Maitour (Kapitel 25)

Unser Guide kramte nun auch sein Handy hervor und wählte völlig
entnervt verschiedene Nummern. Es hatte aber den Anschein, als
ob sich niemand mit ihm unterhalten wollte.
Klemens nahm mich unauffällig zur Seite.
„Hör mal, der Typ tickt doch auch nicht ganz richtig. Hast du dem
mal in die Pupillen gesehen?“
Eine interessante Frage. Aber wenn ich selbst noch etwas gerötete
Bindehäute habe, vermeide ich es tunlichst meinem Gegenüber in
die Augen zu sehen. Wie sieht das denn aus?
Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung von diesen zahlreichen
inzwischen auf dem Markt befindlichen illegalen Substanzen. In
dieser Beziehung bin ich ein Vertreter der Alten Schule. Falls ich
mir das Licht ausknipsen will … naja .. ausknipsen klingt vielleicht
ein bisschen hart. Also, wenn ich mal das Licht etwas dimmen will,
dann mache ich das nach alter Väter Sitte. Mit dem sicheren Ge-
fühl im dann meist benebelten Hinterkopf … das bundesweit
gültige Reinheitsgebot nicht missachtet zu haben.
Diese bunten Pillen kommen mir nicht in meinen Körper. Vielleicht
klingt das altmodisch … aber dann bin ich eben altmodisch.
BMW-Fahrer gelten ja auch gemeinhin als konservativ. Da mag es
vielleicht die eine oder andere Ausnahme geben, aber so ganz
grundsätzlich … wer, wenn nicht ein echter Konservativer, würde
denn sonst schon eine derartige Markentreue an den Tag legen.
Für den Kaufpreis eines weiß-blauen Originalfahreranzugs be-
kommt man woanders eine Vierzimmer-Eigentumswohnung …
vielleicht nicht in Düsseldorf-Oberkassel, aber ganz sicher irgend-
wo in Bangladesh. Dort, wo die Dinger wahrscheinlich gefertigt
werden.
Wie komme ich nun wieder darauf?
Klemens hatte mich zu diesen Gedankengängen inspiriert. Der
trug nämlich einen dieser Anzüge. Einen echten Konservativen
stellt man sich gewöhnlich etwas anders vor. Aber man sollte sich
auch nicht täuschen lassen. Bodenständig … wenn nicht sogar
regelrecht erdverbunden. Als wenn es hier noch eines Beweises
bedurft hätte.
Chris war da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Wieso der nun
ausgerechnet auf einer BMW durch die Gegend fuhr … man weiß
es nicht. Ich nahm mir vor, ihn bei passender Gelegenheit danach
zu fragen. Der aktuelle Zeitpunkt war allerdings eher ungünstig.
Melanie war es nämlich inzwischen gelungen, Dietmar zu er-
reichen. Chris versuchte nun zu ermitteln, wohin es unsere Rest-
gruppe verschlagen hatte. Seine Interviewtechnik war allerdings
etwas … also eher kulturell unangepasst … würde ich sagen.
Man sollte Dietmar wirklich nicht als Volldeppen und Blindschleiche
bezeichnen. Da reagiert der etwas empfindlich.
Wer sich einmal über eine gepflegte Auswahl, doch recht aus-
gefallener Bezeichnungen für die Bewohner des weiß-blauen Frei-
staats informieren möchte, der kann ja mal Dietmar fragen.
Als glühender Anhänger, eines namentlich sehr ähnlich klingenden
Fußballvereins, verfügt der über ein wirklich umfangreiches
Repertoire.
Man kennt sich zwar nicht, man hasst sich aber trotzdem.
Ein waschechter Leverkusener lässt sich nicht von einem Bayern
beschimpfen. Schon aus Prinzip nicht. Eigentlich Unfug. Aber …?
Der Diskurs wurde recht lautstark geführt, erbrachte aber kurz-
fristig kein befriedigendes Ergebnis. Eine Annäherung … sowohl
der Standpunkte als auch der Gruppenteile, schien auf absehbare
Zeit nicht möglich zu sein. Chris gelang es immerhin, das Ergebnis
der Unterhaltung abschließend in einem Satz zusammenzufassen.
„Dann leckt ’s mich doch am Oarsch!“, brüllte er und legte auf.
Ich hoffe, dass ich bei der Schilderung diese Vorfalls die nötige
Neutralität und Objektivität gewahrt habe. Ich habe nämlich keiner-
lei Vorbehalte gegen die Bayern. Also … fast keine. Das liegt aber
auch sicher zu einem großen Teil daran, dass ich mir nichts aus
Fußball mache.
„Los … auf geht’s … wir fahren weiter“, kommandierte Chris und
zerrte sich seinen Helm über den Kopf. Was nun aus unseren
Kollegen werden würde, schien ihm keinerlei Kopfschmerzen zu
bereiten. Mir ehrlich gesagt auch nicht. Wenn man Dietmar und
Charly im tiefsten Winter … und mitten in der Nacht … irgendwo
über Sibirien mit dem Fallschirm abwerfen würde?!.
Die kämen klar. Hundertprozentig. Die würden dann nach einigen
Wochen kerngesund und wohlgenährt in irgendeiner Dorfkneipe
am Rande der Taiga auftauchen und alle unter den Tisch saufen.
Dietmar würde lustige Lieder singen und Charly würde die seit
Jahren defekte Musikbox reparieren. Mit einem selbst geschnitzten
Schraubenzieher.
Wer Jahrzehnte im Dunstkreis der Bayerwerke überlebt hat … der
schafft das überall. Zugegeben, mit dem Kartenlesen haben sie es
nicht so. Aber die fragen sich durch. Die finden sogar Ziele, die
sonst niemand findet. Man muss eben nur Leute fragen, die sonst
niemand fragt.
Ich hatte keine Fragen. Chris ballerte derartig durch die Gegend,
dass wir kaum hinterher kamen. Es galt sinnlos vergeudete Zeit
aufzuholen.
Er wusste wohin er wollte. Wir nicht, deshalb durften wir ihn auch
nicht aus den Augen verlieren. Das hört sich jetzt leichter an, als
es dann tatsächlich war. Auch wenn meine Sozia sehr schön mit-
fuhr, das Mehrgewicht brachte keine Vorteile. Die Gelbe mühte
sich redlich. Aber Mühe allein …
Wir waren klar im Nachteil gegenüber der führenden Maschine.
Deutlich schwerer, weniger Leistung, und überhaupt keine Orts-
kenntnisse. Ganz nüchtern betrachtet … aussichtslos unterlegen.
Man muss das Ganze sportlich sehen. Der Führende will dich ab-
hängen, und du versuchst dranzubleiben. Das ist alles.
Ich habe keine Ahnung, was der gute Chris eingeworfen hatte.
Seine Koordination hat es jedenfalls nicht verbessert. Er ver-
schaltete sich regelmäßig und bremste auch schon mal an Stellen,
wo man es wirklich nicht erwartet hätte. Nach etwa einer gefühlten
Stunde, ließ auch meine Konzentrationsfähigkeit merklich nach.
Trotz seiner etwas unorthodoxen Fahrweise hätte ich ihm nicht
mehr lange folgen können. Klemens zeigte keinerlei Ermüdungs-
erscheinungen und klebte uns weiterhin am Hinterrad. So kann
man gleichzeitig gezogen und geschoben werden. Als Zweiter in
solch einer Dreiergruppe ist man eben auch in einer undankbaren
Position. Aber was soll’s … da muss man eben durch. Oder wie
lautet noch mal dieser Heldenspruch, den damals angeblich der
alte Fritz; oder war es einer seiner verkalkten Brüder im Geiste,
abgesondert haben soll: Klagt nicht, kämpft!
Die hatten gut reden, wahrscheinlich waren das Nichtraucher.
Obwohl, ich bin mir jetzt ziemlich sicher, es war nicht der alte Fritz.
Ihr Hunde, wollt ihr ewig leben!? … das war der alte Fritz.
Der muss schon ganz gewaltig einen an der Waffel gehabt haben.
Unser Chris hätte ihm sicherlich gut gefallen, dem alten Fritz. Der
machte nämlich nicht den Eindruck, als ob er mit aller Gewalt noch
das Rentenalter erreichen wollte. Der fuhr sich vielleicht einen
Stiefel zusammen.Ich meine … Ehre wem Ehre gebührt. Wenn da
einer am äußersten Rande der StVO und der Haftungsgrenzen
seiner Reifen, die Grenzen der Physik austestet … schön, kann
man machen. Solange er das nicht in einer Spielstraße oder be-
bautem Gelände macht, noch schöner. Am allerschönsten ist es
natürlich auf ausgewiesenen Rennstrecken. Derartige Hinweis-
schilder waren meiner Aufmerksamkeit aber wohl entgangen.
Wir fielen deutlich zurück. Noch schneller als ich schon fuhr, ging
es wirklich nicht mehr. Jedenfalls nicht, ohne sich dabei ständig mit
dem Gedanken auseinanderzusetzen, die Fahrbahn kurzfristig
gegen den frisch gepflügten Acker am Wegesrand eintauschen zu
müssen. Wenn ich keine Sozia dabei gehabt hätte, dann … ja
dann … aber wenn ich ganz ehrlich sein soll … ich glaube nicht.
Unser Guide wurde plötzlich deutlich langsamer und blinkte un-
motiviert herum. So ganz ohne Grund geschah das aber scheinbar
doch nicht. Er bog von der Straße ab und rollte einen schmalen
Weg entlang. Ein ziemlich unscheinbares Schild deutete auf einen
Gasthof hin. Da stand tatsächlich … Gasthof zum roten Uhu oder
zum grünen Kuckuck … oder irgendwas in dieser Art.
Egal. Pause …!
Der Gasthof machte seinem Namen alle Ehre und glänzte durch
einen schönen großen Hof. Eine lange Holzveranda begrenzte
eine Seite dieses Hofes. Dort standen Tische, Stühle und Sonnen-
schirme. Davor standen Motorräder. Die Sauerländer und die
Brandenburger waren schon da. So wie es den Anschein hatte,
sogar vollzählig. Damit hatten sie uns also schon mal zwei Dinge
voraus.
Unser Guide kletterte von seinem Gerät und machte so etwas
ähnliches wie Lockerungsübungen. Speziell für einige exponierte
XY-Körperteile. Unter anderem … den typischen Bosporusgriff.
Also nicht den der Ringer, sondern den der Türsteher vom
Bosporus. Andere Ethnien praktizieren das natürlich auch. Nur,
damit es nachher nicht wieder heißt …
Dann verschwand er im Gasthof. Wortlos und erkennbar erschöpft.
Wir begaben uns zu unseren schon lustig schwatzenden Kollegen.
Den Sauerländern fiel nach kleinen Denkpause auf, dass Charly
fehlte. Der Heinz hatte es bemerkt. Das der überhaupt noch etwas
merkte, war schon ein kleines medizinisches Wunder.
Der Mensch an sich, ist schon eine robuste Konstruktion. Dieses
spezielle Exemplar war noch mal eine ganz besonders Variante.
In den letzten Jahren hatte er mehrfach bewiesen, dass sein
Organismus auch den größten Herausforderungen trotzen konnte.
Unvorstellbare Alkoholmengen und stundenlanges Herumliegen im
strömenden Regen steckt er locker weg. In voller Fahrt absteigen
… vom Soziussitz einer alten Horex. Jeder Andere wäre mit dem
Hubschrauber abgeholt worden. Der Heinz steht auf und schüttelt
sich nur. Homo sapiens- Zwei Punkt Null-.
Als Krone der Schöpfung würde ich ihn direkt nicht bezeichnen …
aber nach einer globalen Katastrophe würde er sicher zu den
letzten Überlebenden unserer Art gehören. Kakerlaken, Skorpione
und der Heinz würden übrig bleiben. Schöne neue Welt.
Ich erwähne das nur deshalb, weil er bereits wieder einen Maßkrug
in der Hand hielt und keinerlei erkennbare Kampfspuren mehr auf-
wies. Selbst Charly, … und der zählt für mich wenigstens, schon
zu ganz Großen in der Riege der Promillekrieger, selbst der war
vor wenigen Stunden noch, dem Tode näher als dem Leben.
Nicht etwa, dass ich derartige Exzesse irgendwie bewundere oder
gar für nachahmenswert halte. Was mich daran fasziniert, ist einzig
und allein … diese unglaubliche Körperbeherrschung.
Ich könnte das nicht.
Man kann ja auch nicht alles können. Irgendwas sollte man
allerdings schon hinbekommen … und wenn es nur um die Ein-
haltung der gröbsten Basisregeln für den Umgang mit un-
bekannten Mitmenschen geht. Der Guide der Brandenburger tat
sich da etwas schwer. Das war dieser tätowierte Kollege mit dem
etwas heruntergekommen wirkenden Japanhobel.
Er war Freigänger. Heute hatte er zusätzlich Wochenendurlaub.
Immerhin auch eine anerkennenswerte Leistung. Er hätte ja auch
Lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung be-
kommen können. Man sollte eben auch kleine Erfolge würdigen.
Soziale Anerkennung … ganz wichtig für eine erfolgreiche Re-
sozialisierung. Diese Anerkennung forderte er gerade ein. Er hatte
das System anscheinend durchschaut. Zu einem gewissen Teil …
jedenfalls. Seine kommunikativen Fähigkeiten schienen aber noch
ein gewisses Entwicklungspotenzial zu beinhalten.
Einige Hintergrundinformationen hatten ich von einem der Sauer-
länder bekommen. Er hatte es allerdings etwas verdichtet.
„Das’n Knacki. Der darf schon mal am Wochenende frei rumlaufen.
Der macht hier schon die ganze Zeit auf Weltmeister.“
Melanie hatte sich inzwischen die Jacke ausgezogen und
präsentierte unbeabsichtigt zwei potenzielle Gründe für eventuell
zusätzlich notwendige sozialpädagogische Nachhilfestunden. Der
Tätowierte glotzte jedenfalls mit offenem Mund zu unserem Tisch
herüber.
Auch wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Gelegenheit
hatte, möglicherweise aufgrund einiger persönlicher Eigenheiten,
so etwas wie Sympathie für ihn zu entwickeln. Eine gewisse
Empathie … empfand ich aber schon.
Sie schüttelte sich die Mähne zurecht und reckte sich ein wenig.
Dann verschränkte sie beide Arme hinter dem Kopf und lehnte sich
mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl zurück. In ihren Achsel-
höhlen kräuselten sich kurze dunkle Härchen. Ungewöhnlich, aber
äußerst …
Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich … ?
Aber das spielt ja jetzt, in diesem Zusammenhang, keine Rolle.
„Ganz schön warm … mittlerweile“, unterbrach ich die Stille.
„Heiß …!“, murmelte Klemens und legte den Kopf in den Nacken.
Dem Typ am Nachbartisch floss langsam, ganz langsam, ein
dünner Speichelfaden aus dem immer noch geöffneten Mund.
Natürlich war das eher eine reflexive als eine reflektierte Haltung.
Bei ihr war ich mir da nicht ganz so sicher. Diese wirklich lockere
und doch irgendwie unschuldig wirkende Präsentation.
Ob sie es immer mit Absicht machen? Wer weiß das schon. Ich
habe da eine ziemlich kompakte Theorie, und die lautet: Ja…!
Natürlich, es ist nur eine Theorie. Absicht … bedeutet in solchen
Fällen auch nicht unbedingt: Vorsätzlich geplant und mit einem
ganz genau definierten Ziel. Es steckt eher eine unbewusste und
tief verankerte biologische Absicht dahinter. Ein Huhn gackert ja
auch, wenn es ein Ei gelegt hat. Da steckt auch kein raffinierter
Plan dahinter. Jedenfalls keiner, den das Huhn sich ganz bewusst
ausgedacht hat.
Die Wirkung dieser Präsentation; also der Effekt bei der Ziel-
gruppe, entfaltet sich auch eher im unbewussten. Stielaugen, ver-
mehrter Speichelfluss und ähnliche Dinge mehr. Wir sind nicht
mehr beim gewöhnlichen Haushuhn, wohlgemerkt. Ich rede jetzt
wieder von Melanie.
Früher, also sehr viel früher… oder aktuell auf dem Affenfelsen im
Kölner Zoo, setzt sich bei solchen Gelegenheiten der Oberaffe in
Bewegung und zeigt den anderen Geschlechtsgenossen mal kurz
wer zuerst ran darf. Das Einverständnis der Gegenseite wird still-
schweigend vorausgesetzt. So geht’s eben zu … bei den Primaten.

Ähnliche, relativ unkomplizierte Methoden der Partnerwahl, sollen
dem Hörensagen nach, traditionell auch noch innerhalb ge-
schlossener Anstalten gepflegt werden. Also Haftanstalten.
Das natürliche primäre Ziel derartiger Aktivitäten spielt dort natür-
lich nur eine untergeordnete, genau genommen eigentlich gar
keine Rolle mehr.
Ziemlich kompliziert … die ganze Sache. Theoretisch jedenfalls.

Der tätowierte Kollege schien mehr der Praktiker zu sein. Ich hatte
auch nicht den Eindruck, dass er über ein sonderlich
differenziertes Arsenal von entsprechenden Verhaltensmustern
verfügte. Falls doch, dann hatte er sich für eine etwas weniger
zeitgemäße Variante entschieden. Letztlich ist das aber auch nur
Geschmacksache. Zielorientiert und zeiteffizient, so würde ich
seine Vorgehensweise bezeichnen.
„Ich weiß nicht, ob dir das schon mal jemand gesagt hat? Du bist
echt scharf. Wenn du willst … die haben hier auch Zimmer?“
„Hau bloß ab du Penner und fick dich ins Knie!“
Naja, klare Frage … klare Antwort. Der Antrag wurde abgewiesen.
Hätte ja auch klappen können.
Natürlich kann man das auch mit ein klein wenig mehr Stil, also
etwas kultivierter und mehr so auf die klassische Art versuchen.
Wenn ich da an so manchen vergeudeten Abend denke. Kerzen-
licht und romantische Musik im Hintergrund. Der kooperierende
Italiener schüttet absprachegemäß immer schnell den guten Roten
nach. Ganz wichtig natürlich … stundenlanges Geblubber.
Und dann zum guten Schluss: Lass mir etwas Zeit.
„Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“, hätte
Goethe gesagt und sich womöglich weiter zum Affen gemacht.
Goethe bringe ich jetzt nur wegen der Kultur und der Klassik.
O.K. … Lass mir etwas Zeit, klingt natürlich zunächst auch vielver-
sprechend, bedeutet genau genommen aber nichts anderes als:
Hau bloß ab du Penner und fick dich ins Knie!
Keine Ahnung, wie Goethe auf diese Ansage reagiert hätte.
Wahrscheinlich ähnlich wie unser Tätowierter. Er hätte sich ver-
pisst. Natürlich hätte er es wesentlich eleganter formuliert … aber
letztendlich hätte er sich trotzdem verpisst.
Das zum Thema Kultur und Klassik.
Man kann jetzt auch nicht sagen, dass es völlig kulturlos zugeht
auf unseren Maitouren. Es gibt zumindest Traditionen die mit In-
brunst gepflegt und bewahrt werden. Die allabendlichen Trink-
gelage genießen hier einen hohen Stellenwert. Die Exkursionen in
das nähere Umfeld der jeweiligen Gastgeber stehen dem in nichts
nach. Saufen und Fahren … anstelle von … Beten und Arbeiten.
So war es immer …und so wird es wohl auch bleiben. Gelebte
Tradition. Auch das ist Kultur … sogar im engeren Sinne.
Was nun die Kommunikation angeht, die wird hier groß ge-
schrieben. Es dreht sich eben nur nicht so sehr um den profanen
Alltagskram. Es geht meistens mehr um existenzielle Frage-
stellungen. Also … bremsen oder nicht bremsen, mit oder ohne
Gummi … solche im wahrsten Sinne wirklich existenziellen Fragen
werden hier intensiv diskutiert. Nur damit hier kein falscher Ein-
druck entsteht. Nachher denkt noch jemand …
Ich genieße diese Tage jedenfalls immer. Völlig ab von all den
Dingen, die den ganz gewöhnlichen Alltag sonst so bestimmen.
Den meisten der anderen Teilnehmer wird es wohl ganz ähnlich
ergehen. Es gibt auch nur wenige echte Gelegenheiten um ins
Grübeln zu verfallen. Das ist auch gut so.
Diese kontemplativen Motorradtouren … mit dem Schlafsack von
Alaska nach Feuerland … oder was es da sonst noch so gibt, das
können nur ganz Wenige. Schade natürlich … aber deshalb auch
ein klein wenig weit weg vom wahren Leben. Ich fahre, also bin
ich. Deshalb muss ich aber nicht unbedingt ein halbes Jahr lang
über die Panamericana rumpeln. Die Alpen sind auch ganz schön.
Oder Bayern.
„Wo bleiben die denn nur?“, fragte Klemens und beäugte dabei
aus den Augenwinkeln die dösende Melanie. Selbst während sie
dem etwas kurz angebundenen Bewerber eine Absage erteilte,
hielt sie es offenbar nicht für nötig ihre Position zu verändern.
Total souverän, könnte man meinen. Eher instinktlos, behaupte
ich. Aber was soll’s …
Unverwechselbare Geräusche drangen an mein Ohr. Die
Harleygruppe traf ein. Stolz, aber auch etwas verkrampft, führte
Hiltrud ihre Schutzbefohlenen auf den Hof. Auf den ersten Blick
waren auch sie vollzählig. Es wurde langsam peinlich.
So richtig peinlich wurde es allerdings, als Chris sich laustark über
seine Gruppe bei der noch völlig geschafften Hiltrud beschwerte.
Seine Gruppe … das waren wir. Zum Teil jedenfalls. Aber wer hat
denn nun Schuld, wenn ihm die Hälfte der Gruppe abhanden
kommt?
„Der fährt auch wie der Henker, ist doch kein Wunder“, beschwerte
sich Klemens lautstark. Hiltrud schien peinlich berührt.
„Aber ich fliege dabei nicht auf die Fresse!“, tönte Chris zurück.
Hans-Jürgen und die Harleytruppe lauschten verzückt. Das hörten
sie gerne. Die in ihren Augen arrogante BMW-Fraktion hatte
Probleme. Das war Balsam für die Seelen der so oft Verlachten.
„Bei uns war alles in Ordnung. War doch locker…“, erklärte Jerome
selbstbewusst und kämmte sich mit Blick in den Rückspiegel die
Haare in Form. Christine hatte leichte Probleme, den Leerlauf zu
finden. Sie trampelte verzweifelt im Getriebe ihrer CB 500 herum.
Werner drehte den Zündschlüssel herum und sie konnte endlich
absteigen. Auch Frank und Tatjana wirkten locker und entspannt.
So entspannt jedenfalls, wie ein Highwaytrooper noch gerade so
wirken darf, ohne völlig lächerlich zu erscheinen.
„Wo sind denn nun die anderen Experten?“, wollte Hans-Jürgen
wissen und suchte sich gelassen einen freien Platz auf der
Veranda. Die anderen folgten seinem Vorbild.
„Was weiß ich denn? Keine Ahnung“, maulte Chris.
„Ja … dann mal los. Wir warten hier so lange“, erklärte Hans-
Jürgen und blickte unseren Guide böse an.
Hiltrud pumpte sich auf und ging auf den armen Chris los.
„Pass mal auf … du Supermann. Was soll denn der Scheiß? Das
ist deine verdammte Gruppe. Am Anfang waren es sieben Leute.
Jetzt sehe ich nur noch drei. Mach dich zügig vom Hof und sieh
bloß zu, das du die findest. Was glotzt du mich so an?
Was is ‘ nu‘ … du bist ja immer noch hier!“, keifte sie lautstark.
Chris wechselte die Farbe und schluckte.
„Hau endlich ab, und komm nicht ohne die wieder!“, kreischte sie.
„Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken“, schnaufte Chris und griff
sich seinen Helm. Mit erhobenem Mittelfinger marschierte er zu
seinem Moped und verschwand ohne weiteren Kommentar.
„Das hörte sich nicht so an wie: Jawoll…Chefin“, bemerkte ich.
„Nicht direkt …“, bestätigte Klemens meinen Eindruck.
Hiltrud wandte sich nun uns zu: “Was war denn da los? Warum
habt ihr nicht auf die gewartet? Das kann doch wohl nicht sein?“
„Also, ich weiß auch nicht. Die waren plötzlich weg“, verteidigte
sich Klemens.
„Hör bloß auf. Kein Mensch ist plötzlich weg. Ihr habt es abreißen
lassen. So wird ein Schuh draus. Ihr seid da genau so schuld dran.
Du auch…!“, meckerte sie und zeigte mit dem Finger auf mich.
Ich meine, so ganz unrecht hatte sie damit nicht. Wir machten zer-
knirschte Gesichter und sahen uns ratlos an.
„Niemals den Hintermann aus den Augen verlieren“, dozierte
Hans-Jürgen und nickte dazu bestätigend.
„Niemals … der verliert sonst den Anschluss“, wusste auch
Jerome.
„Halts Maul, Jerome“, mischte sich Rolf ein.
„Hat noch jemand einen wichtigen Hinweis“, wollte Klemens
wissen. Melanie hob vorsichtig einen Finger.
„Markus sucht uns immer noch“, erklärte sie und guckte traurig.
Stimmt, den hatten wir schon fast vergessen. Jetzt wurde es lang-
sam unübersichtlich. Drei freilaufende Leverkusener irrten nun un-
kontrolliert durch Bayern. Eine brenzlige Lage. Die konnten einigen
Schaden anrichten, in dem noch völlig ahnungslosen Freistaat.
Hiltrud wurde sichtlich unruhig. Die Situation schien außer
Kontrolle zu geraten.
„Das es so schlimm wird, hätte ich nicht gedacht“, stöhnte sie ver-
zweifelt.

Die letzte Gruppe traf ein. Axel und die Nordlichter. Ich finde es
grundsätzlich nicht angemessen, die Bewohner der nördlichen
Ebenen und Küstenregionen … schlicht und einfach, als Fisch-
köpfe zu bezeichnen. Obwohl das keinesfalls abwertend gemeint
ist. Für den durchschnittlichen Rheinländer ist eben alles was nörd-
lich von Münster liegt … Fischkopfland. Wobei man traditionell eine
Ausnahme macht: Meck-Pomm…! Die Meck-Pommesen genießen
einen zweifelhaften Sonderstatus. Die werden zu den Ossis ge-
zählt. Man darf es eben nicht zu kompliziert machen.
„Die Fischköpfe sind auch komplett“, analysierte Frank die Lage
und sah dabei missmutig zu unserem Tisch herüber.
„Und … alle da?“, rief Axel und schlurfte heran.
„Fast !“, entgegnete Hiltrud und erklärte ihrem Mann die Situation.
„Warum ruft ihr die nicht einfach an?“, fragte er.
Auf die Idee waren wir auch schon gekommen. Nach dem letzten
Kontakt, war Dietmar nicht mehr erreichbar. Charlys Handy hatte
seine Frau und die Nummern der anderen beiden Verschollenen
waren uns unbekannt. Axel kratzte sich am Kopf.
Barbara näherte sich und las uns eine SMS vor.
„Wir sind in Laubersdorf und sitzen hier am Marktplatz. Meldet
euch. Wir warten hier.“ Die Nachricht hatte ihre blonde Freundin
abgesetzt. Die war also der Papagei auf der Cagiva.
„Ruf an!“, kommandierte Hiltrud und Axel nickte dazu.
„Laubersdorf … wie sind die denn dahin gekommen?“, rätselte er.
„Ist das weit weg?“, wollte ich wissen. Axel zischte nur und nickte.
„Ganz falsche Richtung. Total gefährliche Gegend. Da ist dieses
Wochenende Feuerwehrfest. Da kontrollieren die Bullen sogar die
Fahrräder. Da traut sich kein Mensch hin, dieses Wochenende.“
„Hoi … !“, meinte Rolf, der sich inzwischen von seiner neuen
Freundin entfernt hatte. „Hoffentlich halten die den Dietmar nicht
an.“ Mir kam auch sofort Charlys glasiger Blick bei der Abfahrt in
den Sinn.
„Ja … passt bloß auf. Die stehen überall. Letztes Jahr haben die
zwei von unseren Kumpels erwischt. Die gehen immer noch zu
Fuß. Bleibt wo ihr seid. Wir holen euch da ab. Halbe Stunde …
ungefähr.“ Hiltrud gab letzte Instruktionen an die Laubersdorfer
durch. Barbara nahm ihr Handy wieder entgegen und schwatzte
noch ein wenig mit ihrer Freundin. Warum auch nicht …
„Ja … Laubersdorf … Marktplatz. Beeil dich bloß … nee, geht
schon. Ja … ich dich auch. Bis gleich … .“ Mehrfach schmatzend
beendete Melanie das Gespräch mit ihrem Markus.
„Hast du etwa gerade gesagt … beeil dich bloß?“, fragte Rolf ver-
ständnislos. Melanie nickte und sah ihn leicht verwirrt an.
Im Gegensatz zu ihr, verstand ich sofort was Rolf meinte.
Markus beeilt sich eigentlich immer. Wenn man ihm sagt, dass er
vorsichtig sein soll, dann ist er natürlich vorsichtig. Dann fährt er
höchstens hundertachtzig. Wenn man ihm allerdings sagt, dass er
sich beeilen soll … dann … beeilt er sich auch.
„Scheiße..!“, zischte Rolf und sah mich erschüttert an.
„Wieso? Was is‘ denn? Was hab‘ ich denn …?“, stammelte
Melanie verständnislos und starrte fragend in die Runde.
„Los … ruf ihn an und sage ihm, dass er ganz vorsichtig und lang-
sam fahren soll. Da sind überall Kontrollen. Hast du verstanden?“
Melanie nickte zögerlich und hatte scheinbar nichts verstanden.
„Der hat eben schon Schilder mit Laubersdorf gesehen. Der fährt
jetzt direkt dahin“, stammelte sie und drückte hektisch auf ihrem
Handy herum. Rolf schüttelte hilflos den Kopf. Wir sahen Axel an.
Der stülpte sich seinen Helm über und rannte zu seinem Moped.
Ich gab Klemens ein Zeichen. Der winkte ab. Axel jagte davon …
es galt, die Verluste auf ein Minimum zu beschränken. Da muss
man eben auch die kleinste Chance nutzen.
„Er geht nicht ran“, wunderte sich Melanie.
Rolf sah mich nur an. Schon komisch. Sonst kriegt die nichts mit.
Aber ausgerechnet dann, wenn es … ?
Ach, ist doch egal. Jetzt konnte man nur noch hoffen.
„Was hast du ihm denn sonst noch so erzählt?“, ahnte Rolf.
„Ich hab‘ ihm von dem komischen Typen erzählt, der mit mir aufs
Zimmer will. Das findet der echt nich‘ gut.“ Melanie machte ein Ge-
sicht wie eine getreue Ehefrau bei der Goldenen Hochzeit.
„Ach … was du nicht sagst“, murmelte Rolf.
„Markus, dem man ausdrücklich gesagt hat er solle sich beeilen,
weil ein tätowierter Knacki mit seiner Freundin aufs Zimmer will,
der fährt jetzt direkt nach … äähh … Dingsdorf. Jedenfalls dorthin,
wo heute die Bullen hinter jedem Baum lauern. Habe ich das
richtig zusammengefasst?“
Rolf sah mich an und wartet auf eine Bestätigung.
„Laubersdorf … sonst alles korrekt“, nickte ich.
„Dann is‘ ja gut. Ich dachte schon … ?“ Er ging wieder zu seinem
Platz zurück um die anderen Leverkusener zu informieren.

Die Sauerländer wurden langsam unruhig. Sie wollten wieder los.
Hiltrud instruierte kurz noch deren Guide und dann machten sie
sich startklar. Die Brandenburger hatten es dann auch plötzlich
eilig. Das war wahrscheinlich der Herdentrieb.
Hans-Jürgen gab taktische Zeichen. Kriegsrat der Leverkusener.
„Unsere Männer sind im feindlichen Hinterland in Gefahr“, er-
öffnete Werner die Lagebesprechung. Werner war ziemlich lange
bei der Luftwaffe gewesen. Das kann in besonderen Situationen zu
einer verzerrten Wahrnehmung führen.
„Naja, abgeschossen worden über Feindesland … sind sie ja nun
direkt auch nicht … ich meine … die haben sich doch nur ver-
fahren. Oder etwa nicht?“, gab der Zahnarzt zu bedenken.
„Egal … wir müssen sie da raushauen. Das sind unsere
Kameraden“, behauptete Werner und blickte auffordernd in die
Runde. Niemand antwortete. Jerome starrte ihn ängstlich an.
„Ganz langsam. Wer sagt denn, dass sie in Gefahr sind. Die
hocken da irgendwo in Dingsdorf und ….?“, Rolf stockte kurz, „ …
außer natürlich Markus. Der ist tatsächlich in Gefahr!“
„Wir lassen keinen von unseren Leuten im Stich. Wir sind Lever-
kusener!“, verkündete Werner entschlossen und erhob sich.
„Ich nicht … !“, erklärte Klemens und blieb sitzen.
„Was sollen wir denn machen? Die Straßensperren überrennen?
Oder … vielleicht den Polizisten die Laserpistolen entreißen?“,
fragte ich vorsichtig. Werner setzte sich wieder hin.
„Wir können hier doch nicht tatenlos herumsitzen, während unsere
Leute hier von diesen … ähh …“, Werner suchte nach Worten.
„Bayern …?“, half ihm Hans-Jürgen.
„Ja genau … ausgerechnet von denen … ähh … bedroht werden“,
beendete Werner seine Brandrede und schwieg dann.
„Du spinnst doch!“, brachte es Christine auf den Punkt. Sie kannte
Werner am besten, hatte allerdings auch keine Dauerkarte für
Bayer 04.
„Meinst du, die kriegen ihn?“, fragte Rolf und sah mich an.
„Der hat sechszehn Punkte. Der hält nicht an. Dem müssen sie
schon vom Hubschrauber aus … die Reifen zerschießen“, ent-
gegnete ich.
Melanie bekam schlagartig feuchte Augen und schlug entsetzt die
Hände vors Gesicht.
„Glaub‘ ich auch“, erklärte Werner.
Der fuhr gelegentlich mit Markus im Bergischen Land herum und
kannte ihn deshalb ziemlich gut.
„Er ist einer der Besten“, behauptete er dann noch und setzte
wieder seine Jagdfliegermiene auf.
„Einer der Besten? Der fährt wie eine gesengte Sau!“, widersprach
Frank.
„Du hast doch keine Ahnung. Der zeigt es ihnen. Den kriegen sie
nie. Jedenfalls nicht lebendig. Da wett‘ ich drauf …!“ Werner
streckte Frank auffordernd die Hand hin.
Melanie schluchzte laut auf und rannte davon.
„Ehrlich. Du hast doch echt ‘nen Vogel“, erkannte Christine und lief
hinter Melanie her. Der Rest schwieg und blickte nachdenklich in
die Gegend.

7 Kommentare zu „Maitour (Kapitel 25)“

  • norbert:

    Ich find´s einfach nur schön – weiter so!

  • PLinni:

    Wenn ich mich nicht verzählt habe, waren es diesmal 112 DreiPunkte. Kann aber auch sein, dass ich bei der Vielzahl die Übersicht verloren habe 😉

    Ansonsten: So weitermachen!

    Gruß
    Peter

  • kuhjote:

    Ja, ich weiß. Meine inflationären DreiPunkte … das ist schon fast ein Tick. Ich verspreche hiermit feierlich …(ach .. verdammt) mich zu bessern.

  • Tolot:

    Ja, schön war´s. Wieder herzlich gelacht – „Der Heinz“ als Überlebender der Apokalypse. Allerdings ist mit jetzt mit Deiner Zielsetzung im Hinterkopf deutlicher aufgefallen, was mir nicht recht stimmig erscheint: Dein „Held“ wirkt ja ziemlich eloquent, belesen, reflektierend, auch witzig, gleichsam intellektuell. Wie paßt das mit dem „Loser“- oder Blender Sein zusammen? Und wieso verhält sich andererseits so ein Denker-Typ so beschränkt wie häufig? Übrigens: Dein Stil erinnert mich mehr als einmal an Henscheid, und die Charly & Co. könnten Inkarnationen von Klose sein ….
    mfg, Tolot

  • kuhjote:

    Hallo Tolot,

    ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mit Henscheid, Klose&Co nichts anfangen kann? Die sind mir quasi unbekannt. Ich werde mich einmal schlau machen.

    Zu deinem Problem mit dem Ich-Erzähler: Die offensichtliche Diskrepanz zwischen dessen Denken und Handeln, erzeugt doch erst diese real-satirischen Situationen. Man weiß es eigentlich besser … handelt dann aber doch anders. Ich will hier nun keinerlei Textanalyse mehr betreiben, das ist nicht die Aufgabe des Autors.
    Die Reflektionen des Protagonisten sind fast immer nur selbstbezüglich, über die Intentionen der anderen Figuren macht er sich deutlich weniger Gedanken. Das ist der Erzählform geschuldet. Aus dem OFF heraus, also aus der klassischen DRITTE PERSON-Perspektive, kann man da deutlich mehr machen. Das ist dann aber eine andere Herangehensweise. In meiner Variante ist eine (zumindest teilweise) Identifikation des Lesers mit der Erzählerfigur beabsichtigt. Deshalb wirkt er vielleicht auch etwas zwiespältig. Es soll eben für (fast) jeden Sympathisanten etwas dabei sein.

  • Tolot:

    Hallo Kuhjote, wer wenn nicht der Autor ist zuständig und kompetent?
    Natürlich ist diese Erzählform für den gewünschten Effekt wichtig. Was ich meine ist, daß sich der Protagonist ähnlich wie ein Dödel verhält (um es mal zurückhaltend zu formulieren), was aber weder zu seinen Gedanken und Formulierungen noch seinem Beruf paßt. Anders gesagt: Man stelle sich vor, Charly würde so etwas Denken/von sich geben. Völlig unauthentisch.
    Aber lassen wir´s. Ich kann es nicht besser …
    mfg, Tolot

  • kuhjote:

    Jetzt habe ich mich mal schlau gemacht, im Bezug auf Henscheid, Klose&Co. Ich nehme das nun als Kompliment. Die Rezensionen zeichnen ein interessantes Bild. Der Mensch gefällt mir. Kein Mainstream und scheinbar sehr polarisierend. Lieber so, als stets und ständig windschnittige und marktgerechte Wühltisch“literatur“ abzuliefern.
    Everybody’s darling, Everybody’s fool. Dann doch besser Raum für einen gewissen Interpretationsbedarf lassen.***

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