Zweirädern
unterwegs war, dann formt das in gewisser Weise den Charakter.
Heraus kommt dann am Ende … so ein Typ wie Theo.

Der übernahm auch wieder die Führung.
Wir waren inzwischen in der Nähe von Ulm. Also nicht direkt in
Ulm, sondern um Ulm herum. Irgendwo … da.
Jetzt ging es praktisch nur noch geradeaus. Am Horizont
schimmerten bereits die ersten Ausläufer der Alpen durch den
Dunst. Dunst ist nicht so gut, das hat immer etwas mit Wasser zu
tun. Hatte es diesmal auch … kaum realisierte ich das erste Hin-
weisschild auf dem Österreich erwähnt war, schon zog es sich zu,
wie man so schön sagt. Es zieht sich immer erst zu … danach
kübelt es dann wie aus Eimern. In den Alpen jedenfalls. Bei uns zu
Hause zieht es sich öfter mal zu. Danach dann auch wieder auf …
in den Alpen macht es das nicht.
Wenn da die dunklen Wolken kommen … dann kommen da die
dunklen Wolken. Und dann geht’s los. Aber richtig.
Dann empfiehlt es sich, wasserdichte Kleidung zu tragen. Eine
türkische Designer-Harleyjacke ist da im Regelfall weniger ge-
eignet. Im Regenfall … oder gar im Wasserfall … überhaupt nicht.
Eine Textilkombi mit geöffneten Belüftungsschlitzen … auch nur
bedingt. Ein technischer Halt war also von Nöten.
Mangels geeigneter Alternativen stoppten wir unter einer Auto-
bahnbrücke. Das kann man machen, darf man aber eigentlich
nicht. Unter einer Brücke bekommt man allerdings deutlich weniger
von der Gischt ab, die von den im Trocknen sitzenden Autofahrern
aufgewirbelt wird. Vor allen Dingen dann, wenn die bei Starkregen
mit hundertachtzig Sachen und in zwei Metern Abstand an einem
strippenden Moppedfahrer vorbeihuschen.
„Von Sintflut war aber nicht die Rede“, nörgelte Rolf und suchte
nach seinen Regenklamotten. Seine Harleyjacke hatte zwar
schöne Aufnäher, aber dafür etwas wenig Imprägnierung.
Man kann eben nicht alles haben.
„Ich hab‘ ja Wasserbüffel“, gab Charly an, „ und dieses Dingens…
dieses Hydrotexfutter. Da geht nichts durch. Testsieger…!“
Zufrieden mit sich und seiner Jacke grinste er Rolf an. Der hatte
sich inzwischen eine Regenkombi übergezogen. Im klassischen
Müllmann-Orange. In Kombination mit dem Policehelm und der
Sonnenbrille … ein sehr individuelles Outfit.
Mit einem ohrenbetäubenden Gebrüll röhrte ein Porsche an uns
vorbei. Die Akustik unter dieser Brücke war fantastisch.
„Weißt du eigentlich, wie du aussiehst?“, schrie Dietmar, der das
eigentlich gar nicht wissen sondern nur verkünden wollte.
„Ich weiß, aber bei mir ist das nur die Regenkombi. Die kann ich
wieder ausziehen. Du müsstest dich aber operieren lassen.“
„Ich finde die alle beide hässlich“, verriet mir Charly.
„Auch wenn ich die Regenkombi nicht anhabe?“, schwulte Rolf.
„Je mehr du ausziehst, um so schlimmer wird’s“, brüllte ich, denn
ein tiefergelegter BMW schoss gerade auf der Überholspur vorbei.

Draußen, also weit hinter der Brücke, zog es sich langsam wieder
auf. Wir hatten nun genug Zeit verloren.
Nach einer halben Stunde erreichten wir das Territorium der Alpen-
republik Österreich. Eigentlich ja Tirol … aber die Regierung in
Wien behauptet hartnäckig …noch undurchsichtiger ist allerdings
diese Sache mit Südtirol. Luis Trenker war eigentlich ein Italiener.
Verrückt oder ?
Luis Trenker…das muss man sich mal vorstellen.
Das ist ungefähr so, als wäre Willy Millowitsch im Düsseldorfer
Kommödchen aufgetreten…oder die Toten Hosen im
Müngersdorfer Stadion. Kulturelles Chaos … weltweit.

Wir waren jedenfalls in Tirol…in Nordtirol, nicht in Italien.
Theo hatte angehalten und eine Landkarte entfaltet.
Auf einer Landkarte wirkt dieses Tirol ziemlich überschaubar. Es ist
aber deutlich größer, als es auf den ersten Blick erscheint.
Verglichen mit Holland … den Niederlanden, die ja ziemlich flach
sind, ist Tirol mit relativ vielen und relativ hohen Berge übersät.
Man stelle sich nun vor…rein theoretisch, man würde diese Berge
flach drücken! Nicht verstanden? O.K…noch anders. Wir basteln
uns eine dreidimensionale Karte von Tirol und drücken die dann
platt. Dann wäre sie nur noch annähernd zweidimensional, hätte
aber deutlich mehr Grundfläche als vorher. Jetzt verstanden?

Theo nickte nachdenklich und sah mich an. Er konnte anscheinend
folgen. Aber er kannte die Pointe noch nicht. Die erklärte ihm dann
Rolf: „Pass auf! Wenn man einen Berg hochfährt und dann an der
anderen Seite wieder herunter, dann fährt man ja zweimal die
Hypotenuse…wenn man jetzt mal zwei Dreiecke aneinanderlegen
würde. Die rechten Winkel jeweils innen und unten. Auf dieser
zweidimensionalen Karte hier, sieht man dann aber nur die zwei
Katheten, verstehst du. Die tatsächliche Strecke ist also deutlich
länger als man auf der Karte erkennen kann. Weil die eben nur
zweidimensional ist, die Karte. Ist doch ganz einfach.“
„O.K …Tirol ist also größer als Holland und die Straßen sind länger
als auf der Karte. Was sagt uns das jetzt?“
„Eigentlich ist es egal. Wir wollten dir eben nur die Besonderheiten
hier klarmachen. Traue den Karten nicht…die täuschen.“
„Ihr kennt euch doch hier aus, warum fahrt ihr denn nicht vor? Am
besten immer an den Katheten entlang. Dann müsste es doch
schneller gehen … oder nicht?“, fragte er dann kopfschüttelnd und
faltete seine Karte wieder zusammen. Offensichtlich hatte er es
kapiert. Erstaunlich schnell, Rolf hatte damals länger gebraucht.
„Auf geht’s!“, rief Rolf und startete seine Harley. Den Müllmann-
Overall hatte er wieder in seinen Koffern verstaut. Wenn auch
die Straßen noch leicht feucht waren, ein wenig Optik …
Es waren noch ungefähr 50 Kilometer … bis zum Hotel.

Bikerhotel II (Kapitel 2)


Samstagmorgen … ungefähr acht Uhr.

„Was hab ich gesagt?“, nörgelte Charly.
„Was hast du denn gesagt?“, erkundigte ich mich, nicht wirklich
neugierig. Ich drückte Rolf meinen Helm in die Hand und schob die
Gelbe zur nächsten Tanksäule. Mühsam hebelte ich das schwere
Teil auf den Hauptständer. Ich öffnete den Reißverschluss des
Tankrucksacks und klappte ihn hoch. Für den Tankverschluss
braucht man aber den Schlüssel. Ich klappte den Tankrucksack
also wieder herunter. Immer schön zuerst den Schlüssel vom
Zündschloss abziehen. Dann stellte ich fest, dass ich von dieser
Seite nicht an die Zapfpistole herankam.
Die anderen beobachteten meine Bemühungen mit offensicht-
lichem Interesse. Als ich die Zapfpistole dann von der anderen
Seite in die Tanköffnung einführen wollte … kam mir der Rüssel
ein wenig groß vor.
DIESEL … entzifferte ich.
Kann vorkommen … dann eben die andere. Endlich summte die
Pumpe und ich fummelte an diesem Feststeller herum. Das Ding
funktionierte nicht. Bei mir funktionieren die nie. Keine Ahnung
warum. Beim Einfüllen des allerletzten Liters spritzte mir das teure
Super wieder einmal auf die Brille. Macht nichts, die musste ich
sowieso noch putzen.
Ich bezahlte und schob mühsam die beladene Gelbe wieder
zurück zu den wartenden Kollegen.
„So ganz wach … bist du aber auch noch nicht“, behauptete Rolf.
„Ich bin topfit!“, log ich und suchte im Tankrucksack nach einem
Brillenputztuch. Dieser verdammte Tankrucksack! Da packe ich
immer alles hinein, was ich irgendwann einmal brauchen könnte.
Oder…von dem ich glaube, dass ich es irgendwann einmal
brauchen könnte. Alles dabei…Taschenlampe, Kombizange,
Karamellbonbons, Ersatzhandschuhe, diverse kleinere Behälter
mit isotonen Getränken und Motoröl, Landkarten…alles dabei.
Allerdings auch einige merkwürdige Dinge, von denen ich beim
besten Willen nicht mehr wusste, warum ich die jemals dort hinein-
gepackt hatte. Wer sich schon immer über den absonderlich er-
scheinenden Inhalt von Damenhandtaschen gewundert hat, mein
Tankrucksack kann da locker mithalten. Aber ganz locker!
Wütend verteilte ich den unübersichtlichen Krempel auf der Sitz-
bank und den Koffern. Charly und Dietmar näherten sich vorsichtig
und beobachteten neugierig meine Aktivitäten.
Theo schlich sich mit seiner Kamera an.
„Was‘n das?“, fragte Charly und hielt mir eine zerdrückte, kleine
Pappschachtel vor die Nase.
„Wonach sieht’s denn aus?“, giftete ich und wühlte weiter.
„BIL..LI..B…O…?“, buchstabierte Charly mühsam.
Dietmar hatte scheinbar auch etwas Interessantes entdeckt.
„Ist das Gleitcreme?“, fragte er verwundert und hielt eine Tube mit
kaum noch lesbarer Aufschrift hoch.
„Nein verdammt, das ist Handwaschpaste. Die kannst du aber
auch gerne als Gleitcreme verwenden. Vielleicht gefällt’s dir ja, da
ist Quarzsand drin“, versuchte ich, ihn abzuschrecken.
Charly hatte inzwischen einen Billyboy aus der Verpackung befreit.
„Was’n das für ‘ne komische Farbe? Das ist bestimmt mit
Himbeergeschmack“, rätselte er mit angeekelter Miene und
schnupperte an dem Ding herum.
„Meine Güte! Warum lasst ihr nicht eure unegalen Finger weg?
Himbeer, Erdbeer…was weiß ich? Ich hab‘ die Dinger noch nie
probiert. Keine Ahnung wonach die schmecken. Frag‘ doch mal
Dietmar!“ Dietmar erklärte sofort und total empört, überhaupt keine
Ahnung zu haben, wonach Billyboys mit Himbeeraroma nun genau
schmecken könnten.
„Ihr könnt euch doch auch noch später verabreden. Dann könnt ihr
in aller Ruhe die Himbeergummis und die Gleitwaschpaste aus-
probieren. Mir ist das total egal. Ich will nur langsam los“, meckerte
Rolf und stülpte meinen Helm über den rechten Spiegel der
Gelben.
„Mach wenigstens das Visier hoch“, beschwerte ich mich, während
ich meinen ganzen Kram wieder in den unendlichen Tiefen des
Tankrucksacks verstaute. Brillenputztücher hatte ich zwar keine
gefunden, dafür aber- ein schon etwas älteres Schreiben vom
Finanzamt. Dem Poststempel nach- älter als sechs Wochen.
Dann kann man sowieso nichts mehr machen.
Ich stopfte den ungeöffneten Umschlag wieder ganz tief nach
unten, noch unter die Tüte mit den Reservesocken.
„Wie kommt denn ein Brief vom Finanzamt in den Tankrucksack?“,
fragte ich Rolf verwundert und kramte in meinem Gedächtnis.
„Ich hab‘ ihn da nicht reingesteckt. Wahrscheinlich Hexerei …
oder beginnender Alzheimer. Können wir jetzt endlich los?“
Rolf drängelte nicht ganz grundlos. Er fährt eine Harley, alle
anderen fahren BMW. Man sitzt ganz gut … auf einer BMW.
Auf einer Harley sitzt man allerdings noch besser. Speziell auf
einer E-Glide.
Allerdings, Sitzen ist die eine Sache…Fahren die andere.
Erschwerend kam hinzu, dass er seine Reifen etwas schonen
wollte. Wollte, kann man eigentlich nicht sagen, er musste.
„Wer fährt denn vor?“, fragte Dietmar vorsichtig. Charly hatte wohl
nicht hingehört und fummelte an seinem Hinterrad herum.
„Mir egal … ?!“, sagte Rolf und blickte kurz und entschlossen in die
Runde. Genau genommen hätte er eigentlich sagen müssen:
„Wenn niemand etwas dagegen hat, dann fahre ich vor.“
Mir war es aber wirklich egal, den anderen Kollegen anscheinend
auch. Na dann also los, immer hinter der Harley her.

Immer hinter der Harley her. Klar, kein Problem…denkt man.
Das denkt man aber nur so lange, bis man hinter Rolf herfährt.
Natürlich ist seine Harley kein Rennhobel. Die Kiste läuft bei gutem
Wetter und mit viel Glück …vielleicht so um die hundertsiebzig
Sachen…ungefähr. Dann hat er aber auch schon das absolute
Limit überschritten. Das kann man dann auch an mehreren Details
erkennen. Nicht nur einfach erkennen, sondern gesamtsinnlich
erleben…also visuell, akustisch und sogar mit Hilfe der Haut-
rezeptoren. Der unförmige Eimer schlingert dann wirklich furcht-
erregend über die Straße. Die Furcht wird aber nur beim Hinterher-
fahrenden erregt. Rolf selbst, beeindruckt das überhaupt nicht.
Nicht die Bohne. Wer nicht genau weiß, wie ein schlingerndes
Motorrad aussieht, bei dieser Gelegenheit kann man es schul-
buchmäßig beobachten. Die bei dieser Gelegenheit; also Vollgas
bis an die Belastungsgrenze der Pleuel, die also dabei erklingende
akustische Begleitmusik, kann man ohne jede Übertreibung, als
wahrhaft ohrenbetäubend bezeichnen. Das liegt sicherlich auch
daran, dass Rolf entschieden hat, sämtliche Innereien seiner Aus-
pufftöpfe zu entfernen. Das spart Gewicht und sorgt für einen
freien Gasfluss. Das hat er mal irgendwo in einem Buch gelesen.
Vermutlich in einem dieser Bastelbücher vom Flohmarkt.
Charly hat ihm dann assistiert, bei der großen Operation:
-Wie entkernt man einen Endschalldämpfer?-
Nun, wie wohl? Mit einem Kernbohrer natürlich. Die gute, alte Hilti
genommen, einen entsprechenden Bohraufsatz eingedübelt … und
dann so lange reingehalten, bis keinerlei metallische Geräusche
mehr zu hören waren. So würden sie es auch in Amerika machen,
hat Charly behauptet. Der muss es ja wissen.
Rolf schwört Stein und Bein, dass sie nach dieser Operation deut-
lich spürbar mehr Leistung habe, seine Harley. Ich halte das zwar
eher für eine akustische Täuschung, aber ist doch egal, des
Menschen Glaube ist sein Himmelreich.
Wie auch immer, das Ding dröhnt dermaßen, dass jedem Hinter-
mann nicht nur die Ohren klingeln, sondern schon nach wenigen
Minuten der gesamte Schädel vibriert. Selbst mit Ohrstöpseln ver-
sehen, muss man mindestens fünfzig Meter Abstand halten.
Und damit nicht genug. Wenn der gequälte 1.600 Kubikzentimeter
V2-Motor an seine Drehzahlgrenzen gebracht wird, versprüht er
immer einen feinen Ölnebel. Den zieht Rolf dann wie einen
Kondensstreifen hinter sich her. Wehe dem Ahnungslosen, der
dann nicht genug Abstand hält.
Das also zum Thema: Immer hinter der Harley her…!

Sei’s drum, Rolf gab seiner Harley die Sporen. So wie er es eigent-
lich immer macht. Fehlende Motorleistung wird einfach durch
Furchtlosigkeit kompensiert. Wahnsinn, sagen einige Leute, die
kennen Rolf aber nicht gut genug. Er pflügte uns also einen Pfad
durch den mäßig starken Autobahnverkehr. Um Köln herum und
dann in Richtung Frankfurt ist immer Verkehr. Am Tag, in der
Nacht, selbst an Sonn- und Feiertagen drängeln sich hier die
Autos. Die A3 schläft nie.
Schlingernd, dröhnend und Öl sprühend schlängelte sich die
Harley durch die Autokolonnen. Mal links, mal rechts, wo eben
gerade Platz war. Das Tempo, dass er dabei vorlegte, zeigte mir,
dass er wohl unbedingt pünktlich zum Abendessen im Hotel an-
kommen wollte. Cruisen geht anders.
Mir war’s egal, diese nervtötende Autobahnfahrerei hasse ich
sowieso. Je schneller wir diese endlos erscheinenden 700 Kilo-
meter hinter uns brachten, um so besser.
Der Plan ist immer: Jede Stunde eine kurze Pause. Ein Schluck
aus der Mineralwasserflasche, ein bis zwei Zigaretten… und dann
weiter. Halbzeit gegen Mittag, irgendwo eine Asischale…also
Currywurst mit Pommes oder eine ähnlich nahrhafte, ballaststoff-
und vitaminreiche Zwischenmahlzeit…und dann wieder los.
Der Weg ist hier auf gar keinen Fall das Ziel. Aber überhaupt nicht.
Kein einziger Millimeter davon. Der Weg ist ätzend. Das Ziel ist
das Ziel. Ankommen, einfach nur ankommen.
Natürlich hätten wir auch gemütlich über die Dörfer fahren können,
auf halber Strecke dann irgendwo übernachten und dann ganz
gemütlich am nächsten Tag ankommen. Das hätten wir natürlich
auch machen können. Andere Leute machen das so. Wir nicht!
Warum nicht? Nö, machen wir nicht. Haben wir noch nie gemacht.
Losfahren …durchfahren …ankommen. So machen wir das. So
haben wir das schon immer gemacht, so werden wir das auch
weiterhin machen. Ganz einfache Kiste …
Dann darf man sich natürlich auch nicht beschweren.
Wer beschwert sich denn hier? Niemand beschwert sich… aber
behaupten, dass es ätzend ist, wenn man stundenlang über die
Autobahn fahren muss, das muss ja wohl erlaubt sein.
Rolf musste seine Reifen schonen. Das wusste er, das wusste ich,
ob die Anderen das wussten…weiß ich jetzt auch nicht. Ist ja auch
egal. Die Reifen schont man, wenn man nicht allzu schnell fährt.
Wie schnell man fahren darf um nun effektiv seine Reifen zu
schonen, hängt davon ab … kommt immer darauf an… weiß
eigentlich keiner so genau. Manche behaupten, das hundert-
sechzig Stundenkilometer die magische Grenze seien.
Ich habe keine Ahnung. Rolf auch nicht. Ich könnte mir allerdings
vorstellen, dass originale amerikanische Harley-Davidson Weiß-
wandreifen, dass diese Dinger also schon bei weitaus geringerer
Durchschnittsgeschwindigkeit an Substanz verlieren. Der
amerikanische Harleyfahrer, fährt nämlich nur sehr selten schneller
als hundertsechzig Stundenkilometer; wie schnell auch immer das
in Meilen sein mag. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Rolf fährt nur dann langsamer, wenn er unnatürliche Geräusche
aus dem Motorraum vernimmt. Das er die überhaupt wahrnehmen
kann, kommt für mich einem Wunder gleich. Das er überhaupt
noch etwas hören kann, nach spätestens zehn Minuten auf seiner
Kiste, ist mir ohnehin völlig unverständlich. Ob ich das nun ver-
stehe oder nicht … es ist aber wohl so. Sagt er jedenfalls.
Unnatürliche Geräusche, was kann er damit meinen? Für mich
sind sämtliche Geräusche, die seine Harley so von sich gibt …
Aber er hat ein Gespür dafür entwickelt. Er kann sogar heraus-
hören, ob und wann sein Ölvorrat zur Neige geht. Dann klappern
die Stößelstangen anders…hat er mir mal erklärt.
Dieser Beethoven unter den Harleyflüsterern.
Ich höre bei meiner Gelben jedenfalls nichts derartiges. Es wäre
natürlich äußerst hilfreich, wenn man bei dem Boxermotor meiner
Gelben hören könnte, wann Öl nachgefüllt werden muss. Sehen
kann man es nämlich auch nicht so richtig. Früher gab es
Ölpeilstäbe, heute gibt es dafür äußerst raffiniert angebrachte
Schaugläser. Nach einer nur für Eingeweihte halbwegs verständ-
lichen Prozedur; der exakte Ritus ist nach wie vor heftig umstritten,
muss man sich dann bei warmem Motor und in exakt
waagerechter Position des Motorrads, dann natürlich noch im
richtigen Winkel, mehr oder weniger ehrfurchtsvoll niederknien und
dann versuchen, den aktuellen Ölinhalt am raffiniert unter dem
Auspuff versteckten Schauglas abzulesen.
Der genaue Ablauf des Opferkults der alten Azteken bei der
Sommersondenwende, die kultischen Handlungen bei der In-
thronisierung der altägyptischen Pharaonen…Pillepalle gegen die
prozessualen Abläufe einer genauen Ölmengenbestimmung bei
einem modernen Boxermotor von BMW.
Tradition verpflichtet eben…nicht direkt getrieben von Ehrfurcht,
mehr von Neugier, trotzdem kniend vor dem Meisterwerk, erkennt
man erst den wahren Geist in der Maschine. Vielleicht war es ja
auch das, was die Ingenieure dazu veranlasst hat, den guten, alten
Peilstab abzuschaffen und durch dieses magische Auge zu er-
setzen. Irgendwas muss man sich doch dabei gedacht haben.
Vielleicht liege ich aber auch voll daneben, mit meiner Theorie.
Teutonischer Aberglaube … womöglich.
Der schnöde Harleyfahrer jedenfalls, amerikanisch frei und völlig
unbelastet von jeglicher tieferen Einsicht in die konstruktiven Be-
sonderheiten und Notwendigkeiten moderner Motorenbautechnik,
dieser besagte Harleyfahrer zieht einfach nur seinen Ölpeilstab
heraus und weiß dann ganz genau, was die Stunde geschlagen
hat. So macht man das!
Rolf machte es jedenfalls so.
„Kannst du erkennen, wie viel da fehlt?“, fragte er Dietmar und hielt
dem den Metallstengel vor die Nase. Rolf hat zwar auch eine Brille,
zieht die aber nur an, wenn er etwas lesen muss.
„Kipp‘ ordentlich rein. Ich seh da nix. Das Ding ist trocken, kipp‘
einfach rein … die Plörre. Was zu viel ist, haut der Bock sowieso
wieder raus.“ Dietmar ist da eher großzügig.
Öl kann nie genug drin sein, behauptet er immer. So ähnlich hält er
es auch mit den Getränken.
Obwohl es sich dann da, eher um den Geist des Weines, als um
den Geist des Motors dreht. Hauptsache, es dreht sich alles.
Rolf kippte zwei Liter rein und wir fuhren weiter.

Und nun auch noch…Silvester und Neujahr!

Traditionell feiern wir nun also den Jahreswechsel.
-Same procedure as every year-.
Traditionell verlautbaren wir bei dieser Gelegenheit auch unsere guten Vorsätze für das kommende Jahr. Ich habe keine Idee, was ich im neuen Jahr anders oder besser machen werde, als in diesem. Ich werde auf alle Fälle weiterrauchen und weiterschreiben.
Allen Lesern und Besuchern dieser Webseite wünsche ich, dass sie ihre Wünsche und guten Vorsätze im kommenden Jahr irgendwie realisieren können.
In diesem Sinne…Kopf hoch und weitermachen.

Schon wieder….Weihnachten!

Völlig überraschend-wie fast in jedem Jahr-bricht dieses berüchtigte Weihnachten über uns herein. Da kann man nichts machen. Augen zu und durch. Das ist meine Meinung zu diesem Thema.
Andererseits… da gibt es eine Menge Leute, die das völlig anders sehen.
Auch gut. Denen wünsche ich hiermit frohe, fröhliche, gesegnete oder sonstige Feiertage. Jeder/Jedem das, was sie/er gerne hätte.

Bikerhotel II (Kapitel 1)


„Leder oder Textil ?“, wollte die Verkäuferin wissen und sah uns
kurz und abschätzend von oben bis unten an. Nicht wirklich neu-
gierig oder gar interessiert, einfach nur abschätzend. Sie lächelte
dann auch verkäuferinnenmäßig- leicht verspätet zwar- aber
immerhin. Ich starrte einige Sekunden unbeherrscht auf ihre wirk-
lich gut sitzende Lederjeans. Sie lächelte trotzdem weiter, fast so,
als würde sie sich geschmeichelt fühlen.
„Tja …?“, murmelte ich nachdenklich und auch ein wenig unsicher,
„ eigentlich finde ich Leder ja besser…obwohl?“
„Die modernen Leder sind mit den älteren kaum noch zu ver-
gleichen, da hat es einige Neuerungen gegeben in den letzten…“
„Zwanzig Jahren?“, half ich ihr. Sie hatte nämlich ihren Blick länger
auf Charlys Lederjacke gerichtet.
„Na und…?!“, grunzte der, „ nur die Taschen sind ein bisschen…“
„So alt sieht deine Jacke aber nicht aus“, lächelte sie tapfer weiter.
Man wird fast überall geduzt, in diesen Moppedklamottenläden.
Nicht immer und überall … aber von den guten Verkäufern schon.
„Immer fleißig mit Lederfett behandelt“, konterte Charly stolz. Sein
Prachtstück hatte tatsächlich schon über zwanzig Jahre auf dem
Buckel.
„Die gute alte Highwayjacke aus dem Sortiment vom toten Hein
Gerippe. Aus dem früheren Sortiment, aus der guten alten Zeit,
damals, als man noch richtige Kühe verarbeitet hat. Kugelsicher
und wasserdicht, so wie es eigentlich sein soll, so eine Jacke ist
das noch. So mag er es nämlich, der Kollege hier “, erklärte ich der
nun doch etwas verblüfft dreinblickenden Verkäuferin.
„Welches Motorrad?“, fragte sie und sah uns nachdenklich an.
„‘ne GS…was sonst?“, verkündete Charly, nicht direkt stolz aber
überzeugt. Sie nickte gelassen, als ob sie es geahnt hätte.
„Die fahren fast alle mit Textilsachen, mit den qualitativ höher-
wertigen Textilsachen …natürlich. Da haben wir einige sehr ge-
fragte und gängige Modelle hier. Ich zeige euch mal was. Kommt
mal mit, da hinten haben wir zum Beispiel…“
„Habt ihr auch Leder? Ich meine richtiges ordentliches Leder. Nicht
dieses Fensterleder mit diesem Nanodreck. Ich meine … richtiges,
ordentliches, vernünftiges Leder. So wie die olle Highwayjacke
hier. Nur eben in modern. Jetzt nicht zu modern, aber ungefähr so
wie die hier…?“
Die Verkäuferin blickte Charly nachsichtig an, so nachsichtig wie
eine Krankenschwester einen Dementen ansieht, wenn der zum
fünften Mal innerhalb von zwei Minuten nach der Uhrzeit fragt.
„Die Verarbeitung ist mittlerweile deutlich verbessert worden.
Heute macht man das nicht mehr. Die Anforderungen an den
Tragekomfort und die Fortschritte im Bereich der Klima…“
„Klima brauch‘ ich nicht. Reißverschluss auf, dann hat man genug
Klima. Reißverschluss zu, und die Hütte ist wasserdicht. Nicht
ganz, aber fast. Wenn’s richtig kübelt, kommt die Plastikjacke
drüber … und fertig. Kein Klimatex, kein Nanoscheiß … braucht
kein Mensch, diesen Kunststoffmembranquatsch. In der Jacke hier
kann ich hundert Meter über die Autobahn schmirgeln. Die kann
das ab, da hat sich dieser Textilkram schon drei Zentimeter tief in
die Haut reingebrannt.“ Charly ließ sich nicht beirren. Die Ver-
käuferin sah mich etwas ratlos an.
„Alte Schule…der ist weitestgehend beratungsresistent. Habt ihr
vielleicht irgendwas aus Dinosaurierleder? Das würde ihm wahr-
scheinlich gefallen“, behauptete ich. Charly schnaubte empört.
Die Verkäuferin blickte Hilfe suchend umher. Der einzige an-
wesende Verkäuferkollege hatte sich aber scheinbar schnell ver-
steckt. Wir waren die einzigen Kunden in dem Laden. Was nun
natürlich zwangsläufig zur Folge hatte, dass sich die arme Ver-
käuferin weiter mit uns beschäftigen musste.
„Leder haben wir hier“, erklärte sie erleichtert und deutete auf eine
lange Reihe von Lederjacken. Charly befummelte bereits mit auf-
gesetzter Kennermiene das Angebot.
„Das ist doch alles Chinakrempel“, nörgelte er, „Booahh …guck
mal hier, damit kannste höchstens in ‘ner Schwulenkneipe auf-
laufen. Wer zieht den so ‘nen Tuntenkram an?“, wollte er von mir
wissen. Die Verkäuferin lächelte kaum noch. Sie versuchte es
zwar, es gelang ihr aber nicht mehr richtig.
„Einige von diesen Jacken werden auch bei anderen Gelegen-
heiten getragen, das ist mittlerweile keine reine Funktions-
bekleidung mehr“, versuchte sie mutig, Charlys kritische Be-
urteilung zu relativieren.
„Andere Gelegenheiten. Bei welcher Gelegenheit zieht man sich
denn so ‘ne Kasperlejacke an, außer vielleicht beim CSD…?“,
wunderte sich Charly und hielt eine mehrfarbige Fransenlederjacke
hoch. Er sah die Verkäuferin fragend an.
„Christopher Street Day…!“, übersetzte ich. Sie schüttelte ver-
zweifelt den Kopf und blickte suchend im Laden umher. Ihr Kollege
hielt sich aber weiterhin versteckt.
„Hier … die geht! Gibt’s die auch für Männer? Das ist doch ‘ne
Kindergröße. Die in groß, das wär‘ vielleicht was…?“
Charly schien fündig geworden zu sein. Erleichtert eilte die Ver-
käuferin mit seiner Beute davon, angeblich um im Lager auf die
Suche zu gehen. Ich schaute mich ein wenig in dem Laden um.
Eigentlich brauchte ich keine neuen Klamotten. Meine waren zwar
schon etwas älter, erfüllten aber immer noch ihren Zweck.
Mein zugegebenermaßen etwas abgeranzter und speckiger
Lederanzug war im Laufe der Jahre scheinbar etwas enger ge-
worden. Das lag aber nun nicht unbedingt am Material. Als Alter-
native hatte ich auch noch einen Textilanzug im Schrank. Der war
zwar auch nicht mehr sehr ansehnlich, passte dafür aber.
Zu meinem großen Erstaunen konnte ich beobachten, dass sich
Charly nun doch in der Ecke mit den Textilklamotten herumtrieb.
„In Schwarz sehen die eigentlich ganz praktisch aus, die haben
sogar Leder an den Schultern“, rief er durch den Laden.
„Das ist Wasserbüffelleder…das ist so ähnlich wie Auerochse. Das
müsste dir eigentlich gefallen. So ein blödes, altes Urviech“, log
ich, „da braucht man Stahlmantelgeschosse … wenn man die um-
nieten will. Das ist fast so widerstandsfähig wie Mammut.“
Charly hatte sich die Jacke übergezogen und betrachtete sich in
einem der großen Spiegel. Er sah darin aus wie der Heizer auf
einer alten Dampflok.
„Steht dir ausgezeichnet. Das ist hochmodernes Material im Retro-
look. Abriebfest, wasserdicht und …äh…absolut tourentauglich.
Vom Nordkap bis in die Sahara. Passt sich der jeweiligen Um-
gebungstemperatur an. Der Testsieger beim letzten großen Test in
der Tourenteufel-Zeitung. Im Moment ist die Jacke herunter-
gesetzt. Fünfundzwanzig Prozent…! Jubiläumsaktion…!“, ver-
suchte die wieder aufgetauchte Verkäuferin den zögerlichen Charly
zu begeistern. Der drehte sich inzwischen – wie ein Schulmädchen
im Kommunionskleid – vor dem Spiegel hin und her. Ich fand, dass
er immer noch aussah wie ein Heizer auf einer Dampflok.
„Die sind doch alle gekauft, diese Schmierfinken von den Motor-
radzeitungen. Testsieger … so eine Verarschung “, behauptete
Charly und drehte sich weiter wie eine betrunkene Balletttänzerin
vor dem Spiegel hin und her.
„Ist das wirklich so gut wie Mammutleder?“, wollte er dann von der
überraschten Verkäuferin wissen.
„Naja, die modernen Materialien, die sind von Speziallabors ge-
testet worden, was man meines Wissens nach von Mammutleder
nicht unbedingt behaupten kann“, wich die Verkäuferin geschickt
aus.
Charly hatte sich offenbar verliebt. Nicht in die Verkäuferin, bloß in
diese hässliche, schwarze Tourenteufel-Jacke. So schnell kann’s
gehen. Eben noch der Textilhasser … und fünf Minuten später will
er den Plastikfetzen nicht wieder ausziehen.
Das lag möglicherweise aber auch an den fünfundzwanzig Prozent
Nachlass. Auch wenn die vorher vielleicht “draufkalkuliert“ waren.
Aber wenn man sparen kann, will man das gar nicht so genau
wissen. So funktioniert das eben, dieses Ding mit der Verkaufs-
psychologie. Ein Appell an das alte Jäger-und Sammlergehirn.
Darauf wären wahrscheinlich sogar die Neandertaler herein-
gefallen. Bei Charly hat es jedenfalls funktioniert.
Charly hatte eine neue Jacke …und die Verkäuferin war uns los.
Schwer zu sagen, wer sich mehr gefreut hat.
Wir machten uns davon. Es gab noch ein paar Kleinigkeiten zu
regeln. Morgen geht’s dann los…eine Woche ins Bikerhotel.
Mal wieder…!

Was war noch zu regeln? Bei mir war eigentlich alles klar. Genauer
gesagt: Bei uns war eigentlich alles klar. Wir, das waren die Gelbe
und ich. Die Gelbe ist mein Motorrad. Vielleicht klingt es albern,
aber ich nenne mein Motorrad eben so. Nicht in der Öffentlichkeit,
mehr im Vertrauen. Man sagt ja auch nicht Pferd zu seinem Pferd
… oder Hund zum Hund. Denen gibt man schließlich auch Namen.
Jedem Haustier, wie blöd auch immer es sein mag, gibt man einen
Namen. Rolf hatte mal einen Koi-Karpfen. Das Vieh war größer als
sein Kater. Was dem Kater offenbar Respekt einflößte. Alle
anderen Fische hatte der sich bereits geangelt. So ähnlich wie ein
Grizzly die Lachse in Alaska. Rolf hat nämlich einen Gartenteich.
Jetzt keinen sonderlich großen Gartenteich, aber immerhin …
Platz für einen Koi-Karpfen hat er schon. Dem Koi-Karpfen hatte er
auch einen Namen gegeben. Dem Kater sowieso.
Er hieß … Moby Dick. Also der Koi, nicht der Kater. Eines schönen
Tages, es war eigentlich schon Abend, kam dann der Reiher. Der
feige Kater gab Fersengeld, Moby Dick war aber wohl zu langsam,
oder der Teich war zu klein … oder was weiß ich. Der Reiher hat
den armen Moby Dick jedenfalls massakriert. Wegschleppen
konnte er ihn allerdings nicht. Wahrscheinlich hatte er nicht mit
solch einem Kaliber in diesem Gewässer gerechnet. Das war dann
zunächst einmal das Ende von Rolfs geplanter Koizucht. Rolf hat
dann sogar noch dem Reiher einen Namen gegeben … den
möchte ich hier aber nicht wiedergeben.
In Gegenwart und unter der ehrlichen Anteilnahme seiner Frau,
aber auch und nicht zuletzt zum Leidwesen seines Katers, hat Rolf
dann den Koi beerdigt.
Darüber kann man nun denken wie man will, wenn man aber dann
erfährt, wie viel Kohle man für ein katergroßen, reinrassigen Koi-
Karpfen auf den Tisch legen muss … Warum erzähl ich das alles?
Was hat diese Koi-Katastrophe nun mit dem Bikerhotel zu tun?
Nun, man kann jeden Euro eben nur einmal ausgeben. Entweder
man kauft sich Motorradklamotten … oder neue Reifen … oder
eben junge Koi-Karpfen. Dazu natürlich noch Maschendrahtzaun,
Stacheldraht und ein stabiles Netz … gegen Kater und Reiher. Da
muss man irgendwo Prioritäten setzen. Das hatte er dann ja auch
getan. Ich wäre mit den Reifen jedenfalls nicht mehr losgefahren.
Auch nicht mit der Hose. Aber dafür hat er jetzt drei, zwar deutlich
kleinere aber dafür quicklebendige, neue Koi-Karpfen in seinem
Teich. Der sieht zwar inzwischen aus wie der Hochsicherheitstrakt
in Guantanamo … aber was soll’s, ist ja sein Gartenteich.
Charly fuhr schon mal los, er hatte es eilig. Wir waren nur deshalb
gemeinsam hierher gefahren, weil er sich in dieser Ecke nicht be-
sonders gut auskannte. Der Laden war ziemlich neu.
Ich musste dann nur noch Rolf anrufen, nur um die letzten Unklar-
heiten zu beseitigen. Der wird dann noch Theo informieren, dann
hätten wir’s. Charly hatte ich bereits geimpft. Er wird seinerseits
dann Dietmar impfen und damit wären dann alle auf dem neuesten
Stand.
„Wir treffen uns dann um acht Uhr an der Tanke. Ich komme
vielleicht ein paar Minuten später.“
„Das brauchst du mir nicht zu sagen, du kommst doch immer …“
„Letztes Mal war ich pünktlich!“
„Wann? Du warst noch nie pünktlich.“
„Stimmt nicht. Letztes Mal war ich der Erste.“
„Aber nur, weil du die falsche Uhrzeit …“
„Ist doch egal. Ich war jedenfalls vor allen anderen da…“
Wir stritten uns noch ein wenig herum. Über Pünktlichkeit, ab-
gefahrene Reifen, die eingebildete oder unbedingte Notwendigkeit
regelmäßiger Inspektionen. Wir stritten natürlich nicht wirklich, wir
haben uns noch nie wirklich gestritten. Ich kann mich mit Rolf
überhaupt nicht richtig streiten. Wir tolerieren uns gegenseitig bis
zum Exzess. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir unabhängig
voneinander auf die absurdesten Ideen kommen. Wenn einer von
uns beiden mal wieder einen echten Bock geschossen hat, nickt
der andere nur verständnisvoll. Das baut zumindest auf …

Kreative Pause

Vielleicht ist ja dem Einen oder der Anderen bereits aufgefallen: Im Moment ist mir ein wenig die Motivation abhandengekommen.
Das liegt auch ein wenig daran, dass ich mir immer die Buchstapel in den Eingangsbereichen der großen Buchhandlungen genau ansehe.
Man muss ja immer den Geschmack des Publikums erkunden.
Ich muss allerdings zugeben: Es ist mir noch nicht so richtig gelungen.
Ich weiß einfach nicht, was die Leute wollen -oder wollen sollen- um es auf den Punkt zu bringen.
Wenn ich das wüsste, würde ich in der entsprechenden Richtung weitermachen. Bis dahin … verharre ich zunächst in einer Schreibstarre. Prinzipiell bin ich ja ziemlich flexibel.
Was mir im Moment aber fehlt…ist eine ordentliche Portion Motivation.
Da kann man nichts machen. Wird schon wieder.
Ach ja …was vielleicht auch nicht ganz ohne Auswirkungen bleibt:
Mein (richtiger) Beruf stresst mich im Moment ungemein … denn auch der schreibwütigste Kuhjote braucht einen Brotjob.

Maitour (Kapitel 29)

„Das hat man nun davon. Da ist man hilfsbereit und kümmert sich um Sachen, mit denen man eigentlich nichts zu tun hat. Und was ist am Schluss? Da ist man der Doofe“, nörgelte Dietmar und schob mir eine Flasche rüber.
„Mmmhhh, stimmt. …Prost! … Trinken wir auf die Schweine. Auf alle Schweine dieser Welt.“ Das fiel mir so spontan ein. Dietmar sah mich kurz nachdenklich an, hob dann aber seine Flasche. Kurz anstoßen, dann wieder schweigen.
„Wo bleiben denn der schäbige Rest?“, wollte ein Sauerländer von uns wissen.

Diesen Beitrag weiterlesen »

Maitour (Kapitel 28)

Da der Weg versperrt war, mussten die Futterkübel zum Stall ge-
tragen werden. Wastl und Franz übernahmen diesen Job. Die
Mutter beobachtete währenddessen, wie immer übelgelaunt und
misstrauisch, die herumalbernden Sauerländer. Der Heinz hatte
sich ihrem Gespann genähert und stellte neugierig und heim-
tückisch, zahlreiche technische Fragen. Das Zugfahrzeug besaß
einen fünfzig Kubikzentimeter Sachs-Motor. Der Klassiker, das
teutonische Urgestein unter den Mofa- und Mopedmotoren. Wenn
man den nicht frisiert, lebt der länger als der Fahrer. Diesen Beitrag weiterlesen »

Als Theo am Timmelsjoch den Teufel totfuhr

Er schrie immer noch. Sein Geplärre, war durch den gesamten Raum zu hören. Theo sah mich mit
ausdruckslosem Gesicht an und löffelte ungerührt seine Suppe weiter. Sabine und Manfred schienen
ein wenig peinlich berührt, schwiegen aber.
Es war der Tourguide, der sich hier so echauffierte.
„Was regt der sich denn so auf?“, wollte ich wissen.
Diesen Beitrag weiterlesen »

Maitour (Kapitel 27)

Hans-Jürgen war mittlerweile zur Höchstform aufgelaufen. Äußerst
selbstsicher und dominant; wie es eben so seine Art war, hatte er
das Heft des Handelns an sich gerissen. Das in dieser Situation
etwas zögerliche Verhalten unseres Gastgeberpaares, deutete er
wohl instinktsicher als Führungsschwäche.
Mit lauter Stimme und eindeutigen Gesten sortierte er die noch
verbliebenen Teilnehmer.
„Was ist denn mit euch?“, fragte er Charly und mich.
Charly sah mich kurz an und suchte danach sofort den Blick-
kontakt mit Dietmar. Der starrte fast angeekelt auf die Gruppe, die
sich inzwischen unter dem Kommando von Hans-Jürgen abfahr-
bereit machte. Es war ein bunt gemischter Haufen. Die Nordlichter
fuhren die unterschiedlichsten Modelle. Ausschließlich Japaner.
Dann waren da noch die Harleys, Jerome, Frank mit seiner
Wanderbaustelle und natürlich unser Luftwaffen-Werner mitsamt
seiner Christine. Diesen Beitrag weiterlesen »