Bikerhotel II (Kapitel 5 )

Zuverlässig oder nicht, Bernie hatte das Kommando. Wenn in
zwanzig Minuten Abfahrt war, dann war das eben so. Was soll
man da lange herumdiskutieren. Wenn ein ICE der Bundesbahn,
um 11.20 Uhr an Gleis 3 abfährt, dann fährt er da ab. Wenn der
Ferienflieger der Air Berlin um 01.50 Uhr startet, dann ist das eben
so, da diskutiert auch keiner herum. Der Shuttlebus fährt in
zwanzig Minuten ab … Ende der Diskussion.
Dietmar sah das überhaupt nicht ein, Charly auch nicht.
Ich marschierte auf mein Zimmer und zog andere Klamotten an.
Leichter Bieranzug, Jeans und Pullover. Gegen Feuchtigkeit aller
Art noch meine alte Jeansjacke, dazu Stiefel und eine BMW-
Kappe…fertig. Pünktlich erschien ich vor dem Eingang, Rolf war
schon da. Er hatte sich wieder die Narrenkappe übergestülpt.
Wobei man jetzt darüber diskutieren könnte, ob eine BMW-Kappe
so viel besser … aber ich hatte keine andere. Theo tauchte auch
auf, er sah aus wie ein ganz normaler Alpentourist. Sogar seine
Kamera hatte er dabei. So ein Ding mit großem Objektiv, wie es
eben auch die richtigen Touristen haben, nicht so ein kleines Ding
mit viel zu viel Megapixeln, nein, so ein großes Ding mit noch mehr
Megapixeln. Ich habe auch eine Kamera, so eine kleine, die hat
natürlich auch Megapixel, etwas weniger als eines dieser neueren
Handys zwar, aber mir reicht’s. Ich fotografiere sowieso nie.
Rolf schon. Aber nicht mit einer Kamera, Rolf hat ein iPhone.
Damit kann man alles machen, sagt er. Ich wüsste allerdings nicht,
was ich damit machen könnte, was ich ohne das Ding nicht
machen kann. Sagen wir mal so: Mich interessiert das Wetter in
Südkorea nur ganz minimal, die neuesten Bundesliga-Ergebnisse
und der Tech-Dax … überhaupt nicht. Es ist natürlich schön, wenn
man eine Übersicht über die aktuellen Preise der nächstgelegenen
Elektronikmärkte hat. Alles wunderbar … es interessiert mich aber
nicht. MMS, SMS … irgendwann kommt dann natürlich auch UPS,
nur um den ganzen Müll abzuliefern, den man sich per Touch-
screen-Fingerdruck bestellt hat. Online … per Konsumhandy.
Ich werde es nie verstehen, mir fehlt da einfach eines dieser Apps
im Vorderhirn. Dietmar fehlen auch ein paar Apps im Denkorgan,
Charly sowieso, aber der hat auch eine völlig andere Basis-
hardware. Charly funktioniert noch analog.
„Wo isser denn nu‘, der Bus?“, fragte er empört und starrte traurig
auf sein leeres Bierglas. Er und Dietmar hatten es vorgezogen;
anstatt sich ausgehfein zu machen, eine mir zwar unbekannte,
aber sicherlich völlig unbedenkliche Biermenge zu konsumieren.
Unbedenklich in sofern, weil sie nur eine knappe halbe Stunde
dafür nutzen konnten. In diesem Zeitraum, schafft selbst Charly
höchstens … na ja, aber mehr auch nicht.
„Bisschen vorglühen?“, wollte Theo wissen.

Theo ist Whisky-Trinker. Whisky ohne E vor dem Y. Darauf legt er
größten Wert. Auf das fehlende E. Ohne, ist es nämlich Scotch.
Nicht diese Supermarktplörre natürlich, sondern Single-Malt. Da
gibt es eine treue Fan-Gemeinde, habe ich lernen dürfen. Die
treffen sich an den verschiedensten Orten und testen die zahl-
reichen Sorten dieses hochgeistigen Gebräues. Da geht’s dann um
zahlreiche Nuancen und geschmackliche Feinheiten. Na gut,
warum nicht. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass nach einer
gewissen Zeit, die geschmacklichen Details ein wenig ver-
schwimmen. Wenn ich zehn Whiskysorten verinnerlicht hätte,
könnte man mir danach auch ein Gläschen Domestos kredenzen,
diesen berühmten torfigen Abgang, würde ich dann trotzdem, oder
gerade deshalb, immer noch nicht eindeutig klassifizieren können.
Es wird wohl ähnlich wie bei den Weinproben an der Mosel ab-
laufen, da hege ich aber immer den Verdacht, dass da nur die
Etiketten ausgetauscht werden. Der Inhalt wird wahrscheinlich aus
großen Edelstahlbottichen abgepumpt, ähnlich wie auf dem
Oktoberfest. Dort fahren die Tanklaster sogar ungetarnt hinter den
Zelten auf. Bei Bier ist das allerdings auch nicht ganz so schlimm.

„Vorglühen? Hast du etwa eines deiner Fläschchen, voll des guten
Malzgetränks dabei?“, wollte ich von Theo wissen.
„Womöglich mehr als dreißig Jahre alt? Handgeschüttelt und ge-
rührt?“, fragte Rolf neugierig nach.
„Fünffach destilliert, verdünnt mit gefiltertem Regenwasser vom
Nordatlantik, von schwieligen schottischen Hochlandziegenfüßen
durch die torfigen Hochmoore getrampelt…?“, ergänzte ich.
„Rück mal raus, den Fusel!“, forderte Dietmar.
Theo wandte sich schweigend ab. Jeder weitere Kommentar war
hier überflüssig. Die Feinheiten der keltischen Trinkkultur er-
schließen sich eben nicht jedermann auf Anhieb, dazu braucht es
schon mehr, mehr als nur das profane Streben nach Trunkenheit.
Das hat er so nicht gesagt, aber ich glaube, dass er es zumindest
gedacht hat. Das, oder etwas in dieser Art … vermutlich.
Vielleicht wollte er aber auch einfach nur seinen Whisky nicht mit
Banausen teilen. Es hupte an der Einfahrt, unser Bus kam.

Der Fahrer sprang hoch motiviert aus dem Gefährt. Fast dienst-
eifrig rannte er um seinen Shuttlevan herum und zerrte die seitliche
Schiebetür auf, er klappte die Sitzlehne des mittleren Sitzes nach
vorne und sah uns dann auffordernd an. Inzwischen hatte sich ein
gutes Dutzend Personen vor dem Eingang eingefunden. So wie es
aussah, wollten die alle mitfahren.
„Wie viel passen denn da rein?“, fragte Dietmar misstrauisch.
„Wir passen auf alle Fälle rein, der Rest kann ja zu Fuß gehen“,
bestimmte Charly und enterte den Beifahrersitz. Offenbar wollte
aber niemand zu Fuß gehen, die potenziellen Passagiere
drängelten plötzlich alle gleichzeitig an der Schiebetür herum.
Bescheidenheit ist eine Zier …oder … wer anderen den Vortritt
lässt, kann anschließend sehen wie er hier wegkommt.
„Frauen und Kinder zuerst“, rief Dietmar und schob sich seitlich
durch die Gruppe. Einige sahen sich daraufhin suchend um und
verpassten somit ihre Chance.
„Ich muss neben ihm sitzen, der kennt sich hier nicht aus“,
brummte Theo und schob einen fülligen, älteren Herrn zur Seite.
Der fauchte empört und versperrte dann den Nachdrängenden den
Weg.
„Darf ich mal eben?“, fragte ich freundlich und tauchte unter den
ausgestreckten Armen des empörten Oldtimers durch.
„Halt, jetzt ist’s aber gut. Ich warte hier schon länger“, ereiferte der
sich. Eine lautstarke Diskussion entwickelte sich.
„Wo habt ihr denn eure Platzkarten? Hier, ich hab‘ die Nummer
Fünfzehn. Alle, die höhere Nummern haben, fahren mit dem
nächsten Taxi“, schrie Rolf und hielt dem verblüfften Blockade-
rentner an der Schiebetür einen zerknitterten Zettel vor die Nase,
„Na, was is‘ ? Hurtig rein in die Kiste oder willst du hier Wurzeln
schlagen? Nu‘ mach mal! Oder hast du etwa keinen Fahrschein?“
Der Mann hatte wohl keinen Fahrschein und machte einen schuld-
bewussten Schritt zur Seite.
„Komm, mach zu die Tür, wir können los!“ , brüllte Charly dem
Fahrer zu. Der schob auch sofort mit einem kräftigen Ruck die
Schiebetür in Schloss und rannte danach wieder um sein Auto.
„Komm, gib Gas! Die anderen Typen da, die müssen sich erst
noch einen Fahrschein holen. Bis dahin bist du wieder zurück“,
freute sich Rolf und klopfte auf die Kopfstütze des Fahrers.
Der schüttelte grinsend den Kopf und fuhr los. Draußen be-
herrschten erkennbar Unsicherheit und Ratlosigkeit die Szene.
Bernie war aufgetaucht und wurde sofort von den Zurück-
gebliebenen bedrängt. Vermutlich wollten sie Fahrscheine.
„Zwei hätten aber noch reingepasst“, bemerkte der Fahrer.
„Ja, kann sein, aber der Rest nicht“, stellte Dietmar fest.
So konnte man es natürlich auch sehen. Dem Fahrer war es
scheinbar gleichgültig, er war eben nur der Fahrer. Er war
allerdings auch der richtige Mann für diesen verantwortungsvollen
Job. Leidenschaftlich jagte er den Van über die feuchte, dunkle
Landstraße. So leidenschaftlich, wie man eben einen gut besetzten
Van über eine kurvige Strecke jagen kann. Bis zu diesem Abend
war ich zwar der Meinung, dass diese Fahrzeugklasse eher zu den
behäbigeren, zu den weniger sportlichen Fortbewegungsmitteln
gezählt werden kann, diese Einschätzung musste ich aber
revidieren. Auch alle anderen Fahrgäste schienen ein wenig über-
rascht, mehr noch, sie waren regelrecht stumm vor Begeisterung.
Nur Dietmar konnte seine Gefühle nicht länger verbergen.
„Leck mich doch am … boah … ach du … booaaahhh!“
Ich fand, dass diese Kommentierung zwar ein wenig un-
differenziert, aber durchaus angemessen war. Den Fahrer beein-
druckte diese Kundgebung überhaupt nicht. Die nächste Boden-
welle übersprang er mit dem selben Elan, wie die vorhergehende.
„…mmmppffhhh…!“, stöhnte Rolf neben mir. Dietmar gab einen
ähnlich klingenden Laut von sich. Der Fahrer griff zu seinem
Handy und schaltete die Innenbeleuchtung ein. Theo murmelte vor
sich hin, er schien ein Gebet zu sprechen. Ich starrte konzentriert
durch die Frontscheibe. Charly, der als Beifahrer die beste Sicht
hatte, beugte sich ganz weit nach vorn und klammerte sich am
Haltegriff über dem Handschuhfach fest. Die Plastikkonstruktion
gab knackende Geräusche von sich. Während sich der Van in
einer langgezogenen Kurve, weit … sehr weit sogar, auf eine Seite
neigte, versuchte der Fahrer offenbar eine SMS einzutippen.
„Isses noch weit?“, fragte Theo vorsichtig. Niemand antwortete.
„Lenk‘ ihn nicht ab, der muss sich konzentrieren“, stöhnte Rolf.
Ich schloss die Augen und versuchte gleichmäßig zu atmen.
Plötzlich wurde es dunkel und ein durchdringendes Geräusch er-
füllte den Innenraum. Ich erstarrte und öffnete vorsichtig ein Auge.
Der Fahrer hatte aber lediglich die Innenbeleuchtung wieder aus-
und dafür den CD-Player eingeschaltet.
„Motörhead ….!“, kreischte der Fahrer und hüpfte im Rhythmus der
wummernden Bässe auf seinem Fahrersitz herum.
„Au ja …!“ schrie Rolf, „ mach mal ein bisschen lauter!“ Es klang
aber eher verzweifelt als begeistert. Der Fahrer kam dem Wunsch
sofort nach. Direkt hinter meinem Kopf war ein Lautsprecher ein-
gebaut. Eigentlich hab‘ ich ja nichts gegen “Heavy metal“ …
Auch Minuten können endlos lange dauern. Jede erbärmliche
Sekunde mindestens vier Basshiebe in die Ohren. Egal, wenn der
Wahnsinnige hinter dem Lenkrad das braucht, dann soll er es
haben, das, oder was auch immer er sonst noch braucht.
„Diese Scheißdrogen …!“, brüllte mir Rolf ins Ohr.
Das war natürlich nur eine Vermutung, könnte aber möglicher-
weise … muss aber nicht. Ich glaube nicht, wir waren doch in Tirol.
Außerdem waren wir am Ziel. Alleine für diese Fahrt hatten wir
uns das hauseigene Survivor-T-Shirt verdient … fand ich.

Es war dunkel und es war ein wenig feucht. Das hatte ich aber
schon erwähnt. Das Bikerfest fand zu einem Teil in einem riesigen
Zelt, und zum einem anderen Teil, auf der, dieses Zelt um-
gebenden Wiese statt. Auf der Wiese campierten auch die zahl-
reichen Besucher. Das heißt, sie hatten dort ihrerseits Zelte auf-
gebaut. Deutlich kleinere natürlich. Wie es sich für ein Bikerfest
gehört, hatten sie natürlich auch ihre Bikes mitgebracht.
Mitgebracht heißt, sie hatten die Dinger dabei. Wie auch immer sie
damit dorthin gekommen waren. Es war gänzlich ausgeschlossen,
dass einige der dort abgestellten Gefährte auf den eigenen Rädern
dorthin gelangt sein konnten. Die seit den Tagen des verblichenen
Isaak Newton geltenden Gesetze der Physik sprachen dagegen.
Alle geltenden Gesetze sprachen dagegen.
Einige der Konstruktionen, die dort aufgereiht waren, würden jeden
TÜV-Ingenieur in die nächstgelegene Apotheke treiben, wenn nicht
sogar in den vorgezogenen Burnout.
Womit wir beim Stichwort dieses frühen Abends wären. Die Ver-
anstalter hatten zwar Kosten und Mühen gescheut, aber erstaun-
licherweise trotzdem eine Vorrichtung gebastelt, die angeblich da-
zu geeignet war, die Hinterreifen motorisierter Zweiräder zu ver-
nichten. Lassen wir mal die Sinnfrage außen vor. Dann bleibt aber
trotzdem noch die weit wichtigere Frage: Wer ist der Nächste?
Die Antwort: Unser Fahrer! Ich kann jetzt nicht behaupten, dass
mich das in irgendeiner Weise überrascht hätte. Überrascht hätte
mich nur, wenn er den Shuttlevan genommen hätte. Hat er aber
nicht. Er hat eine Triumph genommen. Genommen hat er sie
eigentlich auch nicht, man hat sie ihm gegeben.
Man … nicht der Eigentümer, der Besitzer hat sie ihm gegeben.
Wie sich dann aber zum Leidwesen des Hauptakteurs heraus-
stellte, waren Besitzer und Eigentümer zwei verschiedene
Personen. Diesem Eigentümer hatten wir dann auch ursächlich zu
verdanken, dass der Shuttlevan an diesem Abend noch einen
neuen Fahrer bekam.
Um es kurz zu machen, unser Fahrer schnappte sich also diese
Speed-Triple, bugsierte das Ding auf die improvisierte Reifenver-
nichtungsrampe … und nachdem er dann so richtig … eigentlich
aber noch bevor er so richtig … da haut es ihn samt der schönen
Triumph von der Rampe. Einfach so. Ob es nun am Fahrer ge-
legen hat, oder an der Rampe … man weiß es nicht.
Der Eigentümer konnte es auch nicht wissen. Der kam nämlich
gerade zurück, woher auch immer. Es schien ihn aber auch nicht
zu interessieren. Den Fahrer haute es jedenfalls direkt wieder auf
die Wiese. Nach einigen Minuten war eindeutig klar, mit seinem
zugeschwollenen Auge konnte er den Shuttlevan nicht mehr
fahren. Mein Mitleid hielt sich in Grenzen. Unsere Überlebens-
chancen bei der Rückfahrt waren auf alle Fälle gestiegen, ver-
mutete ich zunächst vorsichtig. Es gab zwar noch mehr derartige
Kandidaten, man konnte aber wenigstens hoffen.

6 Kommentare zu „Bikerhotel II (Kapitel 5 )“

  • Mac:

    Fünffach destilliert?? Banause….

    maximum 2 mal! Die Ir(r)en destillieren 3 mal!

    also ehrlich….

    Slainte Mhath!

  • kuhjote:

    Ich bin verblüfft. Zuerst die Engländer(innen) …
    jetzt auch noch die (Hobby)schotten.
    Should it be, I write in the wrong language ??? Oder wie … ?

  • Uwe:

    Woaow – die Tiroler hams drauf. Der Anlauf passt :-)))

    Gruss aus Franken
    Uwe

    TSCHAW!

  • Norbert:

    Geht´s eigentlich mal wieder weiter?

  • Sabine:

    Bist Du beruflich so im Stress, dass Dir keine Zeit und Muße mehr bleibt an deinem Buch weiter zu schreiben ?

    LG
    Sabine

  • Sorry, liebe Leser. In der Tat, ich hänge ein wenig durch. Gründe gibt es dafür viele.
    Mein letzter (völlig)freier Tag war irgendwann im August 2010. Das saugt. Ich habe mir aber ganz fest vorgenommen, im April einige Kapitel zu fabrizieren. Im Moment suche ich deshalb nach einer einsamen und möglichst abgelegenen Pension, irgendwo im Nirgendwo. Also … Meck-Pomm, Ostfriesland oder so. Klassisch mit kleinem See in der Nähe … oder auch nicht. Hauptsache, es herrscht Ruhe. Mir reicht’s nämlich.

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