Maitour (Kapitel 16)

Klemens übernahm natürlich sofort wieder die Führung. Gemäß
dem vorliegenden Plan hätten wir eigentlich in die andere Richtung
fahren müssen. Aber wir hatten uns dafür entschieden, die Anzahl
der Treppenstufen am Rathaus von Oberkatzenbuckel oder so
ähnlich, lediglich zu schätzen. Der Hunger trieb uns direkt zum
festgelegten Mittagstreffpunkt. Irgendwo zwischen Unter-und
Oberhinkelfeld sollte der sein. Die genauen Ortsnamen sind mir
entfallen, aber die spielen auch keine Rolle. Die kann sich ohnehin
kein Mensch merken. Natürlich kamen wir zuerst durch Ober-
hinkelfeld. Rein optisch machte es wahrscheinlich keinen Unter-
schied. Lediglich die berühmte Feststellung: Wenn wir von der
falschen Seite kommen, dann müssen wir auch in die falsche
Richtung abbiegen! … diese immer wieder gerne genommene und
völlig logische Annahme trieb Klemens vorwärts und uns hinterher.

Selbstverständlich wird rechts zu links … wenn oben zu untenwird.
Wie denn sonst? Ja genau … wie denn sonst?Ich weiß es auch nicht.
Mal funktioniert der Trick, dann mal wieder
nicht. Es war Mai und die Mittagssonne gab sich ordentliche Mühe.
Klemens gab sich auch Mühe. Daran lag es ganz sicher nicht.
An einer Einmündung stoppte Klemens … fast jedenfalls. Er stellte
sich auf die Fußrasten und pendelte langsam weiterfahrend und
gleichzeitig spähend die Landstraße entlang. Scheinbar konnte er
aber nichts entdecken. Feld und Flur, Acker-und Weideland, wohin
das Auge auch blickte. Er ließ sich auf die Sitzbank zurückfallen
und gab Gas. Wir hetzten hinterher. Immer die Straße entlang.
Unterhinkelfeld war die nächste Ortschaft. Theoretisch!
Praktisch hieß das Dorf aber anders. Wir stoppten enttäuscht, um
die Realität mit der Theorie abzugleichen.
„Hast du auch Bayern eingegeben?“, wollte Dietmar von Klemens
wissen. Der blickte ihn mehr nachdenklich als irritiert an.
„Pass mal auf …!“, setzte er an. Bevor er allerdings weitere Er-
klärungen abgeben konnte, klingelte Charlys Handy. Charly zog
das Ding mit spitzen Fingern aus seiner Brusttasche und betätigte
ganz vorsichtig mit dem kleinen Finger die Tastatur.
„Hallo … ja … ich bin’s … wer denn sonst?“
Naja, er durfte sich zunächst einmal anhören, wer sich denn sonst
noch so alles in letzter Zeit mit “Hallo … ich bin’s“ … unter dieser
Nummer gemeldet hatte. Charly erträgt den Redeschwall seiner
Ehefrau immer mit stoischem Gleichmut. Immer!
Ein wirklich vorbildliches Verhalten. Die Zeit nimmt er sich einfach.
Er hat scheinbar endgültig verstanden, wie seine Frau funktioniert.
Man darf sie nicht unterbrechen, sondern man muss sie einfach
ausreden lassen. Am Schluss kommt dann oft eine Frage. Diese
Frage kann man, aber man muss sie nicht unbedingt beantworten.
Charly brummelt meistens nur irgendwas vor sich hin.
Seine Frau interpretiert dann diese unverständliche Antwort grund-
sätzlich in ihrem Sinne. Das ist der ganze Trick. Damit kommt er
prima zurecht. Charly macht grundsätzlich immer, was er will.
Aber … er lässt seine Frau ausreden. Das ist ganz wichtig.
„Mmmmhhh …!“, brummte er und schaltete das Handy ab. Das
heißt, er versuchte es, aber es gelang ihm erst nach mehreren
erfolglosen Versuchen.
„Die warten schon auf uns“, erklärte er. Dietmar warf die Arme
hoch und schimpfte. Klemens tippte bereits wieder irgendwelche
Koordinaten in sein Navi. Rolf hatte inzwischen einen Lappen
hervorgekramt und putzte an seinem Elefanten herum.
„Das muss doch irgendwo hier in der Gegend sein!“, fiel mir auf.
„Oberdingenskirchen … hatten wir doch schon. Fahren wir einfach
zurück und dann in die andere Richtung. Geht doch gar nicht
anders.“
„Oder so …!“, sagte Klemens nur und nickte zögerlich.
Die andere Richtung war dann auch die richtige. Die Brockenfelder
hatten ihren alten Kombi neben der Straße auf einer prächtigen
Frühjahrswiese abgestellt. Die Heckklappe war geöffnet und es
gab Leberkäse. Leberkäse mit Semmel. Warum nicht?
Die meisten Leute mögen diesen Leberkäse. Ich nicht.
Ich esse ihn schon, aber ich mag ihn nicht. Ich bin prinzipiell über-
haupt nicht wählerisch, was essbare Dinge angeht.
Kalorienaufnahme ist nun mal notwendig. Essen muss nicht immer
ein Vergnügen sein. Ich kann nicht kochen. Es interessiert mich
auch nicht. Für mich ist das reine Zeitverschwendung.
Das soll nun nicht bedeuten, dass ich etwas gegen rein lukullische
Orgien hätte. Ein schöner gedeckter Tisch mit liebevoll zu-
bereiteten Köstlichkeiten. Immer gerne. Wenn sich jemand dazu
berufen fühlt und Vergnügen dabei empfindet. Nur zu, aber ich
brauche das nicht. Fünf Gabeln und vier Teller. Drei Gläser und
kunstvoll gefaltete Servietten. Schön und gut, aber mir genügt
auch ein ordentlicher Burger in einer Pappschachtel.
Nahrungsaufnahme als kulturelle Veranstaltung.
Kulturhauptstadt Essen. Das muss man erstmal verdauen.
Hier auf der Wiese ging es deutlich bodenständiger zu. Jeder
schnappte sich eine Semmel mit Leberkäse und hockte sich
irgendwo hin. Kulturell grenzwertig, aber völlig ausreichend.
Die Harleys bewiesen einmal mehr, dass sie sich von ihren
proletarischen Brüdern und Schwestern deutlich unterschieden.
Es sind eben oftmals die kleinen Gesten, die den feinen Unter-
schied ausmachen. Ein Pappteller, Messer und Gabel und natür-
lich Servietten.
Vera, Hans-Jürgens Gemahlin, legt Wert auf gepflegte Umgangs-
formen. In ihrem Fall wirkt das auch nicht aufgesetzt. Sie strahlt
eine natürliche Noblesse aus. Wahrscheinlich hat sie sich das über
Jahrzehnte hinweg antrainiert. Ich weiß es nicht, aber es wirkt.
Niemand käme auf die Idee, dass diesem dezent geschminkten
Munde irgendwann einmal böse Wörter entschlüpfen könnten.
Jedenfalls niemand, der sie noch nicht unter dem verderblichen
Einfluss des schnöden Alkohols erleben durfte. Ich durfte schon.
Mein lieber Mann, da kommen aber Sachen, da errötet selbst
Dietmar wie ein Schulmädchen. Wenn die dünne Schale der
bürgerlichen Konventionen bricht, dann spritzt der Urschlamm aber
meterweit. Dann geht selbst Hans-Jürgen in Deckung. Und der
muss sich immerhin ständig mit fluchenden Bauarbeitern herum-
schlagen. Ach ja, die Vera.
Klemens hatte seinen Leberkäse wohl schon verschlungen und
schlich bereits wieder mit seiner Kamera durch die Gegend.
Frauen in engen Lederhosen hatten es ihm wohl angetan. Was
auch immer sie ihm angetan haben, es muss ihn wohl dauerhaft
geprägt haben.
Melanie, Vera und Tatjana trugen Lederhosen. Enge Lederhosen.
Ich muss zugeben, es hat was. Wenn die Dinger richtig ge-
schnitten sind, dann hat es was. Dünne … ich meine natürlich
schlanke Frauen, wirken nicht … in engen Lederhosen.
Da braucht es schon etwas Material, also … etwas mehr Material.
Gut, wenn man die Dinger dann runtergezerrt hat, dann muss man
manchmal ein Auge zudrücken. Mein Trick, der bisher immer ganz
prima funktioniert hat, ist … die Lederjacke anlassen. Bloß nicht die
Jacke ausziehen. Also ihre Jacke … nur öffnen, nicht ausziehen.
Das muss man natürlich ein wenig inszenieren. Also, zuerst aus-
packen. Das Oberteil komplett auspacken. Das hat dann auch
schon mal was. Manchmal!
Dann nur die Jacke wieder drüber und dann … ran an die Hose.
Meistens sind die Jacken ja etwas länger. Die verdecken dann ein
wenig die Regionen, die vielleicht nicht unbedingt … aber es funk-
tioniert. Das kann ich wirklich nur empfehlen. Wer es noch nicht
ausprobiert hat? Macht mal.
Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob das schon in die Abteilung
‚Fetisch’ gehört. Wenn es denn so sein sollte, dann ist es eben so.
Meine Güte, da gibt es doch ganz andere Sachen.
Klemens fotografierte geschickt und schnell. Möglicherweise ver-
größert er die Fotos zuhause und … ich will es gar nicht wissen.

Es war warm. Nicht heiß, nur warm. Tatjana half fleißig dabei mit,
die herumliegenden Pappteller und Flaschen einzusammeln. Sie
hatte, wie auch alle anderen Anwesenden, ihre Jacke ausgezogen.
Ich beobachtete, wie sich ihre Hose spannte, wenn sie sich bückte.
Gleichzeitig bildete sich unübersehbar eine ansehnliche Rolle über
dem Hosenbund. Da hatten wir es wieder. Wenn sie die Jacke
anbehalten würde, dann … aber ist doch egal.

Ein paar Leute fehlten noch. Die Sauerländer waren nicht da und
die Gruppe von Barbara fehlte auch. Aber wir hatten ja noch Zeit.
Ich legte mich auf die Wiese und ließ mir die Sonne ins Gesicht
scheinen. Vorsichtig ablegen, den alten Körper … und schön
einige Minuten relaxen. Hat man jetzt … entspannen war gestern.
Vera lief wichtig in der Gegend herum und erklärte allen möglichen
Leuten, wie schnell sie die Aufgaben gelöst hatten. Sie, die
Harleygruppe. Hiltrud war hocherfreut, dass ihre Rätselrallye so
viel Begeisterung auslöste. Die beiden schnatterten eine ganze
Weile herum und konnten sich gar nicht mehr beruhigen.
Hans-Jürgen kam zu mir und setzte sich hin. Er zog sich das
T-Shirt aus und die Sonnenbrille an. Ich drehte den Kopf und
blinzelte in seine Richtung. Hans-Jürgen stützte sein Kinn mit der
Hand ab und umfasste seinen Ellenbogen mit der anderen Hand.
Die Pose erinnerte mich ein wenig an Rodins ‚Denker’. Ein Denker
mit Harley-Sonnenbrille. Eine wirklich abstrakte mythische Gestalt.
Ich sah mich um. Alle anderen lagen oder saßen unordentlich in
der Gegend herum. Nur Klemens stakste wie ein Schmetterlings-
fänger mit seiner Kamera über die Wiese.
Ach so … hoffentlich bemerkt er ihn auch … und … ja, hat er.
Hans-Jürgen atmete wieder aus und sackte in sich zusammen.
Ich zog auch mein T-Shirt aus und verwendete es als Unterlage.
Die Jacke dann als Kopfkissen und … schön entspannen.
Das genügt mir. Ich brauche keinen Sandstrand irgendwo am
Mittelmeer. Kein klebriges Sonnenöl, keine schreienden Kinder
und schon gar keinen Liegestuhl am gechlorten Pool. Einfach nur
auf der Wiese liegen und relaxen.
Also relaxen, nicht chillen. Chillen ist relaxen mit Kopfhörer. Kopf-
hörer brauche ich auch nicht.
Ich mache fast nie Urlaub. Urlaub wie ihn normale Menschen so
machen dauert gewöhnlich zwei bis drei Wochen. Das klappt bei
mir nie. Wenn ich mal eine ganze Woche aus der Tretmühle
herauskomme, dann ist das schon viel. Das geht nun schon seit
Jahren so. Man gewöhnt sich daran. Deshalb muss ich es immer
irgendwie schaffen, innerhalb kürzester Zeit umzuschalten. Von
Hamsterrad auf Erholung.
Urlaub besteht bei mir aus Momenten wie diesem. Den Kopf vor-
her freifahren von den Alltagsproblemen und dann einfach kurz
abhängen. Die Kommunikation mit dem sozialen Umfeld auf die
rudimentären menschlichen Bedürfnisse reduzieren und bloß keine
Probleme wälzen. Bloß nicht!
Ich lag also so mit geschlossenen Augen auf der Wiese und
relaxte, dass es nur so krachte. Der Krach wurde allerdings von
Rolf verursacht. Der näherte sich und hatte offenbar Melanie im
Schlepptau. Ich hörte, wie sie sagte:“ Ich fahr’ dann bei dir mit.
Wann geht’s denn los?“ Ein Schatten fiel auf mein Gesicht. Ich war
in einem angenehmen Dämmerzustand, so relaxt, wie ich mittler-
weile war.
Die Szene vom Dachboden kroch aus meinem Gedächtnis hoch.
Der Schatten lag immer noch auf meinem Gesicht. Ich stellte mir
vor … und öffnete vorsichtig ein Auge. Mein Blick erfasste aber
nicht, was meine Fantasie nur ziemlich unscharf produzierte.
Stattdessen musste ich den Anblick eines orangen Harley-
Davidson T-Shirts ertragen. Müllmann-Orange.
„Bei uns tragen die Müllmänner auch diese T-Shirts“, murmelte ich.
„Ach, halt doch dein Maul … Kuhtreiber“, knurrte Hans-Jürgen.
„Letztens … da hat einer ne’ Harley bei uns in der Straße ab-
gestellt. Dummerweise war gerade Sperrmüll. Vielleicht haben sie
die aber auch nur aufgeladen … weil sie auch diese T-Shirts an-
hatten. Wäre ja möglich?“, murmelte ich … immer noch relaxt.
„Wann geht’s denn weiter?“, fragte mich Rolf und zog sein Müll-
mann T-Shirt glatt. Rolf kann man mit Harleywitzen nicht mehr aus
der Ruhe bringen. Der kennt sie alle und reagiert gar nicht mehr
darauf. Hans-Jürgen ist da wesentlich empfindlicher.
„Sie fährt bei mir mit, weil ich den bequemsten und besten Sitz
habe und … das schönste Motorrad“, erklärte mir Rolf gelassen.
„Sagt sie das?“, fragte ich … immer noch relaxt.
„Ich sage das!“, grinste Rolf. Ich nahm es einfach so hin.
Rolf und Hans-Jürgen hatten ebenfalls auf den Bikermodus um-
geschaltet. Im normalen Leben müssen die sich auch jeden Tag
mit existenziellen Problemen herumschlagen. Solch ein Motorrad
wochenende ist da fast schon so etwas wie eine Psychotherapie.
Da kann man denn auch die biologische Festplatte mal so richtig
defragmentieren. Der Eine rennt einmal pro Woche zum Psycho-
therapeuten und der Andere kauft sich eine Harley. Ich möchte mal
wirklich gerne wissen, wie viele Psychotherapeuten eine Harley
besitzen … oder eine BMW.

„Oh lord won’t you buy me a … BMW bike.
My friends all drive Harleys, I must make amends.
Worked hard all my lifetime, no help from my friends.
So … oh Lord won’t you buy a …”

Ich krächzte leise den ollen Ohrwurm der guten Janis Joplin vor
mich hin. Es kam einfach so heraus. So etwas regelt das Unter-
bewusstsein völlig autonom. Da kann man nichts machen.
Da kann man schon froh sein, wenn nichts von Edith Piaf hervor-
sprudelt. „Je Ne Regrette Rien“ oder etwas in dieser Art.
Spätestens dann sollte man kurzfristig einen Psychologen auf-
suchen, als Motorradfahrer sogar unbedingt und dringend.
„Isses so weit?“, fragte Hans-Jürgen mit geschlossenen Augen.
Der kompensiert seinen Alltagsstress immer mit dieser Arschloch-
nummer. Wenn man ihn kennt, dann verzeiht man ihm das. Er ist
in Wirklichkeit ein echt feiner Kerl. Wenn ich mal ein Team zu-
sammenstellen müsste … um Pferde zu stehlen oder womöglich
noch gefährlichere Dinge, dann würde ich Hans-Jürgen mit-
nehmen. So ein Typ ist das … in Wirklichkeit.
Wie es schien, war die Erholungsphase nun beendet. Ich stöhnte
und erhob mich. Immerhin waren wir ja zum Spaß hier. Wenn die
Straße ruft, dann muss man diesem Rufe folgen.
„These bikes are made for driving, and that’s just what they’ll do
one of these days.. these bikes.. are gonna drive all over you…”
Ich summte entspannt den nächsten vergewaltigten Titel vor mich
hin und zog mir meine Klamotten an. Hans-Jürgen schüttelte den
Kopf und tippte an seine Stirn. Gute Laune soll doch eigentlich
ansteckend wirken. Er schien aber dagegen geimpft zu sein.
Die Sauerländer waren immer noch nicht aufgetaucht.
Wahrscheinlich hatten sie irgendwo eine ansprechende Lokalität
entdeckt oder … sie waren vom Kurs abgekommen. Sorgen
machte sich deshalb aber niemand. Der Heinz und seine Truppe
kommen schon zurecht. Nordrheinvandalen der alten Schule … die
kann selbst in Bayern niemand aufhalten.
Es ging weiter. Klemens wusste ganz genau, wo wir nun hin
mussten. Gut, vielleicht wusste Klemens auch nicht direkt wohin,
aber sein Navi wusste es.
Bayern ist schön. Die Landschaften, die Straßen und kleinen
Dörfer und … deren Bewohnerinnen. So pauschal stimmt das
natürlich auch nicht. Das mit den Bewohnerinnen. Aber es gibt
schon einige wirklich sehenswerte Exemplare. So etwas haben wir
in unserer Gegend nicht. Diese Dirndlkleider, meine ich.
In einem der Dörfer, die wir durchfuhren, muss wohl gerade
irgendeines dieser Brauchtumsfeste stattgefunden haben.
Jedenfalls waren die weiblichen Dorfschönheiten und ihre
potenziellen Opfer in der traditionellen Kluft der Eingeborenen
unterwegs. Eine wirklich exotische Angelegenheit.
Die verkleidete Dorfjugend strebte geschlossen zu einem Platz,
auf dem ein blau-weiß kariertes Zelt aufgebaut war.
Klemens strebte ebenfalls dorthin. Wir parkten unsere Zweiräder in
der Nähe und stiefelten neugierig näher. Ich kam mir ein bisschen
vor, wie ein europäischer Forschungsreisender, der sich einem
kaum erforschten Eingeborenenstamm in Afrika nähert, um dessen
Initiationsriten zu ergründen. Wir wurden von den Eingeborenen
dort ebenso abschätzend taxiert wie umgekehrt.
Zu meinem großen Erstaunen entdeckte ich einige bekannte
Mopeds hinter dem Zelt. Die Sauerländer …!
Was machten die denn hier?
Nun ja, dieses Fest war auf unseren Rallyezetteln angegeben. Den
Namen des Vorjahressiegers galt es zu ermitteln.
„Was hat der gewonnen?“, wollte Charly wissen.
„Holzhacken … hat der gewonnen. Letztes Jahr“, klärte ihn
Klemens auf. Rolf sah mich an und nickte. Dietmar marschierte
geradewegs in das Zelt. Wir folgten ihm. Im Zelt kochte die Volks-
seele bereits. In der Mitte war eine Art Bühne aufgebaut, auf der
ein Baumstamm quer auf zwei Holzböcken lag. Einige bereits zer-
hackte Exemplare stapelten sich neben und vor der Bühne.
Wie ein mittelalterlicher Henker hatte sich eine unförmige, halb
nackte Gestalt mit einer Axt dort oben aufgebaut.
Es war der Heinz.
Wie angewurzelt blieben wir stehen.
„Was hat der denn vor?“, fragte Rolf entgeistert.
„Jetzt passt mal auf … ihr Seppel … Sauerland ist Powerland“,
grölte der Heinz und gab einem Lederhosentypen, der mit einer
Stoppuhr auf der Bühne stand ein Zeichen. Der hob die Hand und
senkte sie schnell wieder ab. Gleichzeitig betätigte er mit der
anderen Hand eine Stoppuhr.
Der Heinz legte los. Wie ein Berserker drosch er mit der Axt auf
den Baumstamm ein. Es sah ziemlich professionell aus. Die Holz-
brocken flogen nur so durch die Gegend. Die Eingeboren grölten
und freuten sich. Der Heinz wurde schnell langsamer, aber seine
Hiebe trafen weiterhin ziemlich gut. Er wechselte die Seite und
axte weiter auf den Baumstamm ein.
„Der Heinz hat ein Sägewerk bei Welschen Ennest. Der macht das
schon seit seiner Kindheit“, brüllte mir Charly ins Ohr.
„Haben die denn keine Sägen … in Welschen Ennest?“, brüllte ich
zurück. Es war ziemlich laut in dem Zelt. Charly sah mich merk-
würdig an. Welschen Ennest ist so ähnlich wie Bayern. Ich bin dort
versehentlich mal auf einem Schützenfest gelandet.
Oh, wie das fetzt …oh, wie das swingt … wenn der Sauerländer
singt. Da war vielleicht was los! Wenn die einmal losgelassen …
Eigentlich war ich dort auf der Jagd. Jetzt nicht so mit Gewehr und
grünem Hut, sondern mehr auf der Jagd nach der Tochter vom
stellvertretenden Bürgermeister … glaube ich. Oder stellver-
tretenden Vorsitzenden vom Schützenverein … oder irgendwas in
dieser Art. Jedenfalls habe ich sie flachgelegt … die Tochter.
Auf der Wiese hinter dem Schützenzelt. Vier große Gläser Iser-
lohner Pilsener hineingeschüttet, in die Tochter … und dann … es
war ziemlich schwierig den Rhythmus der Blaskapelle in diesem
Schützenzelt zu ignorieren. Aber wo ein Wille ist …!
Das war alles ein ziemlicher Zufall und es ist auch schon eine
Weile her. Aber ich glaube, dass die Leute in Welschen Ennest
ihre Töchter benutzen, um frisches Blut in die Gegend zu locken.
Bei mir hätte das auch fast geklappt. Fast …!
Am Tag danach … hat sie mich ihrer Familie vorgestellt. Die haben
mir sofort einen eigenen Stuhl an den Esstisch in der Wohnküche
hingestellt. Echt nette Leute … nur ein wenig sehr konservativ.
Das war das einzige Mal, wo ich dann bei kaltem Motor die Gänge
bis zum Anschlag ausgedreht habe. Es war eine allerdings eine
Yamaha … da kann man das schon mal machen.
Da brauche ich mich jedenfalls nicht mehr sehen zu lassen.

Der Heinz hackte weiter auf den Baumstamm ein. Mittlerweile
hatte er einen ziemlich roten Kopf und schwitzte wie ein Schwein.
Schwitzende halb nackte Männer sollen ja gelegentlich erotische
Gefühle bei vielen Frauen auslösen. Das ist vielleicht auch mit ein
Grund für derartige Spektakel. Der schwitzende halb nackte Heinz
hat unter Garantie keinerlei erotische Gefühle bei irgendeiner der
anwesenden weiblichen Zuschauerinnen ausgelöst. Wenn doch …
dann hätte mich das wirklich sehr gewundert. Ein dickbäuchiger,
älterer Kerl mit Hosenträgern und Halbglatze. Selbst in Thailand
würden die Mädels von dem einen Zuschlag fordern. Wobei die
dort bekanntermaßen ja ziemlich schmerzfrei sein sollen. Aber
trotzdem.
Es hat dann auch nicht ganz gereicht. Der Heinz war wohl nicht
schlecht, aber zum Tagessieg hat es dennoch nicht gereicht.
Er hieß übrigens Josef … der Sieger vom letzten Jahr. Der hatte
auch in diesem Jahr die Bestzeit vorgelegt. Er war schon ein
strammer Bursche, der Josef … hat Melanie gemeint. Die muss es
ja wissen. Rolf hatte dazu auch keine Meinung. Holzhacken ist
eben nicht unbedingt unsere Stärke. Wir haben Gasheizung …
Gas geben ist eben mehr unser Ding.

8 Kommentare zu „Maitour (Kapitel 16)“

  • Weiter so….! Ich warte immer noch auf diesen angekündigten “Markus” ;-)

  • kuhjote:

    Also…falls dieser Markus tatsächlich auftauchen sollte, wird das wahrscheinlich zuerst im GS-Forum tun. Also natürlich nur … falls er überhaupt auftauchen sollte ….

  • LFire666:

    Ich finde es toll von “normalen” Menschen zu lesen,
    in Geschichten die von “normalen” Leuten geschrieben wurden!

    Hab das “Bikerhotel” schon zuhause, obwohl ich eigentlich schon alles im GS-Forum gelesen hatte, aber wer arbeitet soll gerechten Lohn für seine Mühen erhalten! :-)

    Jetzt die große Frage: “Wann kommt die “Maitour” als Buch raus?”
    Ich warte schon drauf!

    Gruß und mach weiter so, Lutz

  • kuhjote:

    Da kommt ein Stichwort! Was ist schon …NORMAL…?
    Wenn ich es “literarisch” kategorisieren müsste, würde ich sagen: Leicht modifizierte klassische “Arbeiterprosa” mit lakonischen Dialogen. Da der klassische Arbeiter allerdings vom “moderneren Angestellten” abgelöst wurde, könnte man das Ganze auch als “Angestelltenprosa” bezeichnen. Ich bemühe mich jedenfalls ständig, irgendwelche pseudo-intellektuellen Anflüge zu unterdrücken. Immer schön auf dem Teppich, bzw. auf der Straße bleiben. O.k … manchmal würde ich schon ganz gerne … aber … ich bin eben nur ein Amateur. Ambitioniert vielleicht … aber trotzdem nur ein Amateur. Leider!
    Die Frage nach der “Maitour” als Buch?
    Ich weiß es noch nicht. Mir persönlich gefällt die Geschichte bisher noch nicht so richtig. Mein ganz persönlicher Ehrgeiz steht mir hier ein wenig im Weg. Wenn ich mehr Zeit investieren könnte, dann würde ich noch eine ganze Menge verändern.
    Aber “umschreiben” dauert noch länger, als eine komplett neue Geschichte zu verfassen.
    Um diesen inneren Konflikt zu lösen … schreibe ich einfach parallel an einer wesentlich “anspruchsvolleren” Geschichte. Allerdings ein völlig anderes Genre.
    DIE … bekommt aber vorläufig kein Mensch zu Gesicht.

  • manfred scherr:

    Amateur
    das ist das schöne das es ein “Ambitionierter Armateur ” schrebt.

    Gruß Scherry

  • Petra Klöckner:

    Also Mischa, erste Sahne Dein Schreibstil … das einzige was mir Wehmut verursacht ist, dass die Bayern immer irgendwie als halbe Urzeit- und Urwalbewohner wegkommen …. Ich weiß ja, dass Deutschland diese Meinung teilt, aber mein Gefühl sagt mir, dass es einige der Maitourer gibt, die sehr gerne in Bayern verweilt sind …

    … is ja auch ‘ne schöne Gegend dieses Bayern so am Rande der Alpen … oder …..????

    Gruß und Bussal

  • kuhjote:

    Um des Himmels Willen. Die Bayern sind mir lieb und teuer. Tolle Landschaften, nette Menschen und überhaupt … Bayern ist toll. Der Wastl ist ja nun auch kein typischer Vertreter seines Stammes. Wobei seine Herkunft nach wie vor im Dunkel der Geschichte verschwimmt. Was die Brauchtumspflege angeht … da kenne ich aus meiner rheinischen Heimat schlimmere Dinge. Karneval und Schützenfeste zum Beispiel. Aber … wenn man schon mal vor Ort ist, dann kann man diese Dinge doch auch beschreiben.
    Also … nichts gegen Land und Leute im schönen Bayern. Ich glaube auch nicht, dass der Rest der Republik das anders sieht.
    Naja … einige verirrte Seelen vielleicht…aber sicherlich nicht die Mehrheit.
    Aber so ganz genau … weiß ich das natürlich auch nicht.***

  • iserlohner:

    hurra,
    ich bin bekannt!
    es ist mir eine ehre in deiner geschichte genannt zu werden.
    grüße aus dem sauerland
    der iserlohner

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