Maitour (Kapitel 17)

„Die haben hier ein ordentliches Bier“, erklärte uns einer der
Sauerländer. Seinem glasigen Blick nach zu urteilen, hatte er
bereits sämtliche Sorten durchgetestet.
„Kein Bier vor vier!“, meinte Rolf nur. Wo er recht hat …!
Immer langsam, auch wenn wir hier in Bayern waren, wo der
Gerstensaft nach Aussage eines ehemaligen führenden Landes-
politikers zu den Grundnahrungsmitteln zählt … trotzdem sollte
man vielleicht eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legen.
Dietmar schien zu schwächeln.
„Eins geht doch“, versuchte er es. Charly atmete tief durch.
„Natürlich. Bei dir gehen auch zwei. Den Führerschein können sie
dir ja nicht mehr abnehmen“, erklärte Rolf gelassen.
Ich hatte wirklich keine Lust auf diese Diskussion. Wenn man
erstmal anfängt über Grundsatzfragen zu diskutieren … speziell
mit Dietmar, dann artet das fast immer aus. Andererseits, wenn
man den frei herumlaufen lässt … dann darf man sich hinterher
auch nicht wundern, wenn mal wieder das völlige Chaos ausbricht.
„Kommt überhaupt nicht in die Tüte. Wir fahren jetzt weiter. Bier
gibt es nachher noch genug.“ Klemens sprach ein Machtwort.
Dietmar bohrte sich mit dem Mittelfinger andeutungsweise in der
Nase herum. Zwecklos, es war völlig zwecklos. So … durfte man
Dietmar schon mal gar nicht kommen. Charly atmete wieder tief
durch.


Rolf hob ratlos die Hände und blickte Hilfe suchend nach oben.
Ich versuchte mich zu erinnern, was ich erst vor Kurzem in einem
Spezialseminar über Menschenführung gelernt hatte. Validation …
eine spezielle Technik für den Umgang mit schwierigen Persön-
lichkeiten. Ursprünglich eigentlich gedacht für den Umgang mit
Demenzkranken. Man muss die Leute immer dort abholen, wo sie
sich gerade befinden. Rein psychologisch, natürlich.
So viel zur Theorie. Die kannten Dietmar aber nicht. Die Erfinder
dieser tollen Technik.
„Schwing deinen Kadaver auf die Karre. Sonst trete ich dir in den
Arsch … du Pappnase!“, raunzte Charly und funkelte Dietmar böse
an. Nun ja, das war vielleicht nicht genau das, was sie uns in
diesem Seminar beigebracht hatten, aber es funktionierte auch.
Mehr die klassische Methode. Aber Charly hat ja auch nicht die
geringste Ahnung von Psychologie. Handwerker … eben!
Es ging weiter. Gemütlich cruisten wir durch die Gegend. Ich kann
jetzt nicht behaupten, dass mich das irgendwie gestört hätte. Mir
war an diesem Tag auch irgendwie nach Cruisen. Entspannt und
locker durch die Landschaft gondeln. Hin und wieder mache ich
das auch ganz gerne. Reine Formsache. Also … Tagesformsache.
Wenn man so hinter einer dumpf brummelnden Harley herrollt,
dann hat das eine gewisse beruhigende Wirkung. Rolf kutschierte
seine reizende Sozia mit viel Gefühl über die Landstraße.
Sein geschundener Elefant wird sich über die artgerechte Haltung
sicherlich gefreut haben. Hier durfte er mal zeigen, was er wirklich
konnte. Dafür hatte man ihn konstruiert. Stolz blubberte er über die
bestens ausgebaute Landstraße und schleppte seine Besatzung
friedlich und gelassen dem Ziel entgegen. Aber wer braucht schon
ein Ziel, wenn der Weg …?
Wir brauchten eigentlich keines, aber Klemens und sein Navi
sahen das wohl anders. Er blinkte hier, er blinkte dort … und bog
dann auch immer ab. Natürlich … macht ja auch Sinn, aber mir
wäre es lieber gewesen, wenn wir einfach der Straße gefolgt
wären. So wie ich es manchmal mache, wenn ich schön relaxt und
allein durch die Gegend cruise. Immer der Nase nach. Ist doch
egal … alle Wege führen irgendwo hin.
Aber wir hatten schließlich einen Plan … und wenn man einen
Plan hat, dann muss man sich auch daran halten.

Die Triumph hatte keinen Plan. Es war eine Tiger.
Ob es jetzt daran lag … ich weiß es nicht. Tiger und Elefant, das
war wie in der freien Wildbahn. Es überholte wirklich ein bisschen
gewagt, der Tigerdompteur. Seine Sozia kauerte auch wesentlich
verkrampfter hinter ihrem Piloten. Er machte den Lockeren. Mal so
ganz locker vorbei und dann mit einem schönen Schwenk wieder
nach rechts.
Erst an mir vorbei und dann nach rechts … und dann an Rolf
vorbei und wieder rüber. Ganz locker und ganz knapp. Aber wirk-
lich ganz knapp.
Ich blickte in den Rückspiegel. Charly und Dietmar schlossen
schnell auf. Der Tiger setzte schon wieder zum Sprung an.
Klemens war der Nächste. Ein entgegenkommendes Auto ver-
masselte ihm allerdings die Show. Er musste bremsen.
Ein metallisch klingendes und krachendes Klacken erklang. Rolf
stemmte seine Füße wieder auf die Trittbretter. Der Elefant

wackelte leicht und brummte böse und laut auf. Rolf ging in den
Gefechtsmodus. Röhrend wippte das braune Urvieh nach hinten.
Melanie umklammerte erschrocken ihren Chauffeur.
Brüllend, wie es seine Art war, marschierte der Elefant los.
Klemens war wohl auch nicht bereit, sich so ohne Weiteres aus-
kurven zu lassen. Die Tiger kam nicht vorbei.
Nicht mal eben so … so leicht und locker. Die Adventure und die
Tiger lieferten sich ein kleines -Kopf an Kopf -Duell. Der braune
Elefant rannte brüllend hinterher. Wenn der richtig gefordert wird,
dann marschiert der ganz ordentlich. Wenn dieses Urvieh im vollen
Galopp heranstürmt, dann kann ein unbedarfter Blick in den Rück-
spiegel schon mal eine Schreckreaktion hervorrufen.
Wir reden hier von einer gewöhnlichen Landstraße. Das ist dann
so ähnlich wie auf der Autobahn, wenn dort einer dieser Kurier-
sprinter angeschossen kommt. So ein Kleinlaster. Die Dinger
schaffen ja locker 160km/h und mehr. Das ist nun nicht gerade ein
Mördertempo, aber es bringt das gewohnte Schema durch-
einander. Man rechnet einfach nicht damit. Mich erschrecken die
Dinger immer wieder, wenn die auf der linken Spur heranjagen.
So ähnlich muss sich auch der Triumphator vorgekommen sein.
Neben ihm Klemens, der ihn nicht vorbei ließ. Hinter ihm eine
heranjagende braune Schrankwand, die ihn scheinbar zur Seite
schieben wollte. Was sollte er machen? Bremsen ging nicht! Nach
rechts konnte er auch nicht …! Was blieb ihm übrig!?
Ich vergrößerte den Abstand. Spannende Situation, aber nicht
ganz ungefährlich. Die Landstraße war gut ausgebaut und ziemlich
übersichtlich. Aber nicht ganz kurvenlos. Langsam wurde es eng.
Die nächste Kurve war in der Ferne bereits erkennbar.
Mit Warnschild … dieses Kurvenwarnschild.
Rolf riss den Elefanten rüber. Direkt hinter Klemens. Der Tiger-
dompteur bremste und ließ sich zurückfallen. Ich ließ ihm ge-
nügend Platz. Er setzte sich dankbar hinter den braunen Elefanten.
Die ganze Bande verzögerte nun, um die Kurve nicht zu ver-
passen. Ich beobachtete, wie die Tigersozia ihrem Piloten mit einer
Faust auf den Oberschenkel hämmerte. Der war es wohl etwas
warm ums Herz geworden.
Gut gebrüllt … Tiger. Aber schlecht gemacht. Nach der Kurven-
kombination setzte ich mich links neben ihn. Nur mal gucken, was
die Sozia so meinte. Charly fuhr ziemlich dicht auf und hupte mich
an. Gemeinsam überholten wir die nun deutlich langsamer
werdende Triumph und schwenkten elegant nach rechts.
Ganz locker … vielleicht etwas knapp … aber ganz locker.
Dietmar musste natürlich wieder übertreiben und schoss an uns
vorbei. Vielleicht ein bisschen knapp … aber auch ganz locker.
Ach ja, so eine kleine Einlage, während man gemütlich
herumcruist, das hält wach und trainiert die Reflexe.
Allzu locker … ist eben auch nicht immer gut.
Die Tiger verschwand an der nächsten Kreuzung. Klemens führte
uns wieder in ein größeres Dorf. Irgendeine alberne Aufgabe sollte
hier wohl wieder gelöst werden.
Wir hatten neben einem kleinen Biergarten angehalten. Ein paar
Holzbänke und Tische sowie einige riesige Sonnenschirme von
Hacker Pschorr … oder wie die heißen … standen dort herum.
„Ein Radler geht doch, oder?“, fragte Dietmar mit trockenem Mund.
Klemens zögerte kurz, nickte aber dann gnädig. Dietmar steppte
fröhlich in den Biergarten und pflanzte sich erwartungsvoll unter
einen der Sonnenschirme. Wir folgten ihm und machten es uns
ebenfalls gemütlich. Klemens strich den Zettel glatt und begann
damit, uns die nächste Aufgabe zu erläutern.
„Ach, hör’ doch bloß auf … mit dem Scheiß?“, nörgelte Charly und
pfiff schrill auf zwei Fingern. Eine mittelalte Bedienung erschien
daraufhin und nahm zwar freundlich, aber doch irgendwie des-
interessiert, unsere Bestellungen entgegen.
„Der Tigerfahrer hatte Titten!“, behauptete Dietmar.
„Und?“, wollte Klemens wissen.
„Ich mein’ ja nur. Konnte man gut sehen.“
„Du meinst, das war eine Frau?“ Melanie sah ihn überrascht an.
Dietmar zuckte mit den Schultern und nahm einen tiefen Schluck
von seinem Radler.
„So wie der gefahren ist, oder die … kann schon sein“, meinte Rolf.
„Die sind wirklich gefahren … wie Mädchen“, behauptete Charly
dann auch. „Wer sich von ’ner Harley anschieben lässt … das
kann nur ’ne Frau gewesen sein.“
Rolf sah in schweigend und böse an.
„Ich hätte voll draufgehalten. Und dann in der Kurve … von außen
reingedrückt …!“ Dietmar zeigte uns mit beiden Händen, wie er es
gemacht hätte. Klemens sah ihn nachdenklich an und schüttelte
den Kopf. „Das wäre aber ziemlich eng geworden. Ich hätte die
nicht vorbei gelassen.“ Er nahm auch einen tiefen Schluck aus
seinem Glaskrug. Rolf nickte nachdenklich und kratzte sich am
Kopf.
„Aber sonst … seit ihr gesund, oder was? Wir sind hier doch nicht
bei der Tourist Trophy. Das soll doch ein gemütlicher Ausflug sein
und kein Massaker.“ Ich wunderte mich über diesen unverblümten
Schwachsinn. Charly schnaubte leise und wiegte den Kopf hin und
her. Dietmar und Rolf sahen mich verblüfft an.
„Ausgerechnet! Was ist denn mit dir los? Was war denn letztes
Jahr … mit diesen beiden Typen aus Oldenburg?“ Dietmar sah
mich herausfordernd an.
„Die wollten es ja auch wissen. Diese Geradeausschumis.
Außerdem … wer hat denn zuerst gebremst? Was kann ich denn
dafür, wenn die kein ABS haben!“ Ich fühlte mich missverstanden.
„Komm, komm … so war es ja auch nicht. Du hast die eindeutig
provoziert!“ Dietmar wedelte mit dem Zeigefinger herum und
schlug leicht auf die Tischplatte.
„Ist doch egal jetzt. Das war jedenfalls auch kein gemütlicher
Sonntagsausflug. Aber vielleicht ist er ja auch ein wenig klüger
geworden?“ Rolf versuchte die Wogen wieder zu glätten.
„Klüger vielleicht nicht. Aber ruhiger … ruhiger und beherrschter.“
Ich lehnte mich nach vorne und nickte gelassen zu meinem
Kommentar. Ich fühlte mich wirklich ruhiger … an diesem Tag.
Charly und Dietmar lachten und schlugen sich vor Begeisterung
auf die Schenkel.
„Das kannst du jemand erzählen, der sich die Hose mit der Kneif-
zange zumacht. Hör mal, aber jetzt mal ehrlich … haben sie dir
heute Morgen was in den Kaffee getan?“ Dietmar lachte und ver-
schluckte sich fast an seinem Radler. Charly sah Rolf fragend an.
Beide prusteten dann leise los. Die Vorstellung, dass ich in Zukunft
ruhig und beherrscht auf zwei Rädern unterwegs sein könnte,
schien ihnen wirklich völlig absurd vorzukommen.
Ich schwieg beleidigt und war tatsächlich davon überzeugt, einen
gewissen Reifegrad, wenn man es so nennen will, erreicht zu
haben. Irgendwann ist man eben so weit. Da siegt dann die Er-
fahrung tatsächlich über die spontanen Emotionen.
Das gilt für sämtliche Bereiche des Lebens. Zugegeben, in einigen
anderen Bereichen war ich noch nicht ganz so weit. Aber was
meinen Fahrstil anbetraf, da war ich tatsächlich sehr gereift.
Selbstbewusst blickte ich Rolf an. Der sah mich zunächst ebenfalls
ernsthaft an, verzog dann aber das Gesicht und konnte ein Prusten
nur mit Mühe unterdrücken.
„Wenn du dich dann zum Fahrsicherheitstraining beim ADAC an-
meldest … dann sagst du mir Bescheid. Ich komme dann auch mit.
Da wollte ich schon immer mal hin“, grölte Dietmar.
„Geht nicht, da braucht man eine gültige Fahrerlaubnis“, klärte ihn
Rolf freundlich auf. Dietmar verstummte sofort und nahm einen
großen Schluck von seinem Radler.
„Das ist übrigens nicht schlecht. Dieses ADAC-Training. Das habe
ich auch schon mal gemacht“, outete sich Klemens.
Abgründe taten sich hier plötzlich auf. Ich stellte mir vor, wie ich mit
einer Gruppe weiblicher Fahranfänger und einer Horde Zahnärzte
auf nagelneuen Harleys … mit einer gelben Warnweste verkleidet
… im Kreis herumfuhr. Immer schön nach den Regeln der Fahr-
physik. Erst die Theorie … danach dann die praktische Um-
setzung. Immer schön Schritt für Schritt. Logisch, physikalisch und
nach Vorschrift. Eine grauenhafte Vorstellung.
Mir fiel wieder ein, wie ich zum ersten Mal praktische Erfahrungen
mit der Fahrphysik gemacht hatte. Mit 16 Jahren auf einer spontan
gekauften, uralten 500er BMW. Vom Fahrradsattel einer Velosolex
auf die Schorsch-Meier-Sitzbank einer schönen klassischen R 50.
Kein Nummernschild, kein Führerschein und absolut keine Ahnung
von theoretischer Fahrphysik. Antreten, Gas geben und … so was
von auf die Schnauze fliegen … in der ersten Kurve. Da wusste
ich, dass sie existiert … die Fahrphysik. Der Rest war Übung.
Learning by doing. So wie ein Delfin schwimmen lernt, oder ein
Vogel fliegen. Intuitiv und durch Ausprobieren.
Wenn so ein Vogel lernfähig wäre, und die Kollegen vom Vogel-
ADAC würden dem die Grundregeln der Aerodynamik nahebringen
… der würde wahrscheinlich abstürzen … der arme Vogel. Beim
ersten theoretisch korrekten Landeanflug würde der eine Bruch-
landung hinlegen. Der Delfin würde ertrinken und ich würde aus
der Kurve fliegen. Aus diesem Grunde werde ich niemals einen
Lehrgang beim ADAC besuchen. Niemals …!
„Heute Abend spielt eine Liveband!“, sagte Melanie plötzlich. Wir
waren überrascht. „Das hat mir Hiltrud eben verraten, das soll wohl
eine Überraschung werden“, erzählte sie weiter.
„Schön …!“, sagte Klemens. Wir nickten zustimmend. So eine
Liveband ist immer eine feine Sache.
„Welche Richtung denn?“, wollte Rolf wissen, „ich meine, welche
Stilrichtung? Rock? … Country? … Volksmusik? … oder was?“
„Country … wäre mal schön“, freute sich Dietmar.
„Ich glaube … eher Rockmusik“, machte sich Melanie wichtig.
Genau schien sie es aber nicht zu wissen. So ein kleines bisschen
Überraschung … blieb dann ja doch noch.
„Auf diese dämliche Rätselnummer habe ich so wie so keinen
Bock mehr. Lasst uns noch einen kleinen Bogen fahren, und dann
wieder zurück. Ich kriege langsam Durst“, sagte Charly.
Klemens sah uns fragend an. Wir waren uns einig. Klemens rannte
sofort los, um sein Navi neu zu programmieren. Wir warteten dann
noch gelassen ab, bis er damit fertig war, und machten uns dann
wieder auf die Räder. Der Bogen wurde dann doch etwas größer,
und ein richtiger Bogen war es eigentlich auch nicht. Aber wir
fanden tatsächlich wieder zu unserem Ausgangspunkt zurück.
Wir waren dann auch die ersten Rückkehrer. Obwohl wir gute 250
Kilometer an diesem Tag geschafft hatten. Das darf man gar nicht
laut sagen … eine Tagestour von 250 Kilometer. Solche Distanzen
schaffen wir bei den Alpentouren bis zur Mittagspause.
Aber wir waren hier ja nicht im Bikerhotel. Leider …!

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