Bikerhotel II ( Kapitel 3)
Es zog sich. Es zieht sich immer, wenn man lange Strecken auf
der Autobahn zurücklegen muss. Mir war auch überhaupt nicht
kalt. Bei ungefähr 30°C friert man eben nicht. Ich hatte die Be-
lüftungsschlitze an meinem Textilanzug geöffnet, was es der
warmen Außenluft ermöglichte, mich heimelig zu umströmen.
Dieser heimelige Fahrtwind bläht dann die Kluft zwar ein wenig
auf -was einen Textilanzugträger dann auch aussehen lässt wie
dieses berühmte Michelinmännchen- sorgt aber auch für ein er-
trägliches Klima.
Auch Rolf bot keinen besonders erfreulichen Anblick. Er hatte
seine langen Beine von sich gestreckt und irgendwie in den aus-
klappbaren Zusatzfußstützen seiner Harley verkeilt. Die Hosen-
beine seiner alten Lederjeans waren nach oben gerutscht und
gaben den Blick auf seine ungewöhnlich weißen Waden frei. An
den Füßen trug er alte Turnschuhe. Für mich waren es jedenfalls
alte Turnschuhe. Er hingegen behauptete, es wären echte Harley
Davidson-Sportschuhe.
Das kann man aber mit Fug und Recht anzweifeln, nicht zuletzt
deshalb, weil er die Dinger für zwanzig Euro in einem dieser
türkischen Outletshops in Antalya geschossen hatte.
In diesem Laden hatte er sich vor einigen Jahren eingedeckt. Jede
Menge echter Harleyklamotten hatte er dort angeblich gefunden.
So ein Glückspilz. Das Prunkstück seiner Sammlung war eine
Ledermütze. Das Ding war derartig dicht mit den unterschied-
lichsten Harley Davidson-Aufnähern bedeckt, dass man die Grund-
farbe kaum noch erkennen konnte. Ich nenne das Ding nur
Narrenkappe. Rolf reagiert darauf immer beleidigt, zieht sie aber
trotzdem immer wieder an. Da kann man dann nichts machen.
Inzwischen war ihm wohl wieder eingefallen, dass er eigentlich
seine Reifen schonen wollte. Er ließ es etwas ruhiger angehen.
Das wiederum veranlasste Theo, seinerseits das Tempo zu er-
höhen. So kommt man voran. Der Letzte überholt jeweils den
Ersten. Dann schläft man auch nicht ein.
Kurz nach Mittag erreichten wir Baden-Würtemberg. Mag sein,
dass es da noch feinere regionale Unterteilungen gibt, für mich als
Rheinländer ist das aber eher -persönlich uninteressant- würde
einer unserer bekannteren heimischen Philosophen sagen.
Ober- oder Unterfranken, Nieder- oder Oberösterreich…das macht
für uns kaum einen Unterschied. Fremdartige Sitten und Ge-
bräuche und eine nur sehr schwer verständliche Sprache…damit
kommen wir schon zurecht.
Das haben wir auch in den diversen Stammesgebieten unserer
Großstädte. In Köln-Mülheim, Düsseldorf-Eller, Duisburg-Marxloh
und anderen Revieren. Wer dort klarkommt…schafft das überall.
Furchtlos rollten wir also weiter gen Süden, vom Prinzip her
…eigentlich der Sonne entgegen. Die allerdings, bewegte sich
gemächlich gen Westen. Wenn man’s genau nimmt, stimmt das ja
auch nicht. Die Erde dreht sich gen Osten. Die Sonne bewegt sich
überhaupt nicht. Die bleibt da wo sie ist und leuchtet vor sich hin.
Es ist die Erde, die sich dreht. Mit einem Affenzahn sogar.
Mal kurz gerechnet…einmal um die eigene Achse in 24 Stunden.
Das heißt: Durchmesser der Erde in Kilometern mal Pi geteilt
durch vierundzwanzig…das ist die Geschwindigkeit, mit der sich
die Erde dreht.
„Wären wir am Äquator und führen in Richtung Osten, dann wären
wir ungefähr 1.700 Stundenkilometer schnell. Mit mehr als
anderthalbfacher Schallgeschwindigkeit wären wir unterwegs..!“,
verkündete ich mein Kopfrechenergebnis beim nächsten Halt.
Theo sah mich misstrauisch an. Rolf schaute erst auf seine Uhr
und sah mich dann ebenfalls schweigend an.
„Das stimmt … !“, behauptete ich selbstsicher.
„Sieht ganz gut aus“, behauptete dann Dietmar.
„Wer oder was … sieht ganz gut aus?“, wollte Rolf wissen.
„Na, die Uhrzeit. Wir liegen gut in der Zeit“, meinte Dietmar.
„Geht so“, nörgelte Theo leise und folgte Charly ans Gebüsch
neben dem Parkstreifen.
„Wie lange isses denn noch“, wollte Rolf dann wissen und wühlte
in seinen riesigen Harleykoffern herum.
„Ungefähr….drei Stunden…wenn wir ordentlich Gas geben“,
murmelte ich und betrachtete nachdenklich das aufgedruckte Ver-
fallsdatum auf der blauen Plastikflasche aus meinem Tankruck-
sack. Rolf summte leise vor sich und fummelte andächtig mit
einem kleinen Schraubenschlüssel an einigen verdächtigen
Schraubverbindungen seiner Harley herum.
„Warum nimmste denn kein Loctite“, wollte Dietmar wissen.
„Nehm‘ ich doch. Trotzdem…“, erklärte Rolf und schraubte in-
brünstig weiter herum.
„Noch einmal tanken, dann kommen wir hin“, rechnete ich kurz.
„In Österreich ist es aber billiger, viel billiger“, wusste Dietmar.
„Fünfzehn Cent pro Liter, deswegen halten wir doch nicht noch mal
extra an“, wunderte sich Rolf.
„Du hast es ja…ich verschenke doch nicht…?“
„Zwei Euro?“, fragte ich. Dietmar nickte entschlossen.
„Ich geb‘ dir dafür ein Bier aus“, sagte Rolf. Dietmar überlegte.
„Mir auch?“, wollte Charly wissen. Rolf sah mich entnervt an.
„Hier geht‘s ums Prinzip“, nervte Dietmar weiter.
„Hier geht es um Zeit“, korrigierte ihn Theo.
„Anderthalbfache Schallgeschwindigkeit…das muss man sich mal
vorstellen..“, fiel mir wieder ein.
„Du hast sie doch nicht alle“, murmelte Rolf und tippte sich an die
Stirn. Enttäuscht trank ich meine blaue Plastikflasche leer. Das
isotonische Zeug schmeckte scheußlich. Vermutlich hätte es aber
genau so scheußlich geschmeckt, wenn es nicht schon zwei Jahre
über dem Verfallsdatum gewesen wäre. Man muss eben sparen
wo man kann.
Nach einer weiteren Stunde überholte ich, blinkte eifrig und fuhr
kurz entschlossen von der Autobahn ab. Tanken an einem dieser
Autohöfe. Dort ist es meistens leer und der Benzinpreis ist auch
etwas niedriger. Gehorsam folgte mir die Gruppe.
Nachdem wir getankt hatten..wurde geraucht. Abseits der Tank-
säulen natürlich. Irgendwo am Rand des Autohofes.
„Bratwurst wäre nicht schlecht“, behauptete Dietmar und schielte
zu einem Imbisswagen rüber.
„Bratwurst? Davon kannst du nachher noch genug kriegen. Wenn
wir rechtzeitig ankommen, packen wir unseren Krempel ins
Zimmer und dann geht’s zum Bikerfest. Da hast du dann Bratwurst
bis der Arzt kommt“, erklärte ihm Rolf.
„Was ist das denn für ein Bikerfest, was ist denn da los?“, wollte
Theo neugierig wissen. Theo war das erste Mal dabei.
„Wirst du schon sehen. Besser, du nimmst deinen Helm mit. Wenn
die ordentlich abgefüllt sind, geht’s da immer rund“, erklärte ihm
Charly. Rolf nickte bestätigend. Theo sah mich fragend an.
„Naja, das ist eben kein Pfadfindertreffen“, erklärte ich ihm,“ die
sind da manchmal ein bisschen … naja …sagen wir mal: Handfest!
Das trifft es wohl ganz gut.“
„Könnte man sagen“, grinste Rolf.
Theo nickte zwar verstehend, man konnte aber deutlich erkennen,
dass er noch Fragen hatte. Charly erbarmte sich.
„Kommt immer drauf an, wer da alles kommt. Wenn die Banditen
kommen … wird’s ziemlich eng. Bisher sind die aber erst einmal
gekommen.“ Charly zog kurz die Brauen hoch und schwieg dann.
„Da brauchten die aber am nächsten Tag wenigstens das Zelt nicht
mehr abzubauen“, fuhr Dietmar fort und stöhnte altklug.
„War ja auch keiner mehr übrig, der das noch hätte machen
können“, ergänzte Rolf. Dietmar nickte bestätigend.
„Alles nur Räuberpistolen. Hörensagen. Das ist ein ganz normales
Bikerfest. Aufgemotzte Kisten, laute Musik, scharfe Weiber, viel
Alkohol … das Übliche eben“, versuchte ich, die ganze Sache
wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubiegen.
„Wir werden’s ja erleben“, murmelte Theo nachdenklich.
Der Theo, auch ein echter Bergischer Junge. Aus dem alpinen Teil
des Rheinlandes. Wir haben da Erhebungen, die sind teilweise bis
zu 500 Meter hoch…ungefähr. Vielleicht sind es auch nur 400
Meter. Jedenfalls, wenn’s in Köln und Düsseldorf regnet, schneit
es bei uns schon. Also … im Winter natürlich. Wenn man es ein-
mal geografisch und historisch betrachtet, bildet das Bergische
Land ein natürliches Bollwerk gegen die wilden Stämme des
Ostens. Damals … also früher, meine ich.
Diese Hunnen, Mongolen, Sachsen, Westfalen …alle diese
Völkerstämme hätten das Bergische Land durchqueren müssen
um an den Rhein zu gelangen. Hätten…haben sie aber nicht.
Die Bergischen haben dafür gesorgt, dass die Kölner in Ruhe ihren
Dom bauen und ihr allseits beliebtes Bier brauen konnten.
So sieht’s nämlich aus, liebe Kölner.
Man sagt den Bergischen auch einen gewissen Starrsinn nach.
Es fehle ihnen ein wenig an der lockeren Fröhlichkeit der Kölner.
Kunststück … unsere Vorfahren hatten eben keine Zeit für
Karneval. Die mussten sich mit den Mongolen und Westfalen
herumschlagen. Heute haben wir nur noch mongolische
Restaurants … zum Glück können die Westfalen nicht kochen.
O.K, vielleicht doch, aber selbst wenn, da würde niemand hin-
gehen.
Der Bergische Motorradfahrer an sich, ist relativ furchtlos. Das liegt
möglicherweise an der erwähnten Historie, wäre demnach also
genetisch bedingt, oder aber, was auch nicht gänzlich auszu-
schließen ist, es liegt an den Straßen im Bergischen Land.
Wenn man da, von frühester Jugend an, auf diversen Zweirädern
unterwegs war, dann formt das in gewisser Weise den Charakter.
Heraus kommt dann am Ende … so ein Typ wie Theo.
Der übernahm auch wieder die Führung.
Wir waren inzwischen in der Nähe von Ulm. Also nicht direkt in
Ulm, sondern um Ulm herum. Irgendwo … da.
Jetzt ging es praktisch nur noch geradeaus. Am Horizont
schimmerten bereits die ersten Ausläufer der Alpen durch den
Dunst. Dunst ist nicht so gut, das hat immer etwas mit Wasser zu
tun. Hatte es diesmal auch … kaum realisierte ich das erste Hin-
weisschild auf dem Österreich erwähnt war, schon zog es sich zu,
wie man so schön sagt. Es zieht sich immer erst zu … danach
kübelt es dann wie aus Eimern. In den Alpen jedenfalls. Bei uns zu
Hause zieht es sich öfter mal zu. Danach dann auch wieder auf …
in den Alpen macht es das nicht.
Wenn da die dunklen Wolken kommen … dann kommen da die
dunklen Wolken. Und dann geht’s los. Aber richtig.
Dann empfiehlt es sich, wasserdichte Kleidung zu tragen. Eine
türkische Designer-Harleyjacke ist da im Regelfall weniger ge-
eignet. Im Regenfall … oder gar im Wasserfall … überhaupt nicht.
Eine Textilkombi mit geöffneten Belüftungsschlitzen … auch nur
bedingt. Ein technischer Halt war also von Nöten.
Mangels geeigneter Alternativen stoppten wir unter einer Auto-
bahnbrücke. Das kann man machen, darf man aber eigentlich
nicht. Unter einer Brücke bekommt man allerdings deutlich weniger
von der Gischt ab, die von den im Trocknen sitzenden Autofahrern
aufgewirbelt wird. Vor allen Dingen dann, wenn die bei Starkregen
mit hundertachtzig Sachen und in zwei Metern Abstand an einem
strippenden Moppedfahrer vorbeihuschen.
„Von Sintflut war aber nicht die Rede“, nörgelte Rolf und suchte
nach seinen Regenklamotten. Seine Harleyjacke hatte zwar
schöne Aufnäher, aber dafür etwas wenig Imprägnierung.
Man kann eben nicht alles haben.
„Ich hab‘ ja Wasserbüffel“, gab Charly an, „ und dieses Dingens…
dieses Hydrotexfutter. Da geht nichts durch. Testsieger…!“
Zufrieden mit sich und seiner Jacke grinste er Rolf an. Der hatte
sich inzwischen eine Regenkombi übergezogen. Im klassischen
Müllmann-Orange. In Kombination mit dem Policehelm und der
Sonnenbrille … ein sehr individuelles Outfit.
Mit einem ohrenbetäubenden Gebrüll röhrte ein Porsche an uns
vorbei. Die Akustik unter dieser Brücke war fantastisch.
„Weißt du eigentlich, wie du aussiehst?“, schrie Dietmar, der das
eigentlich gar nicht wissen sondern nur verkünden wollte.
„Ich weiß, aber bei mir ist das nur die Regenkombi. Die kann ich
wieder ausziehen. Du müsstest dich aber operieren lassen.“
„Ich finde die alle beide hässlich“, verriet mir Charly.
„Auch wenn ich die Regenkombi nicht anhabe?“, schwulte Rolf.
„Je mehr du ausziehst, um so schlimmer wird’s“, brüllte ich, denn
ein tiefergelegter BMW schoss gerade auf der Überholspur vorbei.
Draußen, also weit hinter der Brücke, zog es sich langsam wieder
auf. Wir hatten nun genug Zeit verloren.
Nach einer halben Stunde erreichten wir das Territorium der Alpen-
republik Österreich. Eigentlich ja Tirol … aber die Regierung in
Wien behauptet hartnäckig …noch undurchsichtiger ist allerdings
diese Sache mit Südtirol. Luis Trenker war eigentlich ein Italiener.
Verrückt oder ?
Luis Trenker…das muss man sich mal vorstellen.
Das ist ungefähr so, als wäre Willy Millowitsch im Düsseldorfer
Kommödchen aufgetreten…oder die Toten Hosen im
Müngersdorfer Stadion. Kulturelles Chaos … weltweit.
Wir waren jedenfalls in Tirol…in Nordtirol, nicht in Italien.
Theo hatte angehalten und eine Landkarte entfaltet.
Auf einer Landkarte wirkt dieses Tirol ziemlich überschaubar. Es ist
aber deutlich größer, als es auf den ersten Blick erscheint.
Verglichen mit Holland … den Niederlanden, die ja ziemlich flach
sind, ist Tirol mit relativ vielen und relativ hohen Berge übersät.
Man stelle sich nun vor…rein theoretisch, man würde diese Berge
flach drücken! Nicht verstanden? O.K…noch anders. Wir basteln
uns eine dreidimensionale Karte von Tirol und drücken die dann
platt. Dann wäre sie nur noch annähernd zweidimensional, hätte
aber deutlich mehr Grundfläche als vorher. Jetzt verstanden?
Theo nickte nachdenklich und sah mich an. Er konnte anscheinend
folgen. Aber er kannte die Pointe noch nicht. Die erklärte ihm dann
Rolf: „Pass auf! Wenn man einen Berg hochfährt und dann an der
anderen Seite wieder herunter, dann fährt man ja zweimal die
Hypotenuse…wenn man jetzt mal zwei Dreiecke aneinanderlegen
würde. Die rechten Winkel jeweils innen und unten. Auf dieser
zweidimensionalen Karte hier, sieht man dann aber nur die zwei
Katheten, verstehst du. Die tatsächliche Strecke ist also deutlich
länger als man auf der Karte erkennen kann. Weil die eben nur
zweidimensional ist, die Karte. Ist doch ganz einfach.“
„O.K …Tirol ist also größer als Holland und die Straßen sind länger
als auf der Karte. Was sagt uns das jetzt?“
„Eigentlich ist es egal. Wir wollten dir eben nur die Besonderheiten
hier klarmachen. Traue den Karten nicht…die täuschen.“
„Ihr kennt euch doch hier aus, warum fahrt ihr denn nicht vor? Am
besten immer an den Katheten entlang. Dann müsste es doch
schneller gehen … oder nicht?“, fragte er dann kopfschüttelnd und
faltete seine Karte wieder zusammen. Offensichtlich hatte er es
kapiert. Erstaunlich schnell, Rolf hatte damals länger gebraucht.
„Auf geht’s!“, rief Rolf und startete seine Harley. Den Müllmann-
Overall hatte er wieder in seinen Koffern verstaut. Wenn auch
die Straßen noch leicht feucht waren, ein wenig Optik …
Es waren noch ungefähr 50 Kilometer … bis zum Hotel.

He, da kriegt man Lust auf mehr, also auf Fortsetzung. Du bist wieder besser drauf……………..
LG
Sabine
… also ich hab das mit der Landkarte immer noch nicht verstanden … zweidimensional .. dreidimensional … kannst mir das noch mal erklären??? lol
Wie immer hab ich mich ins Eck geschmissen vor lachen … weiter so … ich brenne auf jedes neue Kapitel
lg
Alpenblitz