Bikerhotel II (Kapitel 4)

Wenn ich jetzt behaupten würde, ich wäre locker, entspannt und
voller guter Laune gewesen …dann wäre das gelogen. Das mit der
guten Laune stimmte, aber nach 650 Kilometern auf der Autobahn
ist man meistens nicht mehr ganz so locker und entspannt. Ich
jedenfalls nicht. Rolf hingegen, erschien mir durchaus locker und
entspannt. Stolz und aufrecht knatterte er voraus. Wir hielten uns
einigermaßen an die, auf den Schildern vorgegebenen Ge-
schwindigkeitslimits. In den Ortschaften sowieso, das ist Ehren-
sache. Ich hätte die Strecke im Schlaf fahren können. Theo mit
Sicherheit nicht, der war zum ersten Mal hier.
Andererseits…Straße ist Straße.
Theo fährt gerne zügig, das hatte ich ja bereits erwähnt. Es kam
mir so vor, als ob er auf den nun letzten 50 Kilometern, den
größten Teil der verlorenen Zeit wieder gutmachen wollte. Kann
sein, dass ich einfach nur verspannt war, vielleicht sogar ver-
krampft, jedenfalls einfach nicht mehr frisch und locker genug, um
ihm fröhlich und entspannt zu folgen.
Rolf hängte sich dran. Die fette Harley jagte hinter der davon-
eilenden GS her. Die kannte wenigstens den Weg.
Wir ließen sie ziehen. Dietmar und Charly trabten hinter mir her. In
aller Ruhe … ohne jede Hektik. Wenn man es genau nimmt, war
ab diesem Punkt der Strecke, der Weg wieder ein Teil des Ziels.
Ich hab’s eigentlich nicht so, mit diesen buddhistischen und
hinduistischen Weisheiten und Sinnsprüchen. In Gegenden, in
denen man schon seit Jahrhunderten, Hunde isst und Kühe an-
betet, in diesen Gegenden wächst vielleicht auch noch jede Menge
halluzinogenes Kraut, aber die wahre Quelle der Weisheit und Er-
kenntnis, würde ich ausgerechnet dort, wirklich nicht vermuten und
auch ganz sicher nicht suchen.
Auch wenn wir nicht direkt auf der Suche nach Erleuchtung waren,
auf dem richtigen Weg waren wir schon. Der führte uns dann auch
direkt zum Hotel. Theo und Rolf waren schon da. Allerdings nicht
nur die. Der Platz vor dem Hotel war vollgestellt mit Motorrädern.
Ein Sammelsurium von Zweirädern aller Marken und Modelle.
Das Bikerfest schien eine Menge Leute angelockt zu haben.
Ich vermutete jedenfalls, dass dies der Grund war. Falls das
allerdings, alles Teilnehmer der am Montag beginnenden
Bikerweek wären, dann aber …
Zunächst einmal sollten wir hier den Begriff -Bikerweek- etwas
näher erläutern. Hier haben wir es mal wieder mit einem dieser
inzwischen weitverbreiteten Anglizismen zu tun. Der gewöhnliche
Biker hat ein Bike. Ein Bicycle, um genau zu sein. Ein simples
Zweirad. Das hat er, und er fährt damit herum. Bis vor einigen
Jahren allerdings nur in den englischsprachigen Gebieten.
Inzwischen fährt er damit auch in den deutschsprachigen Gebieten
herum. Mit oder ohne Motor. Bike ist Bike.
Viele Motorradfahrer mögen das nicht, die möchten einfach keine
Biker sein. Ich möchte auch kein Biker sein. Ich möchte aber auch
kein Buddy sein…oder Customer…oder Member…oder sonst
irgendein Anglizismus. Viele möchten das nicht. Völlig egal, die
Modernisierung, die Anpassung, die kontinuierliche Variation der
Umgangssprache nimmt ihren Lauf. Man kann versuchen, das zu
ignorieren, man kann beharrlich auf seinem lieb gewonnen Wort-
schatz hocken bleiben. Das kann man natürlich machen. Das
haben Opa und Oma auch gemacht. Vielleicht liegt es eben nicht
nur am locker sitzenden Gebiss, warum man sie so schwer ver-
steht. Zurück zur Bikerweek und zum Bikerfest.
Das Motto der diesjährigen Bikerweek lautete keck:
-Alpenrundflug auf zwei Rädern…der Wahnsinn nimmt kein Ende-
So, oder so ähnlich. Ich kannte den Texter dieser Slogans. Ich
habe immer gedacht, dass er sich etwas dabei gedacht haben
muss. Hatte er wohl auch, mir war nur nicht ganz klar, was genau.
Wer meldet sich denn zu einem Alpenrundflug auf zwei Rädern an,
bei dem zu allem Überfluss dann noch, der Wahnsinn kein Ende
nimmt? Wer möchte schon an einer solchen Veranstaltung teil-
nehmen? Wer…? Außer uns natürlich!
Die Gestalten, die sich am Rande des Platzes um einen der Tische
gruppiert hatten, die, höchstwahrscheinlich nicht. Mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit hatten wir es hier mit einer dieser
berüchtigten Gruppen, mit einer dieser in den letzten Jahren immer
häufiger an den einschlägigen Treffpunkten auftretenden Gruppen
zu tun, mit einer Gruppe der Kategorie …“Betreutes Fahren“…!
Spätes Mittelalter mit Gattin. Lebenserfahrene und abgeklärte Mit-
menschen, ohne jede Frage. Den bereits überstandenen Vorruhe-
stand fest im Blick und die neuesten Zubehörkataloge der diversen
Anbieter im abschließbaren Topcase.
Betreut werden diese Fahrer dann … von ihren Gattinnen.
Vor, während und nach der Fahrt. Das hat was, natürlich.
Das kann man machen. Das ist auch in Ordnung.
Der eine Rentner fährt auf dem Kreuzfahrtschiff “Josefine“ durch
die Karibik, der andere kauft sich eine BMW LT und fährt damit in
die Toscana. Der allerdings, wird sich sicherlich nicht zum an-
gekündigten“Alpenrundflug auf zwei Rädern“ anmelden.
Möglicherweise aber, will er ja zum Bikerfest!?
Gemeinsam mit der Gattin. Kann ja sein!?
Anstelle eines exotischen Eingeborenentanzes auf Haiti -nur um in
der Karibik zu bleiben, auch wenn die dort gerade mal wieder,
wenig bis gar keinen Grund zum Tanzen haben- anstatt dieser
folkloristischen Erbauung dann eben, ein Bikerfest in Tirol. Geht
auch, liefert sicherlich auch genügend Fotomaterial und vielleicht
sogar noch Schlimmeres. Da werden die Kreuzfahrer im
heimischen Kegelclub aber gucken, richtige Rocker statt ver-
kleideter Slumbewohner.
Karibik kann jeder. Tue ich hier vielleicht jemandem Unrecht?
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

„Was starrst du denn die Rentner so böse an?“, wollte Dietmar
wissen und schubste mich leicht an, „schnapp dir lieber dein Zeug
und geh‘ rein. Ich will noch in Ruhe ein Bier trinken.“
Dagegen kann man nichts sagen. Nichts wirklich Überzeugendes,
nichts, was Dietmar dann von seinem Vorhaben abbringen könnte.
Ich wüsste da nichts. Noch nicht einmal einen halbwegs ge-
eigneten, fernöstlichen Sinnspruch … obwohl es höchst-
wahrscheinlich einen passenden gibt.
„Auf die Gesundheit…“, kreischte in diesem Moment eine der
Rentnerinnen am Holztisch und hob ihr Glas. Alle ihre Tischnach-
barn lachten daraufhin etwas verklemmt -so kam es mir jedenfalls
vor- und taten es ihr gleich. Vielleicht hatte sie ja Krebs?

Innen drin, im Foyer, in der Lobby … wie auch immer man das
nennen mag, innen drin war keine Menschenseele. Auch die Seele
des Hotels nicht. Also, die menschliche Seele des Hotels. Die hatte
auch einen Namen. Nennen wir sie mal … Simone. Wenn sie nicht
hinter ihrem Tresen in der Lobby lauert, findet man sie gewöhnlich
im Thekenraum. Dort lauert sie zwar auch, schenkt aber auch
gleichzeitig Getränke aus. Natürlich nur dann, wenn sie gerade
nicht kellnert, telefoniert oder ihrem Gatten in der Küche hilft.
Womit klar sein dürfte, warum man sie auch ohne jeden religiösen
Hintergedanken, als die Seele des Hotels bezeichnen darf.

Wie erwartet, fanden wir sie dann auch im Thekenraum. Mir fällt
einfach keine bessere Bezeichnung für diesen Raum ein. Wie man
sich denken kann, gibt es dort eine Theke. Eine schöne, große und
wahrscheinlich sogar handgeschnitzte Theke. Der komplette Raum
hat eine geschätzte Grundfläche von sicherlich mehr als ein-
hundert Quadratmetern. Außer der Theke gibt es dort auch noch
zahlreiche Sitzgruppen. Hölzerne Eckbänke mit folkloristisch an-
mutenden Sitzbezügen. Diese Sitzbezüge findet man sowohl auf
hölzernen Stühlen -sowie in leicht abgewandelter Gardinenform-
auch an den umlaufenden Fensterflächen wieder.
Alles in allem: Ein ganz normales Tiroler Hotelinterieur.
Die Liebhaber von alpinen Bauernschwänken, nein, ich meine
nicht etwa Bauernschränke sondern Bauernschwänke. Diese
lustigen Aufführungen mit mundartlichen Gestalten in Dirndl-
kleidern und Lederhosen. Wem solcherlei Kulturgut vertraut ist, der
weiß jetzt ungefähr wie es im Thekenraum aussieht.
Der kleine aber entscheidende Unterschied : Die Insassen!
Ich meine die Gäste, die Leute, die sich dort für gewöhnlich
tummeln. Die tragen zwar teilweise auch Lederhosen, in der Regel
aber keine -krachledernen- oder wie die genannt werden.
Das Ganze wirkt auf mich immer irgendwie unwirklich. Mobiliar und
Ausstattung passen einfach nicht zu den Gästen.
Wenn man die ganze Sache allerdings tiefenpsychologisch ana-
lysieren würde, käme man möglicherweise zu einem ganz anderen
Ergebnis.
Ich könnte mir vorstellen, dass es lediglich das Outfit, die Auf-
machung, die Kostümierung der Gäste sein könnte, die diesen
Eindruck hervorruft. Tief im Inneren, unterhalb der sichtbaren
Hülle, da lauert er, nicht in allen natürlich, aber in vielen von uns:
Der Tiroler, der Archetypus des naturverbundenen und fröhlich
jodelnden Naturburschen.
Der lederne Ötzi aus dem Ötztal, direkt um die Ecke hier.
Diese Assoziationen kamen spontan in mir hoch; dies allerdings
nicht von ungefähr. Es waren Charly und Dietmar, die mich derart
inspirierten. Im vollen Bikerornat; nur Helm und Handschuhe
hatten sie abgelegt, grölten sie fröhliche Willkommensgrüße in die
Runde und schwenkten dabei ihre Bierkrüge.
Die beiden waren angekommen. Wenn man’s genau nimmt, wäre
es ja die Aufgabe der bereits Anwesenden gewesen, fröhliche
Willkommensgrüße zu entäußern. Deren Begeisterung hielt sich
allerdings in Grenzen. Wie man aber leicht hören konnte, sprachen
die meisten dieser Anwesenden mit schwäbischer Zunge. Das er-
klärt dann wieder … obwohl … es gibt da auch … ich kenne jeden-
falls welche.
Simone zapfte ungerührt hinter der Theke weitere Gläser voll und
strahlte kurz hinüber, als sie mich erkannte.
„Oah Halbe?“ rief sie mir zu und hob ein leeres Glas hoch. Sie hat
ein phänomenales Gedächtnis. Ich trinke immer nur Halbe. Diese
Maßeinheit empfinde ich als absolut angemessen.
Es gibt zwar Halbe, aber keine Ganzen. Die heißen hier einfach
nur: “Ein Bier…!“ Das wären dann fünf Kölsch … in einem Glas.
Ja, ich weiß, der ganz normale Bayer lacht darüber. Soll er doch,
ich nehme trotzdem eine Halbe … ich bin ja kein Bayer.
Zum Glück!

„Zum Wohl!“ Simone war hinter ihrer Theke hervorgekommen und
hielt mir Zimmerschlüssel und Bier hin.
„Ich hab dir ein Doppelzimmer gegeben“, grinste sie. Ich nickte und
blickte mich suchend um.
„Dem auch …!“, verkündete sie, als sie Rolf erblickte.
„Was ist mit mir?“, fragte er und sah uns fragend an.
„Eins sag‘ ich euch …“, begann Simone.
„Ja …?!“
Sie schüttelte aber nur den Kopf und verschwand wieder hinter
ihrer Theke. Rolf sah mich fragend an, ich hob daraufhin nur
ahnungslos die Schultern. Ahnungslos ist natürlich nicht richtig, wir
wussten ganz genau, was sie uns damit sagen wollte.
„Morgen früh, ungefähr um … irgendwann. Genau weiß ich auch
nicht. Werden wir ja sehen“, erklärte er mir.
„Klar. Werden wir ja sehen. Wehe, wenn das wieder…!“
„Was willst du? Ich hab dir die Fotos gezeigt, mehr weiß ich auch
nicht. Du sollst die ja nicht heiraten.“
„Nicht? Da bin ich aber froh. Weißt du wenigstens, ob die
schnarcht?“
„Woher soll ich das denn wissen? Ich weiß auch nicht, ob die
gegen Tollwut, Grippe oder Masern geimpft ist. Keine Ahnung!“
Ich gab es auf. Natürlich wusste er mehr, als er mir erzählte. Er
wusste alles. Er weiß immer alles, er erzählt es mir nur nicht.
Wäre ja auch langweilig. Dann ist die ganze Spannung weg.

„Was is‘ nu? In ‘ner halben Stunde kommt der Shuttlebus. Macht
hin, einräumen, umziehen und dann los!“ Bernie hielt mir seine
Armbanduhr vor die Nase. Der Bernie, das war seine Art, alte Be-
kannte zu begrüßen. Bernie ist der Mann für alle Fälle. Tourguide,
Kellner, Männchen für alles. Seit diesem Jahr ist er auch Member
im örtlichen Motorradklub. Member … nicht mehr Hangaround!
Hangaround ist ein ziemlich ätzender Job. So ein Hangaround
muss fast sklavisch den anderen Klubmitgliedern, also den
normalen Membern und den Funktionären, zu Willen sein. Dazu
braucht es schon eine gehörige Portion Masochismus.
Hangaround ist wirklich kein Traumjob, Member ist viel besser.
Als Member ist man Vollmitglied mit sämtlichen Rechten und
Pflichten, wie absurd die auch immer sein mögen. Außerdem trägt
der Member einen viel schöneren Aufnäher auf der Kutte.
Das mag einem unbedarften Normalbürger jetzt vielleicht ein wenig
befremdlich vorkommen, aber so sind die Sitten eben, in diesen
MCs. Was mich am meisten erstaunt, an dieser ganzen Sache:
Die Jungs nehmen das ernst. Das ist kein Hobby, das ist schon
fast ein Vollzeitjob mit sektenähnlichen Regeln und Ritualen.
Der Bernie war also jetzt Member. Ich klopfte ihm anerkennend auf
die Schulter und bewunderte seinen schönen, neuen Aufnäher.
Er bemühte sich, cool zu bleiben. Aber man merkte ihm schon an,
dass er stolz darauf war. Stolz und cool. Bernie der Rocker!
Meine Güte, was ist schon dabei. Wenn ich da an die heimischen
Bräuche denke. Da stolzieren brave Buchhalter alljährlich in
prächtigen Schützen- oder Karnevalsuniformen durch die Gegend.
Tausende hängen sich jede Woche irgendwelche Fußballvereins-
schals um den Hals, da sagt auch keiner was.
Gut, all diese Kameraden sind bei diesen Gelegenheiten meist an-
getrunken … aber das macht die ganze Sache auch nicht besser.
Der Bernie tobte weiter durch den Thekenraum und klatschte dabei
in die Hände wie ein Hauptschullehrer beim Klassenausflug.
Als Animateur war er eher mittelmäßig. Er hatte scheinbar den Auf-
trag erhalten, möglichst alle Anwesenden in den hauseigenen
Shuttlebus zu treiben. Ein ganz spezieller Service für die hier ein-
gebuchten Hotelbiker.
O.K, die Sache mit dem Shuttlebus. Wer mit dem Bus … obwohl
es gar kein richtiger Bus sondern ein Großraumvan ist … wer
also mit einem Van zum Bikerfest fährt, der isst auch Brathähn-
chen mit Messer und Gabel. Außerdem ist er schlau. Der muss
dann nämlich nicht auf einer durchgematschten Wiese pennen,
weil der Shuttlevan ja auch wieder zurück fährt. Irgendwann …!
Das ist dann auch der einzige Nachteil an der Sache. Der Fahrer
ist dann meistens schon sturzbetrunken, was dann aber fast
niemandem so richtig auffällt, weil die Mehrheit der Fahrgäste
damit beschäftigt ist, den ganz persönlichen Brechreiz zu unter-
drücken.
Das klappt aber nicht immer und in allen Fällen, wie man dann am
nächsten Tag … im Innenraum aber auch außen am Shuttlebus,
mühelos erkennen kann.
Dietmar hatte anscheinend keine Lust, sich treiben zu lassen wie
ein japanischer Pauschaltourist auf einer Europatournee.
„Gemach Kollege, ganz ruhig bleiben. Der pendelt, der Bus. Immer
hin und wieder zurück. Is‘ doch so! War doch letzes Jahr auch so,
warum soll ich denn jetzt hier … mach doch nicht so’n Stress!“
„Quatsch nicht rum, mach voran. In zwanzig Minuten müsst ihr
fertig sein. Der Bus steht dann vor der Tür.“
Bernie ist einfach so. Der hat das nicht so drauf, das mit dem
Gästestatus. Der macht das, was man ihm aufträgt.
Wenn der Boss sagt: „Sieh zu, das alle pünktlich hier sind!“
Dann macht er das, dann sieht er zu, dass alle pünktlich da sind.
So führt er auch als Tourguide seine Gruppen.
Der Bernie ist zuverlässig wie …? Ja, wie denn nun?
Früher konnte man hier “die Bundesbahn“ oder “ein Toyota“ ein-
setzen. Mittlerweile weiß ich auch nicht mehr …?

Kommentieren