Maitour (Kapitel 23)

Irgendwann in der Nacht, versuchte der Heinz dann auch seine
Matratze zu finden. Vergeblich … alle Matratzen, die er in die
engere Wahl zog, waren schon belegt. Die unvermeidlichen Dis-
kussionen mit den Kollegen verliefen dann auch weitgehend er-
gebnislos. Die Dialoge waren auch eher … schlicht. Im Wesent-
lichen bestanden sie aus wütenden Grunzlauten. Der Heinz taperte
planlos umher und zerrte an den schlafenden Kollegen herum.
So ähnlich muss es an den Höhlenfeuern unserer Urahnen zu-
gegangen sein. Diese Maitouren haben wirklich etwas Ur-
wüchsiges. Zurück zur Natur … in jeder Hinsicht.
Nach einer gefühlten Stunde … gab er dann endlich die Suche auf.
Er warf seinen geschundenen Organismus auf die nächstbeste
freie Matratze und schnarchte gnadenlos davon. Dummerweise
befand sich diese Liegestätte unmittelbar neben meiner.

Meine Ohrstöpsel waren noch im Tankrucksack. Der wiederum war
noch auf dem Tank … dort, wo sein angestammter Platz war.
Mein angestammter Platz war plötzlich unbewohnbar.
Acht Oktaven … für jeden guten Tenor eine Meisterleistung. Der
Heinz schaffte mühelos neun … vielleicht sogar noch mehr.
Das Ganze dann auch noch mit einem bewundernswerten
Volumen. Es war, als ob ich direkt neben dem defekten Auspuff
einer schlecht eingestellten Rüttelplatte liegen würde. Der
mächtige Körper des wirklich übel riechenden Sauerländers zitterte
ständig. Vielleicht komme ich deshalb auf die Rüttelplatte.
Entweder war er Epileptiker … oder aber … ihm war kalt.
Entnervt zerrte ich meine Matratze aus dem Gefahrenbereich und
platzierte sie irgendwo an einem weit entfernten Ort. Irgendwo auf
dem Heuboden. Spinnen hin oder her … nur weg vom Heinz.
Auch diese Nacht endete mit dem nächsten Morgen. Als ich die
Augen aufschlug, befand ich mich unmittelbar neben der Treppe.
Unmittelbar bedeutet … knapp daneben. Ganz knapp. Ich konnte
direkt nach unten blicken. Dort hatte sich schon die übliche
Schlange vor der Dusche gebildet. Hans-Jürgen und die Be-
satzung des Wohnmobils … versuchten die Zeltplätzler zu ver-
drängen. Die wehrten sich gegen diese, in ihren Augen un-
zulässige Mitbenutzung ihrer Nasszelle.
„Na und … dann funktioniert eure Scheißheizung eben nicht. Das
hier ist nur für Camper. Stellt euch hinten an..!“ Das war Dietmar.
„Du spinnst wohl … ich seh‘ hier kein Schild ‚Nur für Camper‘ … du
bist doch hier nicht der Bademeister.“ Das war Hans-Jürgen.
Ich hob den Kopf und warf einen Blick auf die Matratzenfläche.
Grauenhaft … ein Anblick zum Fürchten. Als ob ein irrer Massen-
mörder mit einem Maschinengewehr rein gehalten hätte. Die teil-
weise befleckten Sauerländer lagen kreuz und quer auf der Fläche
verteilt. Zum Teil in Stellungen, die ein lebender Mensch gar nicht
einnehmen konnte. Es sah aus wie am Unfallort eines Bus-
unglücks. Die Geräuschkulisse unterstrich diesen Eindruck.
Die lautstarke Duschdiskussion sorgte für erste Lebenszeichen auf
der Platte. Hustend und stöhnend regten sich einige der Opfer.
Der Tag danach … immer wieder schrecklich. Der Heinz lag herum
wie tot. Ich erhob mich langsam … ganz langsam … und atmete
stöhnend durch. Der Kopf passt in den nächsten Stunden in keinen
Helm. Das war schon mal sicher. Der Geschmack, den ich im
Mund hatte, erinnerte mich an … ich hab‘ s vergessen. Hier lesen
vielleicht Kinder mit. Besser nicht …!
Ich setzte mich wieder hin und wartete ab. Einige Lebensgeister
waren noch nicht an Bord. Einer der Sauerländer versuchte sich
eine Zigarette anzuzünden. Sein Feuerzeug versagte ihm aber den
Dienst. Die Bedienung eines solchen Gerätes erfordert eben doch
eine zerebrale Minimalleistung … die stand ihm aber anscheinend
noch nicht zur Verfügung. Resignierend kippte er nach hinten weg.
Manuela war nicht da. Verschwunden … schon gegen Ende der
Veranstaltung war sie verschwunden. Rolf hatte sie nicht. Das war
klar. Irgendwo wird sie schon geblieben sein. Egal …
Ich zog mir die Stiefel an … die Schuhe waren verschwunden, und
schlich mich mit Zahnbürste, Zahnpasta und Handtuch zur
Notwaschstelle. Vorbei an den Duschern, die mich mitleidig an-
starrten.
„Ihr müsstet mal die Anderen sehen“, krächzte ich im Vorbeigehen.
Draußen begegnete ich Rolf. Der starrte mich aus roten Augen an
und hustete. Ich hielt ihm meine Zigaretten hin. Er griff auch zu.
„Du bist nicht mehr mein Freund!“, stöhnte er und versuchte mir die
Zahnpasta zu entreißen. Na gut, aber die Bürste bekam er nicht.
So langsam kehrten die wesentlichen Funktionen zurück. Es war,
als ob das kalte Wasser irgendwelche geheimnisvollen
Substanzen enthielt. Danach fühlte ich mich regelrecht fit. Natürlich
nicht topfit … aber fit genug. Fürs Frühstück wenigstens.
Wir hockten uns in die entfernteste Ecke des Festsaals und
schlürften den heißen Kaffee. Er schmeckte echt scheußlich. Das
lag aber sicherlich nicht am Kaffee.
„Und …?“, fragte ich Rolf.
„Hör bloß auf …!“
Machte ich dann auch. Hiltrud aber nicht. Sie setzte sich an
unseren Tisch und sah uns durchdringend an.
„Pffhhh …“, sagte Rolf und schlürfte weiter seinen Kaffee. Er sah
ihr dabei aber nicht in die Augen. Sie atmete tief ein und schüttelte
den Kopf. Danach starrte sie mich an.
„Ich hab‘ nichts gemacht“, erklärte ich und schlürfte ebenfalls
weiter. Sie stand wortlos auf und ging zurück in ihre Küche.
„Stimmt doch. Was hab‘ ich denn gemacht?“, wollte ich von Rolf
wissen.
„Nichts … du hast nichts gemacht“, bestätigte er teilnahmslos.
Ich nickte und holte mir etwas zu essen. Käse, Wurst, Semmel …
das übliche Zeug eben. Es gab auch Eier … gebraten und ge-
kocht. Speck gab es auch. Speck und Eier … so mag ich das.
Rolf hatte keinen Appetit. Er klaute mir nur den Speck vom Teller.
„Ich glaube, an deiner Stelle hätte ich auch keinen Hunger. Speck
hattest du doch genug … nimm die Finger weg!“, murmelte ich
kauend und stach mit der Gabel nach seiner Hand.
„Das war ein Tier“, stöhnte er.
„Glaub‘ ich. Das konnte man schon sehen“, nuschelte ich kauend.
„Und? War’s schön?“, grinste Klemens und setzte sich zu uns.
„Das muss ein Tier gewesen sein“, erklärte ich ihm.
„Tja …“, sagte Klemens,“ … das konnte man schon sehen.“
Rolf sagte nichts. Jerome kam vorsichtig näher. Er sah müde aus.
„Halt die Fresse …!“, sagte Rolf. Jerome schlich wieder weg.
Bevor er allerdings in den schier endlosen Weiten des Festsaals
verschwand, drehte er sich noch einmal um und maulte:,,Is‘ mir
doch egal … eure Schweinereien … aber wieso hab‘ ich deshalb
Geburtstag?“ Rolf sah mich erstaunt an. Ich tippte mir an die Stirn.
Rolf nickte langsam und vorsichtig und schlürfte weiter seinen
Kaffee. Dietmar tauchte auf. Er sah aus wie eine Leiche. In seinen
leicht zitternden Händen hielt er einen vollgepackten Teller und
eine ebenso volle Kaffeetasse. Die Tasse schwappte vor sich hin.
„Sau‘ hier nicht alles voll!“, schimpfte Rolf leise und stützte seinen
Brummschädel mit einer Hand ab. Ungerührt saute Dietmar alles
voll. Wir rutschten hektisch mit unseren Stühlen zur Seite. Dietmar
ließ sich stöhnend nieder. Er hatte Messer und Gabel vergessen.
„Scheiße … hab‘ ich einen Schädel“, krächzte er und stierte mit
blutunterlaufenen Augen umher. Wortlos schnappte er sich mein
Messer und säbelte damit an einer Semmel herum.
„Das war aber echt … ein Tier“, sagte er und sah Rolf dabei an.
„Die Nummer in dem Stall war aber auch nicht schlecht“, ver-
kündete er dann. „Mann … hab’ ich einen Schädel“, stöhnte er
noch und verbrühte sich prompt das Lästermaul am heißen Kaffee.
„Das ist kein Stall, das ist eine Scheune“, erklärte ich ihm.
„Ein Stall ist was für Tiere … also mehr so wie …“, deutete ich kurz
auf Rolf. Der blickte mich nur wortlos und enttäuscht an und stützte
weiter seinen Schädel mit der freien Hand ab. Wir schwiegen dann
vor uns hin. Es war ja auch eigentlich alles gesagt worden.
„Achtung … da kommt sie“, warnte Klemens leise. Und tatsächlich,
da kam sie. So im grellen Tageslicht … eine optische Heraus-
forderung. Ich stehe eigentlich überhaupt nicht auf übermäßig stark
geschminkte Frauen. In diesem Fall allerdings … hätte ich mir
schon einige Gramm Spachtelmasse und Farbe gewünscht.
„Booaah … Hölle!“, murmelte Dietmar ganz leise und belegte seine
Semmel zitternd mit fünf Scheiben Schnittkäse. Klemens erklärte,
dass er sich noch einen Kaffee holen würde, und machte sich
schnell aus dem Staub. Ich folgte ihm auf dem Fuß.
„Meine Güte …“, stöhnte er und sah mich ratlos an.
„Wo die Liebe eben hinfällt …“, vermutete ich und nahm ihm die
Kanne aus der Hand. Mir fiel wieder meine Bundeswehrzeit ein.
Damals hatten wir uns einen kleinen internen Wettbewerb aus-
gedacht. So in der Gruppe. Es gab da eine ziemlich verrufene
Diskothek. Damals … in dieser kleinen Stadt in der Nähe von …
Das Spiel hieß … Monster ficken. Wer die Hässlichste abschleppt,
der bekommt einen Kasten Bier. Hässlich ist ja relativ … aber es
gab trotzdem einen eindeutigen Sieger. Absolut eindeutig und
ohne jeden Zweifel. Mir sträuben sich immer noch die Nacken-
haare, wenn ich an den Anblick am nächsten Morgen denke. Sie,
oder vielleicht sollte man besser sagen … Es … walzte grunzend
über den Flur und verschwand wortlos. Wir waren nachhaltig be-
eindruckt. Niemals zuvor hatte es einen eindeutigeren Sieger ge-
geben. Danach haben wir das Spiel nie wieder gespielt. Es gibt
Dinge … die kann man nicht toppen. Wir mussten dem Kollegen
den Kasten sofort besorgen und ins Zimmer stellen. Der hat sich
erst am nächsten Tag wieder hinausgetraut. Diese Geschichte hat
ihn während seiner gesamten restlichen Dienstzeit verfolgt. Ich
weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er das Ufer
gewechselt, oder er ist dem Alkohol verfallen … diese Erfahrung
hat ihn jedenfalls für den Rest seines Lebens geprägt. Da bin ich
mir ganz sicher.
Besorgt sah ich zu Rolf hinüber. Der war hart im Nehmen. Aber
trotzdem … tauschen wollte wirklich niemand mit ihm. Da musste
er jetzt durch. Dietmar starrte Rolfs Eroberung unverhohlen an.
Der war ja auch schmerzfrei. Langsam kauend beobachtete er das
Liebespaar. Rolf wand sich wie ein Aal. Aus der Nummer kam er
nicht so schnell wieder heraus. Ich holte tief Luft und machte mich
auf den Weg, um meinem alten Freund beizustehen.
„Nu‘ sei doch nicht so … ’n bisschen kuscheln. Das gehört sich so.
Ich finde … das gehört einfach dazu“, brabbelte Dietmar mit vollem
Mund und starrte Rolf auffordernd an. Der blickte ihn böse an und
sah mit ungläubigem Erstaunen seiner neuen Freundin hinterher.
Die hatte sich kurz abgemeldet, um ihr Frühstück zu holen. Auf
dem Weg kratzte sie sich unverhohlen am … Gesäß. Jedenfalls
irgendwo in dieser Region. Die Grenzen verliefen da eher fließend.
„Weißt du, woran mich das erinnert?“, fragte ich Rolf.
„Wir hatten da … damals beim Bund … so einen kleinen Wett-
bewerb“, begann ich. Rolf drehte vorsichtig den Kopf und sah mich
eher mitleiderregend als wütend an.
„Egal … jedenfalls hättest du den zweiten Platz gemacht …
hundertprozentig“, beendete ich schnell die Geschichte, denn sie
kehrte bereits zurück.
„Wo sind denn die anderen Musikmädels?“, fragte ich todesmutig
und versuchte sie dabei nicht anzusehen.
„Weg …!“, krächzte sie mit leicht belegter Stimme.
„Och … tatsächlich. Aber du bleibst sicher noch ‘n bisschen?“
wollte Dietmar wissen. Sie nickte und verschlang mit wenigen
Bissen den größten Teil der herangeschleppten Lebensmittel.
„Harley fahren …!“, erklärte sie. Rolf verzog leicht das Gesicht. Er
schien sich wohl gerade an seine im Vollrausch gemachten Ver-
sprechungen zu erinnern.
Harley fahren … ein absolutes Mysterium.
Alle möglichen Frauen hatte Rolf bisher mit diesem Versprechen
betören können. Was … um alles in der Welt, kann daran denn
bloß so wahnsinnig toll sein. Ich habe es nie verstanden. Mit der
Nummer ködert er oft die interessantesten Frauen. Wobei Harley
fahren natürlich bedeutet … auf der Harley mitfahren.
Üblicherweise.
Völlig unbegreiflich … funktioniert aber. In diesem Fall war das
aber wohl eher ein Eigentor.
„Wo wir gerade davon sprechen … wann geht’s denn los?“, wollte
ich wissen.
„He Axel … wann geht’s denn los?“, blökte Dietmar durch den
Raum. Axel schien relativ frisch zu sein. Er blickte auf seine Uhr.
„Stunde … ungefähr. Fehlen noch zwei Leute!“, blökte er zurück.
„Naja … dann könnt‘er noch ’n bisschen kuscheln“, erklärte
Dietmar dem schweigenden Rolf, und grinste die fettig um den
Mund glänzende Marina an. Die leckte sich die Lippen und kratzte
sich wieder. Diesmal allerdings nicht am … Rücken.
Rolf zündete sich schnell die nächste Zigarette an. Die alte Nebel-
taktik …
Als sich dann auch noch Charly grinsend und schlurfend näherte,
wollte ich die Flucht ergreifen. Er hielt mich aber am Arm fest und
og ich dicht an sich heran. Ich weiß nicht mehr, was ich in diesem
oment als schlimmer empfand. Seinen unbeschreiblichen Atem
oder seinen etwas grobmotorischen Zugriff. Wenn Charly richtig
zupackt, dann kann er rohe Kartoffeln zerquetschen. Wie dieser …
Seehund, oder wie der hieß. Der hatte doch auch ständig Kopf-
schmerzen … damals in diesem Film.
„Hast du was dabei?“, stöhnte er und sah mich dabei an, wie ein
tunesischer Teppichhändler einen ostdeutschen Pauschaltouristen.
Du kommst hier nicht weg. So in der Art … etwa.
Ich muss ihn wohl völlig ratlos angesehen haben, bevor mir dann
endlich schwante, wonach er begehrte. Er hatte wohl schon einige
der anderen Teilnehmer bedrängt. Charly brauchte dringend etwas
gegen Kopfschmerzen. Ganz dringend … so wie es sich anfühlte.
„Vera hat was. Die hat immer was dabei“, behauptete ich.
Charly ließ mich los und blickte sich suchend um. Aber die Rettung
nahte bereits. Seine fürsorgliche Ehefrau rührte mit einem Löffel in
einem, mit einer trüben Flüssigkeit gefüllten Wasserglas herum.
„Hier … alles auf einmal“, befahl sie. Charly gehorchte und
schluckte die Brühe blitzschnell weg. Ich beobachtete gespannt die
Wirkung. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er zuckend und mit
Schaum vor dem Mund zusammengebrochen wäre.
Wie weiland der alte Sokrates. Niedergestreckt durch den be-
rüchtigten Schierlingsbecher. Giftmord … eigentlich eine Domäne
enttäuschter Ehefrauen. Obwohl … damals beim alten Sokrates
war es wohl nicht die Ehefrau. Sagt man.
„Saufkopp … geschieht dir ganz recht“, fauchte Ute. Aber sie hatte
gleichzeitig einen besorgten Blick aufgesetzt. Irgendwie schon
schön, wenn man eine fürsorgliche Ehefrau dabei hat.
Ich blickte kurz zu Rolf herüber. Dessen fürsorgliche Ehefrau
bügelte wahrscheinlich gerade seine Hemden. Ich vermute, dass
er in diesem Moment gerne mit ihr getauscht hätte. Obwohl er
wirklich ein hundmiserabler Hemdenbügler ist. Ach ja … der Rolf.
Wenn seine Ehefrau ihm nächste Woche ein Glas mit einer trüben
Flüssigkeit reicht, sollte er vielleicht vorsichtig sein. Man weiß ja
nie. Die können ziemlich zickig werden, diese Ehefrauen.

Ich brauchte dringend frische Luft. Draußen hatten sich schon
einige Abstinenzler bei ihren Mopeds versammelt. Sauerländer
konnte ich keine entdecken. Die waren wohl noch alle beim
Morgengebet.
Samstag … die Sonne lacht und die Haare liegen. Bei mir sowieso
… aber weniger bei Melanie. Die sah aus, als ob sie mit einem
Bären gerungen hätte. Zunächst tippte ich auf Wastl … der hatte
vielleicht doch mal kurz die Selbstbeherrschung verloren. So wie er
sie am vergangenen Abend angestarrt hatte, hätte mich das wirk-
lich nicht gewundert.
Er war aber unschuldig. Ganz im Gegenteil, er hatte sie sogar ge-
rettet. Gerettet aus dem Tourbus der Dykes. Dort hinein, hatte sie
sich leichtsinnigerweise locken lassen. Nicht mehr so ganz im
Vollbesitz ihrer ohnehin nicht sonderlich ausgeprägten geistigen
Kräfte. Kurz nach Sonnenaufgang … sollen sie dann etwas an-
hänglich geworden sein … diese Bassistin und ihre Tonfrau. Deren
freizügige Aktivitäten überforderten selbst die sonst doch auch
eher freizügigere Melanie. Es macht eben doch einen kleinen
Unterschied, ob man es mit einem Original oder einer farbenfrohen
asiatischen Raubkopie zu tun bekommt. Schon rein technisch.
Der Wastl hatte in seiner Scheune genächtigt, und muss seiner
schreienden Prinzessin dann zur Hilfe geeilt sein. Auf einen ge-
mischten Vierer hatten die Dykes dann anscheinend doch keine
Lust.
So in etwa … muss es wohl abgelaufen sein. Wenn man denn
Melanies verworrenen Erzählungen, Glauben schenken durfte.
Barbara und ihre blonde Freundin lauschten den Erzählungen mit
ungläubigen Gesichtern.
„Weiber … die sind schlimmer als …“, setzte Hans-Jürgen an und
schaute sich gleichzeitig vorsichtig um. Seine war aber nicht in
Hörweite. Als er mich erblickte, verstummte er sofort.
„Schlimmer als … wer?“, fragte die Blonde und sah mich finster an.
„Moggähhhn! Na … schon gekämmt und rasiert? Die Zähne meine
ich … der Rest ist doch bestimmt alles Natur“, jodelte Dietmar fröh-
lich und strahlte die Blonde herausfordernd an. Die verzog keine
Miene.
„Bisschen Moped fahren … wäre mal nicht schlecht. Wenn wir
schon mal hier sind. Du kannst bei mir mitfahren. Aber nur wenn
du mir nicht an die … “, strahlte Dietmar die Blonde an. Die machte
ein ungläubiges, eigentlich sogar ein entsetztes Gesicht … und
sich dann auch sofort aus dem Staub.
„Keine Hektik. Wir haben noch Zeit … den Helm brauchst du noch
nicht“, rief ihr Dietmar hinterher.
„Die kann es kaum erwarten“, grinste er mich an.
„Du bist ein echter Aufreißer. Von dir kann man noch was lernen“,
stöhnte ich und lächelte gleichzeitig Barbara an. Ich fand, dass sie
irgendwie unschlüssig wirkte. Die Ereignisse der letzten Nacht
schienen ihr Weltbild etwas durcheinandergebracht zu haben.

„Das liegt in der menschlichen Natur. Manchmal bricht es eben
durch. Wenn man das ständig unterdrückt, dann kann das auf
Dauer psychosomatische Beschwerden verursachen“, versuchte
ich es. Sie sah mich an und schüttelte den Kopf.
Barbara war Sozialpädagogin und arbeitete in einem Frauenhaus.
Das hatte ich am gestrigen Abend noch in Erfahrung bringen
können. Bei ihr musste man es deshalb mit einem mehr ganzheit-
lichen Ansatz probieren. Hatte ich mir so überlegt.
Das war aber scheinbar nicht ganzheitlich genug. Sie ging
kommentarlos zu ihrer Pan-European hinüber. Ich fand, dass es
ein ganz ordentlicher Anlauf war.
Natur … war doch nicht schlecht.
Körper … Geist. Soma … Psyche. War doch gut. Oder etwa nicht?
Öko und Bio … also alles, wo Bio draufsteht … kommt bei solchen
Leuten auch immer gut an. Vielleicht ein Flässchen Bio-Wein oder
Öko-Sekt. Ich nahm mir vor, bei Hiltrud nachzufragen.
Mit Bio-Wein hatte ich schon einmal gute Erfahrungen gemacht.
Mit dessen Hilfe bin ich bei dieser besagten Gelegenheit weitest-
gehend problemlos bis zu einem weißen Baumwollschlüpfer mit
‚Öko-tex‘ Aufnäher vorgedrungen. O.k … es war dann auch weiter-
hin noch viel Natur im Spiel. Nicht etwa, dass mich das ab-
schrecken würde. Ganz im Gegenteil … in dieser Beziehung bin
ich ein echter Naturfreund. Aber in diesem speziellen Fall war es
dann doch etwas zu viel des Guten. Meine Güte … man soll es
nicht glauben. Jemand, der aus dem Urlaub zurückkommt und
dann zum ersten Mal wieder den Rasen mäht, im Hochsommer
nach drei Wochen Regen … der weiß genau, was ich meine. Die
Natur bricht sich Bahn … rücksichtslos. So sieht‘ s eben aus …
wenn man den Dingen ihren Lauf lässt.

So langsam erschienen immer mehr Teilnehmer auf dem Hof und
beschäftigten sich mit ihren Motorrädern.
Maitour eben … da will man schließlich auch auf die Straße.
Einige Sauerländer taumelten auch schon herum. Selbst der Heinz
war schon auf den Beinen. Auf den Beinen … trifft es ziemlich gut.
Ungefähr so, wie diese frischgeborenen Tierbabys im Vormittags-
programm oder am Ende der Hauptnachrichtensendungen.
So nach dem Motto: Im Wuppertaler Zoo ist die Giraffen-Dame
Pussy, stolze Mutter eines niedlichen Giraffenbabys geworden.
Die Kamera fängt dann immer ein feuchtes, torkelndes und herum-
schwankendes Scheusal ein. Wahlweise gehen auch Antilopen
oder andere vierbeinige Fluchttiere. Total niedlich …!
Was man vom Heinz nicht behaupten konnte. Seine Steh-und
Gehversuche ähnelten zwar denen der Tierkinder im Vormittags-
programm, und feucht war er sicherlich auch … nur niedlich … das
war er ganz sicher nicht.
Ich stellte mir kurz vor, was geschähe, wenn ihn ein Sheriff fragen
würde, ob er mit einer Blutprobe einverstanden wäre. Nur so, rein
aus Neugier, stellte ich mir das vor. Der Heinz würde ihn aus blut-
unterlaufenen Augen anstarren, rülpsen, ihm das Alkoholtestgerät
entreißen, und dann versuchen daraus zu trinken. Das wäre wahr-
scheinlich seine Reaktion … in einem solchen Fall.
Hoffentlich fragt ihn keiner … in den nächsten Stunden.
Rolf wollte auch nicht mehr gefragt werden, in den nächsten
Stunden. Er hatte den Kaffee auf. Im doppelten Sinne …
sozusagen.

Langsam kam Bewegung in die Sache. Spontane Gruppenbildung
setzte ein. Wer mit wem … und wenn ja … warum. Die Harleys
würden von Hiltrud geführt werden. Ja, tatsächlich. Hiltrud über-
nimmt die Führung einer Gruppe. Axel ebenfalls. Dann gab es da
noch drei Eingeborene. Freiwillige Scouts aus der Umgebung.
Nach übereinstimmenden Aussagen von Hiltrud und Axel; was
schon mal grundsätzlich äußerst selten war, handelte es sich bei
den Eingeborenen um ziemliche … Wildsäue. Wildsäue hat Hiltrud
gesagt. Axel hatte dazu nur andeutungsweise genickt, was aber
als eindeutige Zustimmung gewertet werden konnte.
„Mir foahn zügig … sonst mochst koan Sinn“, erklärte uns einer der
Guides … und trat vor seinen Hinterreifen. So wie der Reifen aus-
sah, wäre ich an seiner Stelle etwas vorsichtiger gewesen, mit
solch einer Aussage. Der Reifen war an einer Ducati montiert.
Aber da kommt‘ s dann ohnehin nicht mehr darauf an.
Der nächste Guide war etwas bodenständiger. Der fuhr eine ein-
heimische Marke. Wenn man jetzt Berlin mal zu Bayern rechnet.
Aber so ganz genau nimmt man es ja mittlerweile nicht mehr, mit
dem Produktionsort und dem Firmensitz. Globalisierung eben.
Eine R 1200 S … also eine GS für Bucklige. Nur ohne ordentliches
Fahrwerk. Obwohl es da auch gegenteilige Meinungen gibt.
Aber wem‘ s Spaß macht.
Trotzdem immer noch besser als der alte Nipponhobel der letzten
Wildsau. Das Ding hatte schon Einiges hinter sich … der Fahrer
offensichtlich ebenfalls. Auch wenn ich jetzt nur aus seinen Tattoos
auf seinen bisherigen Lebensweg schließen konnte. Aber man
sollte Menschen nicht nur aufgrund von Äußerlichkeiten beurteilen.
Sagt wer …? Keine Ahnung, aber den hatte man wahrscheinlich
auch noch nie in eine Gemeinschaftszelle mit derartigen
humanoiden Gesamtkunstwerken gesteckt.
Wer die Wahl hat … kann auch schon mal daneben greifen.
Ich entschied mich für die BMW. Das weiß man, was man hat.
Der Fahrer hieß Christoph … oder Christian … oder so ähnlich.
Ist doch egal. Der kannte sich hier aus, und er würde ordentlich
vorlegen. Das reicht doch. Ich machte mich dann auf die Suche
nach weiteren Kandidaten für unser Racing-Team.
Blümchen pflücken war gestern.

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