Bikerhotel II (Kapitel 2)
Samstagmorgen … ungefähr acht Uhr.
„Was hab ich gesagt?“, nörgelte Charly.
„Was hast du denn gesagt?“, erkundigte ich mich, nicht wirklich
neugierig. Ich drückte Rolf meinen Helm in die Hand und schob die
Gelbe zur nächsten Tanksäule. Mühsam hebelte ich das schwere
Teil auf den Hauptständer. Ich öffnete den Reißverschluss des
Tankrucksacks und klappte ihn hoch. Für den Tankverschluss
braucht man aber den Schlüssel. Ich klappte den Tankrucksack
also wieder herunter. Immer schön zuerst den Schlüssel vom
Zündschloss abziehen. Dann stellte ich fest, dass ich von dieser
Seite nicht an die Zapfpistole herankam.
Die anderen beobachteten meine Bemühungen mit offensicht-
lichem Interesse. Als ich die Zapfpistole dann von der anderen
Seite in die Tanköffnung einführen wollte … kam mir der Rüssel
ein wenig groß vor.
DIESEL … entzifferte ich.
Kann vorkommen … dann eben die andere. Endlich summte die
Pumpe und ich fummelte an diesem Feststeller herum. Das Ding
funktionierte nicht. Bei mir funktionieren die nie. Keine Ahnung
warum. Beim Einfüllen des allerletzten Liters spritzte mir das teure
Super wieder einmal auf die Brille. Macht nichts, die musste ich
sowieso noch putzen.
Ich bezahlte und schob mühsam die beladene Gelbe wieder
zurück zu den wartenden Kollegen.
„So ganz wach … bist du aber auch noch nicht“, behauptete Rolf.
„Ich bin topfit!“, log ich und suchte im Tankrucksack nach einem
Brillenputztuch. Dieser verdammte Tankrucksack! Da packe ich
immer alles hinein, was ich irgendwann einmal brauchen könnte.
Oder…von dem ich glaube, dass ich es irgendwann einmal
brauchen könnte. Alles dabei…Taschenlampe, Kombizange,
Karamellbonbons, Ersatzhandschuhe, diverse kleinere Behälter
mit isotonen Getränken und Motoröl, Landkarten…alles dabei.
Allerdings auch einige merkwürdige Dinge, von denen ich beim
besten Willen nicht mehr wusste, warum ich die jemals dort hinein-
gepackt hatte. Wer sich schon immer über den absonderlich er-
scheinenden Inhalt von Damenhandtaschen gewundert hat, mein
Tankrucksack kann da locker mithalten. Aber ganz locker!
Wütend verteilte ich den unübersichtlichen Krempel auf der Sitz-
bank und den Koffern. Charly und Dietmar näherten sich vorsichtig
und beobachteten neugierig meine Aktivitäten.
Theo schlich sich mit seiner Kamera an.
„Was‘n das?“, fragte Charly und hielt mir eine zerdrückte, kleine
Pappschachtel vor die Nase.
„Wonach sieht’s denn aus?“, giftete ich und wühlte weiter.
„BIL..LI..B…O…?“, buchstabierte Charly mühsam.
Dietmar hatte scheinbar auch etwas Interessantes entdeckt.
„Ist das Gleitcreme?“, fragte er verwundert und hielt eine Tube mit
kaum noch lesbarer Aufschrift hoch.
„Nein verdammt, das ist Handwaschpaste. Die kannst du aber
auch gerne als Gleitcreme verwenden. Vielleicht gefällt’s dir ja, da
ist Quarzsand drin“, versuchte ich, ihn abzuschrecken.
Charly hatte inzwischen einen Billyboy aus der Verpackung befreit.
„Was’n das für ‘ne komische Farbe? Das ist bestimmt mit
Himbeergeschmack“, rätselte er mit angeekelter Miene und
schnupperte an dem Ding herum.
„Meine Güte! Warum lasst ihr nicht eure unegalen Finger weg?
Himbeer, Erdbeer…was weiß ich? Ich hab‘ die Dinger noch nie
probiert. Keine Ahnung wonach die schmecken. Frag‘ doch mal
Dietmar!“ Dietmar erklärte sofort und total empört, überhaupt keine
Ahnung zu haben, wonach Billyboys mit Himbeeraroma nun genau
schmecken könnten.
„Ihr könnt euch doch auch noch später verabreden. Dann könnt ihr
in aller Ruhe die Himbeergummis und die Gleitwaschpaste aus-
probieren. Mir ist das total egal. Ich will nur langsam los“, meckerte
Rolf und stülpte meinen Helm über den rechten Spiegel der
Gelben.
„Mach wenigstens das Visier hoch“, beschwerte ich mich, während
ich meinen ganzen Kram wieder in den unendlichen Tiefen des
Tankrucksacks verstaute. Brillenputztücher hatte ich zwar keine
gefunden, dafür aber- ein schon etwas älteres Schreiben vom
Finanzamt. Dem Poststempel nach- älter als sechs Wochen.
Dann kann man sowieso nichts mehr machen.
Ich stopfte den ungeöffneten Umschlag wieder ganz tief nach
unten, noch unter die Tüte mit den Reservesocken.
„Wie kommt denn ein Brief vom Finanzamt in den Tankrucksack?“,
fragte ich Rolf verwundert und kramte in meinem Gedächtnis.
„Ich hab‘ ihn da nicht reingesteckt. Wahrscheinlich Hexerei …
oder beginnender Alzheimer. Können wir jetzt endlich los?“
Rolf drängelte nicht ganz grundlos. Er fährt eine Harley, alle
anderen fahren BMW. Man sitzt ganz gut … auf einer BMW.
Auf einer Harley sitzt man allerdings noch besser. Speziell auf
einer E-Glide.
Allerdings, Sitzen ist die eine Sache…Fahren die andere.
Erschwerend kam hinzu, dass er seine Reifen etwas schonen
wollte. Wollte, kann man eigentlich nicht sagen, er musste.
„Wer fährt denn vor?“, fragte Dietmar vorsichtig. Charly hatte wohl
nicht hingehört und fummelte an seinem Hinterrad herum.
„Mir egal … ?!“, sagte Rolf und blickte kurz und entschlossen in die
Runde. Genau genommen hätte er eigentlich sagen müssen:
„Wenn niemand etwas dagegen hat, dann fahre ich vor.“
Mir war es aber wirklich egal, den anderen Kollegen anscheinend
auch. Na dann also los, immer hinter der Harley her.
Immer hinter der Harley her. Klar, kein Problem…denkt man.
Das denkt man aber nur so lange, bis man hinter Rolf herfährt.
Natürlich ist seine Harley kein Rennhobel. Die Kiste läuft bei gutem
Wetter und mit viel Glück …vielleicht so um die hundertsiebzig
Sachen…ungefähr. Dann hat er aber auch schon das absolute
Limit überschritten. Das kann man dann auch an mehreren Details
erkennen. Nicht nur einfach erkennen, sondern gesamtsinnlich
erleben…also visuell, akustisch und sogar mit Hilfe der Haut-
rezeptoren. Der unförmige Eimer schlingert dann wirklich furcht-
erregend über die Straße. Die Furcht wird aber nur beim Hinterher-
fahrenden erregt. Rolf selbst, beeindruckt das überhaupt nicht.
Nicht die Bohne. Wer nicht genau weiß, wie ein schlingerndes
Motorrad aussieht, bei dieser Gelegenheit kann man es schul-
buchmäßig beobachten. Die bei dieser Gelegenheit; also Vollgas
bis an die Belastungsgrenze der Pleuel, die also dabei erklingende
akustische Begleitmusik, kann man ohne jede Übertreibung, als
wahrhaft ohrenbetäubend bezeichnen. Das liegt sicherlich auch
daran, dass Rolf entschieden hat, sämtliche Innereien seiner Aus-
pufftöpfe zu entfernen. Das spart Gewicht und sorgt für einen
freien Gasfluss. Das hat er mal irgendwo in einem Buch gelesen.
Vermutlich in einem dieser Bastelbücher vom Flohmarkt.
Charly hat ihm dann assistiert, bei der großen Operation:
-Wie entkernt man einen Endschalldämpfer?-
Nun, wie wohl? Mit einem Kernbohrer natürlich. Die gute, alte Hilti
genommen, einen entsprechenden Bohraufsatz eingedübelt … und
dann so lange reingehalten, bis keinerlei metallische Geräusche
mehr zu hören waren. So würden sie es auch in Amerika machen,
hat Charly behauptet. Der muss es ja wissen.
Rolf schwört Stein und Bein, dass sie nach dieser Operation deut-
lich spürbar mehr Leistung habe, seine Harley. Ich halte das zwar
eher für eine akustische Täuschung, aber ist doch egal, des
Menschen Glaube ist sein Himmelreich.
Wie auch immer, das Ding dröhnt dermaßen, dass jedem Hinter-
mann nicht nur die Ohren klingeln, sondern schon nach wenigen
Minuten der gesamte Schädel vibriert. Selbst mit Ohrstöpseln ver-
sehen, muss man mindestens fünfzig Meter Abstand halten.
Und damit nicht genug. Wenn der gequälte 1.600 Kubikzentimeter
V2-Motor an seine Drehzahlgrenzen gebracht wird, versprüht er
immer einen feinen Ölnebel. Den zieht Rolf dann wie einen
Kondensstreifen hinter sich her. Wehe dem Ahnungslosen, der
dann nicht genug Abstand hält.
Das also zum Thema: Immer hinter der Harley her…!
Sei’s drum, Rolf gab seiner Harley die Sporen. So wie er es eigent-
lich immer macht. Fehlende Motorleistung wird einfach durch
Furchtlosigkeit kompensiert. Wahnsinn, sagen einige Leute, die
kennen Rolf aber nicht gut genug. Er pflügte uns also einen Pfad
durch den mäßig starken Autobahnverkehr. Um Köln herum und
dann in Richtung Frankfurt ist immer Verkehr. Am Tag, in der
Nacht, selbst an Sonn- und Feiertagen drängeln sich hier die
Autos. Die A3 schläft nie.
Schlingernd, dröhnend und Öl sprühend schlängelte sich die
Harley durch die Autokolonnen. Mal links, mal rechts, wo eben
gerade Platz war. Das Tempo, dass er dabei vorlegte, zeigte mir,
dass er wohl unbedingt pünktlich zum Abendessen im Hotel an-
kommen wollte. Cruisen geht anders.
Mir war’s egal, diese nervtötende Autobahnfahrerei hasse ich
sowieso. Je schneller wir diese endlos erscheinenden 700 Kilo-
meter hinter uns brachten, um so besser.
Der Plan ist immer: Jede Stunde eine kurze Pause. Ein Schluck
aus der Mineralwasserflasche, ein bis zwei Zigaretten… und dann
weiter. Halbzeit gegen Mittag, irgendwo eine Asischale…also
Currywurst mit Pommes oder eine ähnlich nahrhafte, ballaststoff-
und vitaminreiche Zwischenmahlzeit…und dann wieder los.
Der Weg ist hier auf gar keinen Fall das Ziel. Aber überhaupt nicht.
Kein einziger Millimeter davon. Der Weg ist ätzend. Das Ziel ist
das Ziel. Ankommen, einfach nur ankommen.
Natürlich hätten wir auch gemütlich über die Dörfer fahren können,
auf halber Strecke dann irgendwo übernachten und dann ganz
gemütlich am nächsten Tag ankommen. Das hätten wir natürlich
auch machen können. Andere Leute machen das so. Wir nicht!
Warum nicht? Nö, machen wir nicht. Haben wir noch nie gemacht.
Losfahren …durchfahren …ankommen. So machen wir das. So
haben wir das schon immer gemacht, so werden wir das auch
weiterhin machen. Ganz einfache Kiste …
Dann darf man sich natürlich auch nicht beschweren.
Wer beschwert sich denn hier? Niemand beschwert sich… aber
behaupten, dass es ätzend ist, wenn man stundenlang über die
Autobahn fahren muss, das muss ja wohl erlaubt sein.
Rolf musste seine Reifen schonen. Das wusste er, das wusste ich,
ob die Anderen das wussten…weiß ich jetzt auch nicht. Ist ja auch
egal. Die Reifen schont man, wenn man nicht allzu schnell fährt.
Wie schnell man fahren darf um nun effektiv seine Reifen zu
schonen, hängt davon ab … kommt immer darauf an… weiß
eigentlich keiner so genau. Manche behaupten, das hundert-
sechzig Stundenkilometer die magische Grenze seien.
Ich habe keine Ahnung. Rolf auch nicht. Ich könnte mir allerdings
vorstellen, dass originale amerikanische Harley-Davidson Weiß-
wandreifen, dass diese Dinger also schon bei weitaus geringerer
Durchschnittsgeschwindigkeit an Substanz verlieren. Der
amerikanische Harleyfahrer, fährt nämlich nur sehr selten schneller
als hundertsechzig Stundenkilometer; wie schnell auch immer das
in Meilen sein mag. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Rolf fährt nur dann langsamer, wenn er unnatürliche Geräusche
aus dem Motorraum vernimmt. Das er die überhaupt wahrnehmen
kann, kommt für mich einem Wunder gleich. Das er überhaupt
noch etwas hören kann, nach spätestens zehn Minuten auf seiner
Kiste, ist mir ohnehin völlig unverständlich. Ob ich das nun ver-
stehe oder nicht … es ist aber wohl so. Sagt er jedenfalls.
Unnatürliche Geräusche, was kann er damit meinen? Für mich
sind sämtliche Geräusche, die seine Harley so von sich gibt …
Aber er hat ein Gespür dafür entwickelt. Er kann sogar heraus-
hören, ob und wann sein Ölvorrat zur Neige geht. Dann klappern
die Stößelstangen anders…hat er mir mal erklärt.
Dieser Beethoven unter den Harleyflüsterern.
Ich höre bei meiner Gelben jedenfalls nichts derartiges. Es wäre
natürlich äußerst hilfreich, wenn man bei dem Boxermotor meiner
Gelben hören könnte, wann Öl nachgefüllt werden muss. Sehen
kann man es nämlich auch nicht so richtig. Früher gab es
Ölpeilstäbe, heute gibt es dafür äußerst raffiniert angebrachte
Schaugläser. Nach einer nur für Eingeweihte halbwegs verständ-
lichen Prozedur; der exakte Ritus ist nach wie vor heftig umstritten,
muss man sich dann bei warmem Motor und in exakt
waagerechter Position des Motorrads, dann natürlich noch im
richtigen Winkel, mehr oder weniger ehrfurchtsvoll niederknien und
dann versuchen, den aktuellen Ölinhalt am raffiniert unter dem
Auspuff versteckten Schauglas abzulesen.
Der genaue Ablauf des Opferkults der alten Azteken bei der
Sommersondenwende, die kultischen Handlungen bei der In-
thronisierung der altägyptischen Pharaonen…Pillepalle gegen die
prozessualen Abläufe einer genauen Ölmengenbestimmung bei
einem modernen Boxermotor von BMW.
Tradition verpflichtet eben…nicht direkt getrieben von Ehrfurcht,
mehr von Neugier, trotzdem kniend vor dem Meisterwerk, erkennt
man erst den wahren Geist in der Maschine. Vielleicht war es ja
auch das, was die Ingenieure dazu veranlasst hat, den guten, alten
Peilstab abzuschaffen und durch dieses magische Auge zu er-
setzen. Irgendwas muss man sich doch dabei gedacht haben.
Vielleicht liege ich aber auch voll daneben, mit meiner Theorie.
Teutonischer Aberglaube … womöglich.
Der schnöde Harleyfahrer jedenfalls, amerikanisch frei und völlig
unbelastet von jeglicher tieferen Einsicht in die konstruktiven Be-
sonderheiten und Notwendigkeiten moderner Motorenbautechnik,
dieser besagte Harleyfahrer zieht einfach nur seinen Ölpeilstab
heraus und weiß dann ganz genau, was die Stunde geschlagen
hat. So macht man das!
Rolf machte es jedenfalls so.
„Kannst du erkennen, wie viel da fehlt?“, fragte er Dietmar und hielt
dem den Metallstengel vor die Nase. Rolf hat zwar auch eine Brille,
zieht die aber nur an, wenn er etwas lesen muss.
„Kipp‘ ordentlich rein. Ich seh da nix. Das Ding ist trocken, kipp‘
einfach rein … die Plörre. Was zu viel ist, haut der Bock sowieso
wieder raus.“ Dietmar ist da eher großzügig.
Öl kann nie genug drin sein, behauptet er immer. So ähnlich hält er
es auch mit den Getränken.
Obwohl es sich dann da, eher um den Geist des Weines, als um
den Geist des Motors dreht. Hauptsache, es dreht sich alles.
Rolf kippte zwei Liter rein und wir fuhren weiter.

Geht doch
)))))))))))) Freue mich schon auf die Fortsetzung.
Meeeeeeeehhhhhrrrrrrrr!
Obwohl das ja wohl nur das ‘Vorspiel’ ist tut mir schon wieder der Bauch weh – Wiedererkennungswert sei Dank wenn man selbst hin und wieder mal mit Kumpels auf größere Tour geht. Die Typen mögen anders heißen, andere Moppeds fahren, aber dieselben (liebenswerten) Macken haben doch irgendwie alle…
Hey, da ist ja schon der Anfang vom 2. Teil… Bin begeistert, und ich hoffe, Du hast ganz viel Zeit zum Schreiben demnächst. Kann es gar nicht abwarten.
Also von dem Procedere mit dem Öl-Schauglas kann ich auch ein Lied singen … es gibt auch andere Hersteller ausser BMW, die sich denken, dass es eine gute Idee ist, den Ölmessstab mit einem Schauglas zu ersetzen …. aber der Hit ist dann erstmal, in die Kiste Öl reinzubringen wenn man nicht permanent einen Trichter mit sich führt …
… deine Geschichte lässt auch mich vor nicht aufhörenden Lachanfällen fast vom Stuhl kippen, was immer sehr viel Licht in einen tristen Alltag bringt … smile …
Mach weiter so, ich freue mich auf jede weitere Zeile von Dir …
Liebe Grüße
Alpenblitz