Maitour (Kapitel 24)

Bei den Sauerländern herrschte Uneinigkeit. Deren Leitwolf war
noch nicht ansprechbar. Und wie das dann gewöhnlich so ist,
wenn das Alphatier nicht in Form ist … dann drängeln sich die
Nachrücker vor.
Der Heinz bot wirklich einen jämmerlichen Anblick. Charly ver-
suchte, ihn zu einer verwertbaren Aussage zu bewegen. Auch er
entsprach noch nicht in Gänze den Maßstäben, die man ganz all-
gemein an einen autonomen Teilnehmer am öffentlichen Straßen-
verkehr anlegt. Aber das traf ganz grundsätzlich auf viele Teil-
nehmer dieser Maitour zu. Auch ohne, dass sie sich vorher noch
fahrlässig und vorsätzlich und unter Zuhilfenahme alkoholischer
Substanzen, vorübergehend selbst enthirnt hatten.
Man könnte auch sagen, dass die Unterschiede zum sonst üb-
lichen Verhalten eher marginal waren. Über die einheimischen
Tourguides konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch kein ab-
schließendes Urteil erlauben. Aber ob die eine reelle Chance
hatten, bei einer unangekündigten MPU die erforderliche Mindest-
punktzahl zu erzielen … daran hegte ich doch ernsthafte Zweifel.
Der Ducate übernahm die Sauerländer. Der Typ mit dem alten
Japaner bekam die Brandenburger zugeteilt, und Axel wollte sich
um die Fischköpfe kümmern.
So waren dann auch alle versorgt. Routenpläne gab es keine.
Es war alles von langer Hand vorbereitet worden. Die lange Hand
gehörte Hiltrud.
Hans-Jürgen nervte bereits wieder herum. Er wollte los.
Carpe diem … war sein Motto. Das versuchte er, auch seinem
Zahnarzt nahe zu bringen. Der nickte nur ergeben und schien ein
wenig nachdenklich zu werden.
Großes Latinum … möglicherweise.
“… und glaube so wenig wie möglich an den nächsten Tag“, rief ich
ihm zu. Hans-Jürgen zeigte mir einen Vogel. Der Zahnarzt
flüsterte ihm etwas zu. Hans-Jürgen stutzte und schien überrascht.
„Wichtigtuer …!“, rief er mir zu. Ich öffnete den Mund und deutete
mit dem Zeigefinger hinein. Zweimal … das ist ganz besonders
böse.
„Noch während wir hier reden, die missgünstige Zeit … sie ist
schon entflohen“, zitierte ich den alten Horaz leise weiter.
„Was hast du denn gestern noch getrunken?“, wollte Dietmar
wissen. Der war inzwischen wieder fit und schien ebenfalls zu allen
motorisierten Schandtaten bereit zu sein. Was bei ihm auch nicht
weiter verwundert, denn wie bereits angedeutet … eine behörd-
liche Fahrerlaubnis ist zwar offiziell eine Basisvoraussetzung für
die aktive Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr, aber in-
offiziell geht es auch ohne. Auch hier war der faktische Unter-
schied im Fahrverhalten eher marginal.
„Wenn wir nicht langsam losmachen …“, nörgelte ein Branden-
burger. Irgendwo verständlich, die hatten ja schon genug verpasst.
Melanie schlich unschlüssig herum. Ihr Markus war immer noch
nicht aufgetaucht. Angeblich wollte er schon längst eingetroffen
sein. Der irrte wahrscheinlich noch planlos durch die Gegend. Wer
zu spät kommt … hat eben Pech gehabt.
Was sollte man machen? Ich winkte sie heran und verkündete ihr
meinen Plan. Sie fährt zunächst bei mir mit, und wir leiten ihn dann
fernmündlich zum ersten Haltepunkt. Eine andere Möglichkeit sah
ich nicht.
Es war allerdings nicht so ganz einfach, unserem Guide die Ko-
ordinaten zu entlocken. Er wusste scheinbar ganz genau wohin wir
fahren würden. Nur erklären, konnte er es nicht. Auf meiner guten
alten Deutschlandkarte fand er sich auch nicht zurecht … so auf
Anhieb. Unser Guide war also keine große Hilfe.
Nach eingehender interner Beratung hatten wir eine Lösung ge-
funden. Wir würden Markus zu einem wirklich markanten Punkt
leiten und dort aufgabeln. Irgendwann … irgendwo. Das war der
Plan.
Immerhin … besser einen mittelmäßigen Plan als gar keinen.
Rolf kämpfte indessen mit seiner neuen Sozia. Die wollte nun
partout keine Sozia sein. Harley fahren, bedeutete nach ihrer
Meinung eben … Harley fahren. Und nicht etwa … mitfahren.
Im Grunde genommen war das, Jacke wie Hose. Die Prozession
der Dickhäuter würde von Hiltrud angeführt werden. Da konnte
man mit ruhigem Gewissen auch den braunen Elefanten von einer
Frau reiten lassen. Streckenweise jedenfalls. Rolf sah das ver-
ständlicherweise etwas anders. Aber da hätte er sich eben ver-
ständlicher ausdrücken müssen. So wie es aussah, einigten sie
sich aber trotzdem. Die Schwerlastfreunde warfen ihre Motoren an
und polterten vom Hof. Angeführt von Hiltrud … auf einer mitleid-
erregenden alten XS 650 Yamaha .. der englischsten aller
Japanerinnen. Nippons Rache am Empire. Erbärmlich scheppernd
bahnte sie den anderen aufrechten Freunden vibrierender Zwei-
zylinder-Motoren den Weg. Voller Tatendrang rüttelten sie davon.
Rolf röhrte in Schräglage um die Ecke und fummelte dabei mit
einer Hand an seiner Stereoanlage herum. Jerome hetzte mit
fliegendem Schal hinterher. Na denn …!
Die Sauerländer stritten sich noch über die Reihenfolge. Deren
Guide schien das aber nicht zu interessieren. Der hatte seine
Monster zum Leben erweckt und driftete bollernd davon. Macke
boxte hinterher. Auch er schien ein Freund des gepflegten Driftens
zu sein. Der Rest der Gruppe ging es etwas gemütlicher an. Macht
ja auch wenig Sinn … schon nach zwanzig Metern auf dem Maul
zu liegen. Der Heinz schlich auf seiner verstümmelten Goldwing
hinterher. Er schaffte es gerade noch so eben, die erste Biegung
zu überwinden. Fast hätte er sich den Spiegel an dem einzigen
Baum am Wegesrand abgefahren. Wenn der sein Visier runter-
geklappt hätte, dann wäre er, bedingt durch die eigenen Aus-
dünstungen, sofort ins Koma gefallen. Da war ich mir sicher.
Dergestalt besorgt … musterte ich Charly. Seine kluge Ehefrau
würde zurückbleiben, … sie hatte Rücken. Damit sie weiterhin
nicht auch noch an Knochen, Schädel und anderen Körperteilen
Schaden nehmen würde, war dieses Verhalten durchaus an-
gemessen. Sozia bei Charly, … das braucht niemand.
Sozia bei mir … dieses Wagnis war zu dieser frühen Stunde auch
nicht ganz frei von gewissen Restrisiken. Früh, … jetzt nur auf die
noch nicht ganz vollständig abgeschlossene Metabolisation der
kreisenden Schadsubstanzen bezogen … natürlich.
Die rein chronologisch abstrakte Tageszeit … würde man land-
läufig als späten Vormittag bezeichnen. Kurz und knapp … es war
viertel elf. Haben die Brandenburger gesagt und die Bayern haben
zustimmend genickt … die mussten ja schließlich wissen, wie spät
es bei ihnen war. Bei uns im Rheinland war es erst Viertel nach
zehn … zeigte mir meine Uhr jedenfalls an.
Christian oder Christoph … bemühte seinen Anlasser. Ich suchte
meinen Schlüssel. Melanie kletterte derweil auf ihren Sitzplatz. Das
war nun ein wenig verfrüht, denn in dieser Reihenfolge mag ich es
gar nicht. Nachdem ich mehrfach sämtliche Taschen an Hose und
Jacke durchforstet hatte, fand sich der Schlüssel schließlich hinter
Melanies linkem Knie.
Er steckte diensteifrig in seinem Sitzbankschloss. Die Sau …!

Unsere Gruppe, deren genaue Zusammensetzung ich mittlerweile
nicht mehr überschauen konnte, setzte sich in Bewegung.
Klemens und Dietmar folgten unserem Führer. Auch ohne Befehl
folgten ihm dann auch noch Udo, auf seiner schon etwas älteren
Honda Dominator. Unser Charly taumelte hinterher.
Irgend eine schlanke Figur in einem Papageienanzug auf einem
dieser italienischen Designermopeds folgte ebenfalls. Da ich der
Einzige mit Fahrgast war … trieb ich zunächst einmal die Gruppe
vor mir her.
Die ersten Kilometer kann man sich dann schön zurückfallen
lassen, um mit dem Beifahrer ein wenig zu üben.
Richtig steif machen … könnte man auch sagen. Das ist immer
wichtig bevor es richtig los geht. Vor allem bei unbekannten
Frauen … auf dem Soziussitz natürlich. Ich mag es, wenn sie steif
sind. Das ist irgendwie berechenbarer. Wenn die da hinter mir
herumturnen, damit komme ich nicht klar.

Da hatte ich mir mal eine aufgeladen … ach du meine Güte!.
In der ersten schönen Kurvenkombination habe ich zuerst gedacht
die würde einen epileptischen Anfall vortäuschen. Sie mochte es
wohl nicht, wenn der Neigungswinkel mehr als 20 Grad betrug. Mit
heftigen ruckartigen Bewegungen versuchte sie jedenfalls ständig,
eventuelle Abweichungen von diesem, ihrem anscheinend bevor-
zugten Idealzustand, zu korrigieren. Sie war auch rein vom
Körperbau her,… wie soll ich es formulieren? Naja, vielleicht … ein
klein wenig kräftiger als der Durchschnitt ihrer Geschlechts-
genossinnen. So könnte man sagen. Also, jetzt nicht etwa … aber
doch schon … eine vierzig plus. Kleidergröße! Ein bisschen plus
aber nur. Ehrlich!
Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Meine gesamten Adrenalin-
vorräte habe ich innerhalb weniger Minuten verheizen müssen.
Zum Glück hatten wir keinen Gegenverkehr. Gemeinsam mit der
völlig konfusen Gelben, und unter Ausnutzung der kompletten
Fahrbahnbreite, ist es mir dann doch gelungen diese Kurven-
kombination, die auch noch bergab verlief, irgendwie zu meistern.
Meistern … ist vielleicht der falsche Ausdruck. Bezwingen, wäre
treffender. Das unglaubliche Fahrwerk und der breite Lenker der
Gelben haben es möglich gemacht. Mit jedem anderen Gerät hätte
es uns in den Wald verschlagen. Davon bin ich felsenfest über-
zeugt. Ich habe dann angehalten, den Lenker wieder gerade ge-
bogen und ihr Tiernamen gegeben. Sie war dann beleidigt und hat
sich nicht mehr bewegt. Auch später am Abend nicht, was die
ganze Sache dann doch noch etwas schwierig gestaltete. Wie
bereits erwähnt … vierzig plus. Nein, nein … nur die Kleidergröße.
Aber sie hat sich zumindest nicht mehr gewehrt. Das hatte dann
auch wieder was …!

Melanie bewegte sich nur am Anfang ein wenig. Bisher hatte sie ja
nur auf dem bierdeckelähnlichen Notsitz des verschollenen Markus
und auf dem Ledersessel von Rolfs Harley gehockt. Ihr neuer Sitz-
platz lag nun irgendwo dazwischen. Das wird schon gehen, dachte
ich mir. Und es ging auch. Es ging sogar ziemlich gut. Sie
schmiegte sich regelrecht an. Die Vorspannung hatte ich über den
dicken Daumen hinweg ziemlich gut getroffen.
Unsere Vorderleute legten jedenfalls ein gutes Tempo vor. Es war
schon zu Beginn diese Ausflugs notwendig, ordentlich zu be-
schleunigen. Meinem Fahrstil entsprechend, bremste ich vor den
ersten Kurven etwas kräftiger. Dafür dann aber auch etwas später.
Klappte aber gut. Sie ruckelte sich dann kurz wieder in Position
und verharrte in dieser Stellung. Eine brauchbare Sozia.
Der letzte Platz ist nicht so unbedingt meine Lieblingsposition.
Deshalb machten wir uns dann auf die Aufholjagd.
Alles war inzwischen warm. Die Bremsen, das Öl, die Reifen …
und selbst ich war inzwischen auch warm. Die Oberschenkel der
Sozia waren daran nicht ganz unschuldig. Diese komische Regel,
dass in der Gruppe nicht überholt wird, ignoriere ich regelmäßig.
Ich fahre immer auf den zweiten Platz vor … und fertig. Meistens
funktioniert das, bei einigen selteneren Gelegenheiten allerdings
nur nach längeren Gefechten mit dem alten Platzinhaber.
Das war in diesem Fall … Klemens. Die anderen hatte ich einfach
überrumpelt. Dietmar und Charly kannten das bereits und leisteten
keinerlei Widerstand. Der italienische Papagei rechnete nicht
damit, und Udo hatte nur vierundvierzig Pferdchen unter dem
Tank. Klemens allerdings … fuhr konsequent Kampflinie. Wenn
dich auf einer Landstraße, so ein Klemens auf einer GS Adventure
nicht vorbeilassen will, dann kommst du auch nicht vorbei. Da
muss man sich dann schon etwas einfallen lassen. Ohne Sozia
hätte die ganze Sache anders ausgesehen. Da hätte ich ihn ge-
packt … behaupte ich jetzt mal. Obwohl der Hund diese TKC-
Geländereifen aufgezogen hatte … ich kam einfach nicht auf
Schlagdistanz an ihn heran. Diese grobstolligen-Reifen haften er-
staunlich gut.
Das hätte ich wirklich nicht gedacht.
Chris, unser Führer, zog ganz ordentlich am Kabel. Auf dem dritten
Platz hat man es dann auch nicht leicht. Dritter ist irgendwie selt-
sam. Entweder ganz undankbar, weil ja eigentlich der Schwächste
hinter dem Führenden fahren soll, oder ganz schwierig, weil bei
den unvermeidlichen Überholvorgängen die ersten beiden Mopeds
fast immer gemeinsam überholen. Dritter ist unschön.
Aber es ging zügig durch Bayern. Schöne Waldstrecken mit vielen
netten Kurven. Man musste schon gut aufpassen. Feuchte Stellen,
Lichtwechsel und gemütlich vor sich hin schleichende Autos.
Dietmar blieb hinter uns … aber der kümmerliche Rest, angeführt
von Charly, war schnell außer Sichtweite.
Chris schien das nicht zu stören. Der gab weiter ordentlich Gummi.
Charly bleibt in solchen Situationen immer völlig ungerührt. Der
fährt immer so schnell wie er meint, was die anderen machen …
interessiert ihn nicht. Er war inzwischen aus meinen Rückspiegeln
verschwunden. Ich ließ die beiden Führenden entkommen und
cruiste locker dahin. Melanie entspannte sich und machte dezente
Lockerungsübungen. Braves Mädchen … eine wirklich brauchbare
Sozia.
An der nächsten Abzweigung wartete unser Führungsduo mit ein-
geschalteten Warnblinkern. Ich stellte uns dahinter und zündete
mir eine Zigarette an. Kein Problem … Klapphelm.
Melanie kletterte von ihrem Sitz und hüpfte in den Wald. Wenn die
Natur ruft, dann sollte man folgen. Ich wäre diesem Ruf auch gerne
gefolgt, aber die natürliche Stimme die ich vernahm … hatte einen
ziemlich eindeutigen Akzent. Klemens schien auch etwas der-
artiges gehört zu haben. Er starrte ebenfalls verzückt hinter
Melanie her.
Gelangweilt wartend, trotteten wir dann um unsere Mopeds. Der
Rest der Gruppe tauchte nicht auf. Nach einigen Minuten schien
unser Guide die Geduld zu verlieren. Er rannte aufgeregt hin und
her und brabbelte dabei unverständlich vor sich hin. Neugierig und
gleichzeitig leicht verwundert, beobachtete ich ihn aus den Augen-
winkeln. Normal war der Typ nicht!
Wobei meine Vorstellung von normalem Verhalten, grundsätzlich
doch schon eine ziemliche Bandbreite abdeckt. Aber selbst diese
sehr tolerante Betrachtungsweise individueller Eigenarten, hat
auch irgendwo ihre Grenzen. Klemens sah das ähnlich.
„Der ist doch zugedröhnt“, flüsterte er mir zu und beäugte unseren
Führer dabei misstrauisch.
„Was ist denn nun … wo bleiben die denn?“, schrie der plötzlich
und hüpfte auf sein Gefährt. Mit radierendem Hinterrad wendete er
und jagte in die Richtung aus der wir gekommen waren davon.
Klemens sah mich mit ausdrucksloser Miene an. Melanie war
damit beschäftigt ihre Augenbrauen in Klemens Rückspiegeln zu
inspizieren. Man muss eben jede Gelegenheit nutzen.
„Das fängt ja schon gut an“, nörgelte Klemens und wandte sich
dann Melanie zu. Ich schnaufte nur und langweilte mich dann. Was
sollte ich auch sonst machen, irgendwo in einem bayrischen Wald-
stück an einem Samstagmorgen im Mai.
Nach etwa 10 Minuten konnten wir das angestrengte Röhren eines
geforderten 1200er Boxermotors vernehmen. Chris kehrte zurück.
Sein Landeanflug war ziemlich gewagt. Mit stotternder Brems-
anlage und wackelndem Heck gelang es ihm nur ganz knapp, sein
Gefährt vor der nur wenige Meter entfernten Querstraße zum
Stehen zu bringen. Das war nicht die Art, wie man eine ver-
sprengte Nachhut wieder an die Spitze zurückführt. Die Nachhut
fehlte dann auch.
„Keine Spur. Die sind weg“, verkündete er uns dann.
„Wie weg? Die können doch nicht weg sein. Eben waren sie doch
noch da. Wo sollen die denn geblieben sein?“, entrüstete sich
Klemens.
„Irgendwo abgebogen wahrscheinlich. Ich schätze, die sind bei der
abknickenden Vorfahrt eben … einfach geradeaus gefahren. Das
macht der Charly ganz gerne um diese Uhrzeit … immer gerade-
aus fahren“, versuchte ich das Geheimnis der verschwundenen
Gruppe zu enträtseln.
„Dann landen die im Steinbruch. Da ist die Straße zu Ende. Dann
kommt nur noch eine Schotterstrecke“, erklärte uns Chris und
machte ein überfordertes Gesicht.
„Eine Schotterstrecke!“, freute sich Klemens und sah mich unter-
nehmungslustig an. Ich warf einen Blick auf sein Moped. Seine
Adventure streckte ihre TKC-Stollen auffallend, fast sogar auf-
fordernd von sich. Chris hingegen hatte seine Kiste mit rein-
rassigen Straßenreifen bestückt. Logisch … was sollte der auch
mit Enduroschlappen. Die Gelbe trug wie immer ihre EXPs. Damit
kann man, wenn man sich traut, man muss aber nicht unbedingt.
Abseits asphaltierter Strecken die Sau abgeben … meine ich.
Klemens war somit der Schotterkönig. Wir machten also kehrt und
fuhren zurück zur mutmaßlichen Abbiegestelle. Dort dann in
Richtung dieses Steinbruchs. Klemens fuhr ab dort haken-
schlagend voraus. Vermutlich wollte er seine Stollen anwärmen.
Er warf seine Adventure hin und her, wie damals unser aller
Schumacher in der Aufwärmrunde seinen Ferrari. Bei dem scheint
es geholfen zu haben. Aber der fuhr auch nicht auf Schotter, nur
gelegentlich … wenn ihm die Straße ausgegangen war.
Die Straße ging uns dann nach wenigen Kilometern auch aus. Die
gewohnte asphaltierte Welt endete an der Zufahrt zu diesem
Steinbruch. Mehrere abgestellte Baumaschinen hatten aber
scheinbar die Aufgabe, den Straßenverlauf weiterzuführen. Das
hatten sie erkennbar auch recht ordentlich gemacht … nur die
Teerdecke fehlte eben noch. Wes`Geistes Kind musste man sein,
um nicht spätestens an dieser Stelle innezuhalten, und den Kurs
neu zu überdenken. Unter den gegebenen Umständen jedenfalls.
Natürlich kann man mit einem Rudel Großenduros solche Pisten
bewältigen. Gar keine Frage. Aber es war ja keine Endurotour.
Wir hatten Glattreifler dabei. Die tun sich erfahrungsgemäß immer
etwas schwer, auf derart unbefestigten Pisten. Der ganz normale
Glattreifler scheut den Schotter, wie dieser berüchtigte Pferde-
füßler das Weihwasser. Da richten sie sich dann immer ängstlich
auf, hinter ihren flachen Stummellenkern, in ihren buckligen
Papageienkombis, und hängen ängstlich die Füße raus.
Schluss ist ‘s dann, mit der Herrlichkeit. Auf den unbefestigten
Boden der Tatsachen zurückgeführt, verliert so ein Straßenracer
schlag(loch)artig eine ganze Menge von seinem zweifelhaften
Charme. Die Natur kennt da kein Erbarmen.
Wenn man sie dann noch demütigen will, … was einem echten
GSler natürlich niemals in den Sinn käme, … dann stellt man sich
auf die Fußrasten und knallt die Piste entlang dass es nur so
staubt. Dann überkommt einen wieder einmal mehr das Gefühl
alles richtig gemacht zu haben. Damals, als man beschloss, die
Fraktion derer, die gebückt durchs Leben fahren, auf immer und
ewig zu verlassen.
All dies käme einem echten GSler natürlich niemals in den Sinn.
Alles nur rein hypothetisch … quasi ins Unreine gedacht.
Rein theoretisch ist es natürlich durchaus denkbar, dass es solche
Menschen tatsächlich gibt. Aber ich glaube das nicht.

Chris rollte jedenfalls mutig voran. Klemens hatte nämlich in-
zwischen seine Kamera hervorgekramt und fotografierte die ver-
stümmelten Felswände des Steinbruchs. Scheinbar ein
interessantes Motiv. Den etwas breiteren und auch etwas glatteren
Hinterreifen meines Vordermannes im Auge, fuhr ich gemütlich
hinter ihm her. Der hockte etwas verkrampft auf seinem Gerät, be-
ließ aber die Stiefel auf den Fußrasten. Gelegentlich ploppend,
katapultierte die Gelbe den einen oder anderen Steinbrocken in die
Landschaft. Mir war inzwischen klar geworden, dass wir auf dem
Holzweg waren. Die sind nie und nimmer hier entlang gefahren.
Ganz sicher war ich mir natürlich nicht, immerhin sind die Charly
gefolgt. Aber gerade deshalb konnte ich es mir nicht vorstellen.
Wenn Charly noch mehr als den sonst üblichen Restalkohol
spazieren fährt, dann ist er am Anfang immer sehr vorsichtig.
Dann rast er nicht und dann schottert er auch nicht. Nicht unser
Charly. Dann fährt der wie ein Mädchen. Aber immerhin, andere
Zeitgenossen könnten in solch einem Zustand noch nicht einmal
ohne fremde Hilfe einen Zebrastreifen überqueren. Nicht einmal zu
Fuß. Das muss man ihm schon lassen, er überschätzt sich nicht.
Safety first … da ist er eisern, der Charly.
Klemens schien genug fotografiert zu haben. Auf den Rasten
stehend, bretterte er die Piste entlang. Volles Rohr natürlich, sonst
macht’s ja auch keinen Spaß. Ich drehte instinktiv den Kopf zur
Seite, ein kleinerer Steine knallte auf mein Windschild und hinter-
ließ dabei eine Macke in dem transparenten Kunststoff. Glas wäre
natürlich blöd gewesen. Aber so …
Chris wackelte entsetzt ein wenig herum. Aber der hatte ja auch
kein ordentliches Windschild. Klemens verschwand, eine grau-
weiße Staubwolke hinter sich herziehend … in einem Waldstück.
Als wir Minuten später ebenfalls zwischen den Bäumen hindurch-
rollten konnten wir gerade noch erkennen, wie er sich hektisch den
Staub von der Kombi klopfte und schnell einen Spiegel zurechtbog.
Manchmal kommt man eben auch mit Stollenreifen ein wenig vom
richtigen Weg ab. So wie man in den Wald hinein fährt, so
schallend ist dann auch das Gelächter … oder so ähnlich.
Oder …wer auf dicke Hose macht, sollte wenigstens Protektoren
drin haben. Wir hielten an und stiegen ab. Wie man leicht er-
kennen konnte, hatte die Adventure einen Teil der mühsam
präparierten Piste ein wenig umgegraben. Dies schien sie mit dem
rechten Sturzbügel und unter Zuhilfenahme des rechten Zylinders
gemacht zu haben. Die rechte Aluminiumkiste hatte sich auch be-
teiligt. Für ernsthafte Erdarbeiten hat man dieses Moped allerdings
nicht konstruiert. Das wurde wieder einmal deutlich.
Der steinige Untergrund hatte deutliche Spuren am Gerät hinter-
lassen. Das Vorderrad hätte seine Führungsaufgaben kurzfristig
vernachlässigt, behauptete Klemens. Einfach so, ohne Grund.
Was hätte er auch sonst sagen sollen? Technisches Ver-
sagen…eben. Ich vermutete, dass er sein Vorderrad selbst aus-
gebremst hatte. Ein kurzes Stück weiter verengte sich die Piste
nämlich deutlich und knickte gleichzeitig ab. Wenn da die Finger
der rechten Hand reflexartig am Hebel ziehen …?
Auf Schotterstrecken sollte man nicht auf das ABS vertrauen.
Diese segensreiche Erfindung hat mich zwar auch schon gelegent-
lich vor Schlimmerem bewahrt … aber irgendwo ist dann auch mal
Ende im Gelände.
Wer ‘nen Schaden hat, der spottet über jede Beschreibung.
Klemens hatte ja nun mal einen Schaden, aber seiner Meinung
nach war das kaum der Rede wert. Das konnte man so oder so
sehen. Chris sah das so. Klemens hingegen so. Was soll‘s, den
Einen stören ein paar Schrammen, den Anderen nicht.
Hauptsache die Karre läuft. Tat sie, deshalb ging es auch weiter.
Klemens fuhr voraus. Wie die wilde Sau. Eines musste man ihr
lassen, übermäßig ängstlich war sie nicht, die wilde Sau.
Aber man sagt den Biestern ja eine gewisse Lernfähigkeit nach. So
gesehen, passt dieser Vergleich dann doch wieder nicht. Es soll
aber auch dumme Säue geben. Aber die würden sich keine
Adventure kaufen, glaube ich wenigstens. Beschwören würde ich
es aber nicht.
Irgendwann hatten wir dann auch wieder festen Boden unter den
Rädern. Das war natürlich schön. Aber der Rest der Gruppe blieb
weiterhin verschollen. Das war dann wieder nicht so schön.
Wenn man nicht mehr weiter weiß, … dann ruft man am besten
jemanden an, der sich damit auskennt. Uns fiel auf Anhieb aber
niemand ein. Melanie fiel jemand ein. Sie rief dann einfach mal
ihren Markus an. Der würde uns zwar bei der Lösung unseres
alten Problems nicht weiterhelfen können, aber dafür wenigstens
ein neues Problem hinzufügen. Ich hatte keine Lust mehr.
„Was sollen wie denn jetzt machen?“, verzweifelte Christoph oder
Christian. Er schien mit seiner Führungsaufgabe sichtlich über-
fordert zu sein.
„Wieso … wir. Du bist doch hier der Chef“, murmelte Klemens, und
versuchte angestrengt seinen Fußbremshebel wieder in eine Form
zu bringen, in der er seine originäre Aufgabe erfüllen konnte.
Schönheitsreparaturen gewissermaßen, denn welcher GS-Fahrer
braucht schon eine Fußbremse? Auf der Straße?
Im Schotter ist das etwas anderes. Aber da hatte er sie scheinbar
verschmäht. Eine späte Einsicht, aber auch ein eindeutiges
Zeichen für Lernfähigkeit. So eine ganz gewöhnliche Wildsau wäre
nicht so schnell dahinter gekommen. Aber das hatten wir ja schon

„Wo soll er denn hinfahren?“, krähte Melanie fröhlich und
schwenkte ihr Handy wie ein Mikrofon herum.
„Wer…?“, fragte unser ratloser Führer verblüfft. Klemens atmete
tief durch und sah mich resigniert an.
„Markus … wo soll er denn nun hinfahren?“, empörte sich Melanie.
„Wer zum Teufel ist denn Markus?“, wollte Chris wissen.
„Das ist ne‘ längere Geschichte“, erklärte ich ihm gelassen.
„Der kann von mir aus zur Hölle fahren“, schrie Chris und
schüttelte wütend seinen Helm. Sein Visier hatte sich verklemmt.
„Hörst du? Du sollst zur Höhle fahren“, erfuhr dann Markus von
seiner pflichtbewussten Freundin. Chris starrte sie ungläubig an.
„Seid ihr eigentlich alle völlig Banane. Was ist das denn bloß für
eine Truppe? Die eine Hälfte verfährt sich auf einer Vorfahrtstraße.
Einer heizt wie ein Gestörter durch den Dreck und schmeißt sein
Moped in den Wald. Jetzt kommt noch einer der in die Hölle fahren
will. Seid ihr eigentlich alle bescheuert? Wo hat man euch denn
rausgelassen?“
„Die meisten kommen aus Leverkusen“, versuchte ich eine
plausible Erklärung zu finden.
„Ich nicht!“, stellte Klemens empört klar.
„Was ist denn jetzt?“, wollte Melanie wissen und hielt Chris ratlos
ihr Handy hin.
„Das weiß ich doch nicht!“, schrie der und drehte sich weg.
„Er weiß es auch nicht. Ja gut … mach das! …Ruf einfach Charly
oder Dietmar an“, erklärte Melanie ihrem Gesprächspartner und
schmatzte zum Abschied einige Küsschen ins Mikrofon.
„Gute Idee. Das sollten wir vielleicht auch machen“, fiel mir auf.
Klemens nickte nachdenklich und Chris starrte mich böse an.
Völlig verspannt, dieser Typ. Aber kein Wunder. Wenn man die
ganze Zeit so bucklig auf dem Moped hängt … Glattreifler eben.

10 Kommentare zu „Maitour (Kapitel 24)“

  • Tolot:

    Hallo Kuhjote, aus einigen Deiner Antworten klang heraus, daß Deine Geschichten authentisch seien, meistenteils jedenfalls. Wenn dem so ist und Du dem Realismus huldigst … mein Geschmack ist es jedenfalls nicht. Schon im Bikerhotel fand ich es teils durchaus grenzwertig, aber hier … Mein Geschmack (und mein Leben) ist das nicht und diese Typen ebenfalls nicht. Auch wenn ich Deinen Humor und Schreibstil mag. Und wenn Du sagst, daß es (dasLeben) nun mal so war – dann möchte ich davon lieber nichts lesen. Diese Folge war dagegen wieder eher nach meinem Geschmack. Ich habe gelesen, daß Du eigentlich von Moppedgeschichten wegkommen willst – aber das, finde ich,macht doch gerade den Reiz aus.
    Was mich aber interessiert: Woher kommt diese Aversion gegen Harley-Treiber (allerdings sind Deine Attacken da doch eher plump,das kannst Du doch besser, feinsinniger, bösartiger)? Liegt es viellicht an dem selbstmörderischen Heizen, dem ja der Protagonist und seine Spezis frönen und das sie wohl als das einzig wahre Moppedfahren ansehen, und der eher im Gegensatz zu der typischen Fortbewegung der meisten Harley-Treiber steht? Und woher kommt es, daß der Protagonist trotz seiner offenbar eher intellektuell fordernden beruflichen Tätigkeit meist – vor allem in Bezug auf Mopped und Mädels – so absolut hirnlos und pubertär handelt? Bei seinen Spezies wundert es ja nicht so sehr, die ganze Kombination aus Ruhrpott, Faschingsfreaks und Proll paßt ja super zusammen und auf Dauer schießen sich solche Leute (fürmich: Antitypen) ja selber ins Aus (hoffentlich ohne Kollateralschäden anzurichten). Aber vielleicht ist das ja überwiegend doch (gut) erfunden, ich hoffe es, denn wenn das im wesentlichen wahr wäre, dann wäre es weniger zum Lachen als zum Weinen. Dennoch, ich habe es überwiegend genossen, auch wenn mich das recht zwei Nächte lang den wesentlichen Teil meines Schlafs gekostet hat. mfg, Tolot

  • kuhjote:

    @Tolot

    Viele Fragen … ziehen viele Antworten nach sich.
    Zur Authentizität der Story(s). Natürlich werden hier viele Dinge ziemlich überspitzt dargestellt. Es sind eben keine Reportagen, sondern romanhaft verfremdete Erlebnisse. Teilweise jedenfalls. Viele Dinge sind allerdings konstruiert.
    Was die Harleyfahrer angeht: Ein Spiel mit Klischees … einerseits. Echte Erlebnisse … andererseits. Hier werden eben zwei extreme Positionen künstlich überhöht. Beide entsprechen nicht dem „normalen“ Motorradfahrerempfinden. Das macht eben den Reiz des Ungewöhnlichen aus. Nach meinem Verständnis jedenfalls.
    Warum „handelt“ der Ich-Erzähler derartig pubertär und teilweise hirnlos?
    Er ist eben alles andere, als ein klassischer Held. Wenn man mal genau hinschaut: Sowohl im Bikerhotel … als auch bei der Maitour: Er ist eigentlich ein Loser. Seine eher fragwürdigen Erfolge bei der Frauenjagd werden von ihm stolz als Erfolge dargestellt. Hier bei der Maitour wird er von seiner Ex-Frau schikaniert, seine neueste Eroberung scheint eine Nymphomanin zu sein die ihn sofort „betrügt“, und bei der einzig interessanten Teilnehmerin (Barbara)kann er nicht landen. Sein einiger tatsächlicher Erfolg … ist diese verunglückte Nummer in der Scheune. Dann lässt er seinen besten Freund im Stich, mit einer fadenscheinigen Ausrede über die Unattraktivität der Gittaristin. Gleichzeitig bekennt er, in der Vergangenheit schon deutlich unattraktivere Opfer gehabt zu haben. Monsterf … beim Bund, übergewichtige Sozia etc. Er redet sich rein und raus und hat für alle Vorfälle eine passende Ausrede.
    Er verfährt sich, schafft es nicht an die Spitze seiner Gruppe zu kommen, und ist dazu noch handwerklich ungeschickt. Er wird sowohl von seinem Vermieter und Mitbewohner schikaniert, als auch von seinem Vorgesetzten und den Kollegen unter Druck gesetzt.
    Er saugt allerdings ständig Honig … aus seinen Beobachtungen über die Fehlbarkeit der anderen Figuren. Eigentlich ein Loser … hoffentlich wenigstens ein sympathischer. Ein ganz normaler Typ … eben. Allerdings einer, der seine Motorradleidenschaft zu kleinen Fluchten nutzt.
    Die soll es tatsächlich geben … diese Typen.

  • Tolot:

    Hallo Kuhjote, danke für die fixe Antwort.
    O.k., vielleicht war ich beim Lesen zu übernächtigt und habe einiges falsch verstanden. Also doch nicht hart an der Realität ….
    Aber Deine Erklärungen zum Protagonisten (also keine Anleihen bei Dir …) überraschen mich schon etwas. Als Loser habe ich ihn wirklich nicht empfunden. Er wäre zwar ganz und gar nicht der Typ, mit dem ich wirklich befreundet sein wollte, weder als Moppedfahrer noch privat, aber das ist ja ohne Bedeutung, das trifft auf sicherlich 90% der Bevölkerung zu ;-). Aber D beschreibst doch im Grunde einen ganz normalen Kerl. Wer von uns ist schon ein Supermann, der alles wirklich im Griff hat? Betrogen werden viele und wenn sich eine Fitnessstudio-Schnepfe sofort und auf diese Weise rumkriegen läßt, dann ist doch eher naheliegend, daß Man(n) nicht der Einzige ist, nicht? Wer hat sich noch nicht verfahren und wer ist schon der charismatische Führer, der alles und jeden im Griff hat? Daß man mit der Ex derartige „Probleme“ hat ist doch eigentlich auch normal, sogar daß er geschieden ist, macht ihn nicht zum Loser. Daß sich eine „vernünftige“ Frau auch nicht sofort flachlegen läßt, erst recht nicht in dieser Ambiete, ist doch auch naheliegend, wobei man allerdings fragen kann, ob eine vernünftige Frau da hinfahren würde (auch der Zahnarzt nebst Frau werden diese Tour wohl kein zweites Mal mitmachen ;-)). Also, summasummarum kommt mir der Protagonist eher „normal“ vor, jedenfalls nicht wie der Prototyp des Loser. Allein seine Freunde (nach denen man ja auch beurteilt wird) und seine kamikazehafte Einstellung zum Moppedfahren lassen an seine Verstand und seiner Reife doch erheblich zweifeln, und rücken ihn, wenn Du so willst, in die Nähe eines Loser. Aber das paßt m.E. nicht zu seiner beruflichen Tätigkeit. Mir erscheint das nicht stimmig. Er verhält sich in vielerlei Hinsicht wie der hirnloseste Proll, aber das paßt nicht zu dem, was Du uns über seinen Beruf wissen läßt – zumindest wenn man Typen und Typizitäten bemüht. Wenn es Deine Absicht ist, hier einen Loser zu skizzieren, dann müßtest Du das nach meinem Eindruck deutlicher machen. Bei mir kam es, wie gesagt, nicht so an.
    Zu den Harley-Treibern: Du treibst Dich ja wenigstens gelegentlich auch in HD-Foren herum und daher weißt Du ja auch, daß die dortigen member regelmäßig nicht diesem Klischee entsprechen und selbst über Zahnwälte lästern. Klar, es gibt natürlich auch solche, die für den Hersteller Reklame fahren, sonst gäbe es die „Fanshops“ ja nicht. Aber auf der Straße sieht man auch offensichtliche Fans anderer Marken. Ein Seitenhieb wäre nicht der Rede wert, aber da dies schon eines der Themen Deiner Geschichte(n) ist und den einen erzürnen mag, den anderen trotz „Betroffenheit“ schmunzeln läßt, sollte es „authentischer“ sein. Da ich Deine Sichtweise nicht teile kann ich das leider nicht präzisieren, aber allein der Umstand, daß ausgerechnet nur diese eine Marke derart bemäkelt wird, sollte doch zu denken geben. Aber wie auch immer, ich würde (wenn es ich es könnte), diese Klischees etwas authentischer bringen, so wirkt es auf ich jedenfalls deutlich gekünstelter als die Eskapaden der anderen Handlungsträger. Meine 50 Cent. mfg Tolot

  • Sehr schön Diskussion! Ich bin froh, dass hier Typen geschildert werden, die vieles falsch machen – dann kann man es sich selbst ersparen.

    Oder eben auch nicht.

    Auch schlaue Leute haben ein Recht, sich dumm zu verhalten. Und wen geht das eigentlich was an? Wer beurteilt das? Der Typ hier hat offensichtlich Urlaub! 😉

  • kuhjote:

    Hallo Tolot,

    der Held der Geschichte ist kein Held. Es war mir wichtig dies klarzustellen. Er versucht zwar gelegentlich, diesen Eindruck zu erwecken … ist aber eher ein Blender.
    Zugegeben…eher ein Blender als ein typischer Loser, aber ganz sicher kein Gewinnertyp. Er wirft mit Phrasen und platten Allgemeinplätzen nur so um sich, und kommt bei der Mehrheit der Leser sogar damit durch. Die mögen ihn scheinbar.
    Diesen Typen wollte ich entwickeln und austesten … wobei ich ihm in Zukunft noch einige wirklich fragwürdige Charaktereigenschaften „verleihen“ möchte.
    Ein Alter ego … wie man es wirklich braucht um halbwegs glaubwürdig erzählen zu können. Gelegentlich verliert man dann ein wenig die Kontrolle über die eigene Figur und wundert sich dann … was der Typ so alles von sich gibt. Spannend…

    Dann bleibt da immer noch das Problem mit den Harleys und ihren Besitzern.
    Lasst IHN doch seine mühsam gepflegten Vorurteile weiter artikulieren.
    Die Story endet in einigen Wochen. In der nächsten Geschichte wird ER hoffentlich
    eine etwas positivere Einstellung gegenüber dieser wichtigen Zielgruppe zeigen.
    Aber so ganz sicher … kann man bei DEM nie sein.

  • kuhjote:

    Hallo blahwas,

    die haben sogar alle Urlaub. Du bringst mich da auf eine Idee. Wie verhalten die sich wohl, wenn sie keinen Urlaub haben?? Das werden wir möglicherweise noch herausfinden … im nächsten Buch.

  • Tolot:

    Ich hatte nicht den Eindruck, daß die Typen sich irgendwie besonders anders als „normal“ verhalten würde, also in einer Art „Ausnahmesituation“ (=Urlaub) seien.
    O.k., als „Held“ würde ich ihn auch nicht ansehen, schon deswegen nicht, weil er sich teils wie ein Hirni verhält (was, wie gesagt, nicht zu dem paßt, was wir über seinen Beruf wissen). Aber es gibt doch eine Riesenbandbreite zwischen Gewinnertyp und Blender oder Loser. Würde mich interessen, ob er mehrheitlich so gesehen wird, wie es der Autor beabsichtigt, oder positiver. Auch wenn ich des Autors Absicht und Ziel nun kenne – an meinem Eindruck in toto ändert sich dadurch nichts. mfg, Tolot

  • Dieter:

    @Tolot
    ich weiss nicht so recht, was der Beruf mit dem Verhalten bei einem Bikerausflug zu tun haben muss? Ich kenne tatsächlich Leute, die in einer Firma 150 Mitarbeiter haben und täglich Entscheidungen treffen, in der Freizeit auf dem Moped aber dann (zum Ausgleich?) den Prolo raushängen lassen.
    Es ist auch praktisch machbar, sich von Montag bis Freitag gewählt zu artukilieren und am Wochenende auch rhetorisch die Sau rauszulassen …
    Ich denke mal, das ist auch einer der vielen Gründe, warum die geschichte(n) hier so beliebt sind 😉
    mfg Dieter

  • kuhjote:

    Die verschiedenen Meinungen und Ansichten sind außerordentlich hilfreich für mich.
    Es ist(für mich)hochinteressant und spannend, welche unterschiedlichen Sichtweisen in den Kommentaren deutlich werden. Im Gegensatz zum Bikerhotel werde ich hier noch viele Dinge abändern(müssen). Hier haben wir eine Rohfassung, bei der ich in einigen Teilen noch Bauchschmerzen (eigentlich eher Kopfschmerzen) bekomme.
    Die Endphase wird noch schwierig. Das nächste Projekt spukt mir schon im Kopf herum.
    Irgendwie muss ich da einen Übergang hinbekommen, ohne jedoch zu früh, den Stil zu wechseln. Eine wirklich knifflige Angelegenheit.***

  • Hellrider:

    „Hörst du? Du sollst zur Höhle fahren“, erfuhr dann Markus von
    seiner pflichtbewussten Freundin. Chris starrte sie ungläubig an.
    „Seid ihr eigentlich alle völlig Banane. Was ist das denn bloß für
    eine Truppe? Die eine Hälfte verfährt sich auf einer Vorfahrtstraße.
    Einer heizt wie ein Gestörter durch den Dreck und schmeißt sein
    Moped in den Wald. Jetzt kommt noch einer der in die Hölle fahren
    will. Seid ihr eigentlich alle bescheuert? Wo hat man euch denn
    rausgelassen?“

    Bwahahaha ich lach seit Minuten 😀

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