Maitour (Kapitel 28)
Da der Weg versperrt war, mussten die Futterkübel zum Stall ge-
tragen werden. Wastl und Franz übernahmen diesen Job. Die
Mutter beobachtete währenddessen, wie immer übelgelaunt und
misstrauisch, die herumalbernden Sauerländer. Der Heinz hatte
sich ihrem Gespann genähert und stellte neugierig und heim-
tückisch, zahlreiche technische Fragen. Das Zugfahrzeug besaß
einen fünfzig Kubikzentimeter Sachs-Motor. Der Klassiker, das
teutonische Urgestein unter den Mofa- und Mopedmotoren. Wenn
man den nicht frisiert, lebt der länger als der Fahrer.
Andernfalls, verenden beide gemeinsam. Die wenigsten Fahrer
haben nämlich die Bremsen mitgetunt, damals, in den Siebzigern.
Während die überlebenden Schweine gefüttert wurden, sah sich
die Bäuerin gezwungen, ihr Fahrzeug vor dem neugierigen Heinz
zu beschützen. Böse keifend, verteidigte sie ihren tröpfelnden Ver-
gaser gegen die fummelnden Finger des Sauerländers.
„Den Ansaugstutzen … hier an der Seite … wegschmeißen und
‘nen größeren einsetzten. Dann geht das Ding viel besser“, be-
hauptete der Heinz. Angeblich hatte der früher mehrfach mit einem
alten Rixe-Mofa mit frisiertem Sachs-Motor, 50er Maicos versägt.
Diese Maicos waren damals gefürchtete Gegner. Damals, während
der goldenen Ära der Fünfziger.
Ganz zufällig auch die große Zeit der aktuell Fünfzigjährigen.
Wastls Mutter hatte aber scheinbar keinerlei Ambitionen, mit ihrem
verrosteten Schweinegespann gegen die Roller der Dorfjugend
anzutreten. Ein verführerischer Gedanke. Ich stellte mir vor, wie sie
mit wehender Schürze und rubbelnden Gummistiefeln, den ört-
lichen Topracer auf seinem bunten Chinaroller ablederte. Die
leeren Futterkübel würden im Anhänger herumrollen, während sie
in gebückter Haltung und verbissen mit verkniffener Miene, alles
aus ihrem Sachs-Motor herausholte, was der Heinz dort vorher
hineingebastelt hatte.
„Wem gehört eigentlich das Zelt?“, wollte Dietmar dann wissen.
Er deutete dabei auf den Stoffhaufen. Niemand wusste es.
„Das hat die Sau aber ordentlich niedergemacht“, bemerkte ein
Sauerländer leichtsinnig. Die finstere Alte warf ihm einen
lauernden Blick zu. Danach fixierte sie nachdenklich den
Schweinestall.
„Soll ich mal den Vergaser richtig einstellen?“, bemühte sich der
Heinz sofort , die lauernde Alte wieder abzulenken.
„Finger weg!“, keifte die und stampfte wütend mit ihren Gummi-
stiefeln auf den Boden. Der Heinz hob abwehrend beide Hände
und trat einen Schritt zurück.
Einige Moppeds rollten auf den Hof. Relativ gesittet und schön in
einer ordentlichen Reihe. Angeführt von dem Tätowierten auf
seiner vergammelten Suzuki, trafen die Brandenburger ein. Erst
jetzt fiel mir auf, dass die Gruppen anscheinend ihre Guides ge-
tauscht hatten. Wahrscheinlich war es aber eher andersherum,
möglicherweise deshalb, weil die Brandenburger eben auch
Frauen dabei hatten. Denen war er ja sehr zugetan, der
Tätowierte.
„Was ist denn nu‘ mit dem Spanferkel?“, wollte Klemens von mir
wissen. Ich nickte langsam und warf einen Blick auf den Grillplatz.
„Ja genau, was ist denn jetzt damit?“, fragte dann auch Dietmar.
„Keine Ahnung. Was weiß denn ich? Fragt doch mal die Sauer-
länder. Die kennen sich doch mit Schweinen aus.“
Kopfschüttelnd machte sich Dietmar auf den Weg.
Plötzlich entwickelte sich eine lautstarke Diskussion. Das ver-
wüstete Zelt gehörte anscheinend einem der Brandenburger. Der
stand zunächst verzweifelt und ungläubig vor dem Trümmer-
haufen, gestikulierte dann aber wütend herum und wühlte hektisch
nach seinen Habseligkeiten.
Das war natürlich Pech. Es erwischt immer die, die sowieso nicht
viel haben. Das ist wie bei diesen Hochwasserkatastrophen.
Mir fiel spontan die große Oderflut ein. Immer die Ossis. Inmitten
selbst dieser blühenden Landschaft hier, erwischt es ausgerechnet
einen Brandenburger. Schwein gehabt, war zwar richtig, passte
aber nun überhaupt nicht.
Man bemühte sich angestrengt, eine Erklärung zu finden.
Wir konnten leider auch nicht zur Aufklärung beitragen. Nach
längerer Diskussion einigte man sich auf Wildschweine. Klemens
unterstützte diese These, indem er bestätigte, einige frei herum-
laufende, schweineähnliche Lebewesen gesehen zu haben.
Auf Anfrage, konnten wir uns dann pötzlich auch wieder daran er-
innern. Unsere Angaben schienen jedenfalls glaubwürdig gewesen
zu sein. Man sollte eben immer … in der Nähe der Wahrheit
bleiben.
Der Tätowierte blieb als Einziger skeptisch. Seiner unmaßgeb-
lichen Meinung nach, wären hier noch nie Wildschweine gesichtet
worden. Wir führten das dann auf die Klimakatastrophe zurück.
Artensterben, Migrationsbewegungen fremdartiger Gattungen, ab-
schmelzende Polkappen. Alles ist in Bewegung geraten. Hört man
doch ständig, derartige Nachrichten. Er blieb zwar skeptisch, wollte
dann aber wohl auch nicht, als gänzlich uninformiert und weltfremd
geoutet werden. Die hätten sogar ARTE im Knast, meinte er.
Wie einigten uns dann auf: Illegal eingewandertes Schwarzwild.
So konnten alle ihr Gesicht wahren. Nur die Ossis, die mussten es
wieder einmal ausbaden. Ich fand das auch nicht in Ordnung,
eigentlich sind die doch schon genug verarscht worden.
Wir hätten natürlich auch die Wahrheit sagen können, das hätte im
Endeffekt aber auch nichts geändert. Man muss die ganze Sache
doch auch mal aus der Sicht des Opfers betrachten. In diesem
Fall, aus der des betroffenen Brandenburgers.
Wie wäre der sich dann wieder vorgekommen?
Was hätte das mit ihm gemacht? – um es einmal in der Sprache
der Sozialarbeiter auszudrücken.
Dann soll er doch lieber mit dem Schicksal hadern, sich also mehr
als unschuldiges Opfer der Globalisierung betrachten, als sich
schon wieder ständigen Selbstzweifeln auszusetzen. Der hätte
sein Zelt ja auch woanders aufbauen können. So gesehen, haben
wir ihm sogar eher einen Gefallen getan. Man soll eben helfen, wo
man kann.
Laut und lustig hupend, bog der LT um die Ecke. Axel, Charly …
und hoffentlich auch Markus. Melanie konnte es kaum erwarten.
Aufgeregt rannte sie los, um ihren lange vermissten Lover in
Empfang zu nehmen. Leidenschaftliche Begrüßung, das klingt zu
nächst eindrucksvoll, wäre aber zu schwach, um die Szene zu be-
schreiben. Der Tätowierte, der seit seinem Eintreffen Melanie
keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte, beobachtete die
ganze Geschichte mit finsterer Miene. Markus blickte sich auch
suchend um. Ihre Blicke trafen sich. Ready to rumble, war die un-
ausgesprochene Botschaft. Die würden sicherlich keine Bluts-
brüder werden. Jedenfalls nicht im traditionellen Sinne.
Gemeinsam lud die Besatzung des LT, die nur leicht ramponierte
R6 aus. Neugierig sammelten wir uns um den alten Kastenwagen.
Markus war aber ziemlich einsilbig. Er war seinen Häschern ent-
kommen, soviel war klar. Hakenschlagend und unter Einsatz aller
Reserven, war er ihnen entkommen. Mehr … ließ er sich nicht
entlocken. Markus war kein großer Redner. Das war er noch nie
gewesen. Charly und Axel schwiegen ebenfalls. Man hätte fast den
Eindruck gewinnen können, dass sie ein Geheimnis teilten,
„Was macht das Spanferkel?“, wollte Axel wissen und wischte sich
die Hände an seiner Hose ab.
„Was soll es machen. Es liegt da rum und ist ein kleines bisschen
angekokelt“, entgegnete ich missmutig und auch ein wenig schuld-
bewusst.
„Angekokelt?“, wiederholte er und sah mich dabei fragend an.
„Ein bisschen“, unterstützte mich Dietmar. Klemens war nirgendwo
zu sehen. Axel blickte sich suchend um. Ungläubig und mit
schweren Schritten ging er dann zum Tisch neben der Feuerstelle.
Dort angekommen, stierte er mit leerem Blick auf die traurigen
Überreste des einst so stolzen Jungschweines.
„Leicht angekokelt“, stöhnte er dann und sah uns hasserfüllt an.
„Naja … ein bisschen knusprig vielleicht, aber wenn man das
Schwarze abkratzt …“, erklärte Dietmar trotzig.
„Wenn man das Schwarze abkratzt“, wiederholte Axel ächzend
und setzte sich hin. Klemens taucht plötzlich mit einer Bierflasche
auf und drückte sie Axel wortlos in die Hand. Schweigend be-
trachteten wir dann gemeinsam unser Werk.
„Für den Notfall haben wir noch ein Reserveschwein organisiert“,
murmelte Klemens.
„Was du nicht sagst“, sagte Axel und setzte die Bierflasche an.
„Das ist ein bisschen größer. Da muss auch noch … ähh … ein
bisschen vorbereitet werden“, erklärte Dietmar zögerlich.
Axel sah ihn wortlos an. In seinen Augen, glaubte ich so etwas wie
Hoffnung erkennen zu können. Ich konnte mich aber auch ge-
täuscht haben.
„Es liegt da hinten in einem Zelt“, fuhr Klemens fort.
„Ihr habt ein Reserveschwein. Das habt ihr in ein Zelt gelegt“,
flüsterte Axel ungläubig und starrte auf seine Bierflasche.
„Ein totes Reserveschwein“, erklärte Klemens stolz.
„Ziemlich groß und mit Borsten“, ergänzte Dietmar.
Axel sah uns der Reihe nach an. Wir nickten synchron.
„Ihr habt doch einen an der Klatsche“, murmelte Axel mit er-
stickender Stimme und erhob sich. Mit schlurfenden Schritten ging
er wortlos davon. Wir blickten ihm schweigend hinterher.
„Tja“, meinte Dietmar enttäuscht und zuckte mit den Schultern.
„Mehr als es anbieten, können wir nicht tun“, sagte Klemens.
„Eben. Wenn er nicht will. Kann man auch nichts machen“, sagte
Dietmar. Die beiden sahen mich an.
„War immerhin eine Idee“, behauptete ich.
Gemeinsam und wieder schweigend, blickten wir dann auch der
gemächlich davonknatternden Alten hinterher. Die fleißigen Helfer
hatten ihr, die nun leeren Futterkübel, wieder auf den Anhänger
gepackt. Wenigstens dieses Problem war vorübergehend gelöst.
Der Wastl irrte allerdings verstört umher. Ihm war wohl klar, dass
es noch nicht ausgestanden war. In seiner Haut wollte ich auch
nicht stecken.
„Was is‘ denn nu‘ mit der Sau?“, wollte der Heinz wissen.
„Die kannste geschenkt haben“, erklärte ihm Dietmar.
Der Heinz wollte sie aber nicht geschenkt haben. Da mussten wir
uns dann eben noch etwas einfallen lassen. Darüber machte ich
mir in diesem Moment aber keine großartigen Gedanken, bis dahin
ist uns eigentlich noch immer etwas eingefallen. Ein totes Schwein
im Zelt war zwar eine neue Herausforderung, aber wir sind ja
kreativ.
