Maitour (Kapitel 14)
Wer allerdings nicht an uns vorüberging, das war Udo. Er
blubberte schon wieder, aber wahrscheinlich eher immer noch,
ununterbrochen und mit monotoner Stimme seine Halbmonologe
vor sich hin. Klemens blickte nur kurz hoch, schnappte sich sein
Navi und seine Kamera und verschwand wortlos. Rolf nickte ihm
aufmunternd zu und verschwand dann ebenfalls. Ich versuchte
dann auch, mich unauffällig davonzustehlen. Udo ließ sich aber
nicht so schnell abschütteln.
Mit dem schnatternden Udo im Schlepptau begab ich mich zu
meiner Gelben. Ich fummelte ein wenig herum, bückte mich, stand
wieder auf und umkreiste dann mein Motorrad. Udo folgte mir wie
ein Schatten. Gelegentlich nickend nahm ich die Sitzbank ab und
begann damit, mein Bordwerkzeug zu inspizieren. Das war wohl
ein Fehler. Udo ist ein ausgesprochener Hobbyschrauber.
In meiner Not griff ich zu meinem Handy, um die Mailbox abzu-
hören. Das schien tatsächlich zu funktionieren. Udo verstummte
kurz und beschäftigte sich interessiert mit meiner Werkzeugrolle.
Ich entfernte mich angestrengt lauschend und mit langsamen
Schritten. Udo folgte mir diesmal nicht.
Meinhard hatte wohl mehrfach versucht, mich zu erreichen. Eine
richtige Nachricht hatte er nicht hinterlassen, nur die Drohung es
später noch einmal zu versuchen. Irgendwie klang er aber be-
unruhigt.
Meinhard klingt sonst nie beunruhigt. Das hätte mir eigentlich zu
Denken geben sollen.
Ein anderes Ereignis lenkte meine Aufmerksamkeit allerdings in
diesem Moment von der Mailbox und Meinhard ab. Frau Flodder
tauchte plötzlich auf. Eine imposante weibliche Erscheinung
knatterte auf einem uralten Moped mit Anhänger heran. Sie trug
eine Kittelschürze, eine grüne Strickweste und Gummistiefel. Über
dem zerknitterten und gewaltigen Bäuerinnenschädel leuchtete ein
buntes Kopftuch. Eines dieser Kopftücher, wie es diese fleißigen
russischen Kolchosen-Arbeiterinnen immer trugen. Damals, als sie
noch Hammer und Sichel schwangen.
Hiltrud beeilte sich, die Dame zu begrüßen. Die schien allerdings
keine allzu gute Laune zu haben. Ziemlich aufgebracht nörgelte sie
irgendwas in einem schwer verständlichen Dialekt.
Hiltrud nickte entsetzt und blickte sich suchend um. Als sie mich
entdeckte, winkte sie mich aufgeregt heran.
„Hör mal, habt ihr dem Wastl Alkohol gegeben?“, wollte sie wissen.
Ich schüttelte unwissend den Kopf und zuckte hilflos mit den
Schultern. „Keine Ahnung glaub’ ich nicht. Also … nicht, dass ich
wüsste“, log ich mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck.
Die unförmige Bäuerin sah mich finster an. Mir lief ein Schauer
über den Rücken. Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum. Der
arme Wastl.
Mir fiel auch direkt wieder der entlaufene Zirkusgorilla ein.
Wem ist das noch nie passiert? Ich meine, dass man am nächsten
Morgen plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen hat.
Hier hatten wir es allerdings mit einem wirklichen extremen Fall zu
tun. Der haarige Urwaldbewohner wird beim ersten Tageslicht
wahrscheinlich panisch in seinen Käfig zurückgeflüchtet sein.
Damals, nachdem er seinen Fehlgriff bemerkt hatte.
Aber vielleicht ist es ja auch vollkommener Quatsch. Vielleicht gab
es überhaupt keinen Gorilla. Wer weiß das schon so genau?
Andererseits … selbst wenn man sämtliche mildernden Umstände
und denkbaren Eventualitäten berücksichtigen würde. Absolut
undenkbar, dass ein Angehöriger der Spezies „Homo sapiens“ …
Was man allerdings auch nicht außer Acht lassen durfte, wir waren
hier in Bayern. In diesen abgelegenen Dörfern gedeihen scheinbar
viele gut an die Umweltbedingungen adaptierte Phänotypen.
Vierschrötig passt ganz gut. Oder vielleicht besser … grobknochig
… oder noch besser … grobschlächtig. So aus der Nähe fast
furchterregend grobschlächtig. Wenn der berüchtigte Plastinator
unter Aufbietung aller seiner Möglichkeiten hier einmal Hand an-
legen sollte. Das Ergebnis seiner Arbeit würde dann einzig und
allein im Neandertalmuseum einen würdigen Platz finden können.
Ganz ähnliche Exponate habe ich dort schon gesehen.
Die kernige Alte war richtig aufgebracht.
Narrisch wäre er wohl gewesen, der Wastl. Völlig narrisch …
nachdem er gestern Abend mit dem Traktor fast bis in die gute
Stube gefahren sein soll. So etwas mache er sonst nie. Be-
hauptete seine besorgte Mutter jedenfalls.
Weiter vor sich hin schimpfend stapfte sie zu ihrem Gespann
zurück. Sie wuchtete ihren gewaltigen Körper auf das bedrohlich
knirschende Kleinkraftrad und tuckerte mit dem seltsamen Gefährt
einen schmalen Weg entlang. Am Ende dieses Weges duckte sich
ein niedriger und heruntergekommener Flachbau in die Land-
schaft. Dort angekommen hob sie einige kleine Kunststofffässer
von dem Anhänger, um die dann in das Gebäude zu schleppen.
„Sie füttert die Schweine“, erklärte Hiltrud der kleinen Gruppe, die
sich mittlerweile um sie geschart hatte.
„Mein lieber Herr Gesangverein … mit der möchte ich aber auch
keinen Streit bekommen“, bemerkte einer der Sauerländer ein-
geschüchtert. Der Heinz starrte ebenfalls nachdenklich zu dem
Gebäude herüber. Vermutlich versuchte er den gestrigen Abend
aus den wenigen noch vorhandenen Gedächtnisbruckstücken, zu
rekonstruieren.
„Dem geb’ ich nichts mehr. Ich bin doch nicht verrückt“, erinnerte
er sich dann scheinbar doch noch an seine grob fahrlässige Ein-
ladung. Er hatte inzwischen wohl den Grund dieses Auftritts er-
fahren.
Mittlerweile hatten die ersten Gruppen das Gelände verlassen. Sie
hielten sich allerdings nicht an die detaillierten Startvorgaben
sondern hatten den ausgeklügelten Plan wohl etwas modifiziert.
„Dann sollten wir vielleicht auch mal langsam …“, murmelte
Dietmar. Charlys Frau war es in der Zwischenzeit gelungen, ihren
dösenden Ehemann zu mobilisieren. Die wusste eben ziemlich
genau, welche Tricks man da anwenden musste. Der gute Charly
schlurfte bereits mit seinem ollen Helm auf dem Kopf herum. Ein
eindeutiges Zeichen. Er war bereit.
Axel war auch bereit. Gemeinsam mit Hiltrud musste er nun für
Ordnung sorgen. Getränke und Verpflegung organisieren. Auf-
räumen … was eben so anfällt, am Tag danach und davor. Die
Begeisterung war im deutlich anzusehen. Ich war ziemlich froh,
dass wir nun in Kürze verschwinden würden. Die beiden geraten
sich ständig in die Haare. Da scheppert es dann aber richtig. Wenn
man das einmal miterlebt hat, dann kann man auf eine Wieder-
holung gut verzichten. Erstaunlich, wie strapazierfähig manche
Beziehungen sind.
Strapazierfähig war eigentlich auch die richtige Bezeichnung für
die 1200er GS Adventure von Klemens. Im letzten Jahr ist er auf
die glorreiche Idee verfallen, sich dieses prächtige Moped zuzu-
legen. Wenn schon, denn schon … und zwar mit allem Schnick
und Schnack. Wenn man es sich leisten kann, ist das sicher keine
falsche Entscheidung. Klemens kann es sich leisten. Was er genau
macht … weiß eigentlich niemand so richtig. Beruflich, meine ich.
Was er allerdings im Moment so genau machte, war auch nicht so
einfach zu erkennen. Klemens ist sicherlich kein Riese. Genau
genommen ist er sogar eher … kleinwüchsig wäre übertrieben,
aber er zählt sicher auch nicht zu den groß Gewachsenen.
In Fachkreisen munkelt man ja, dass eine Körperlänge von
mindestens 1,90 m eine, vielleicht sogar die einzige Basisvoraus-
setzung für einen Adventurefahrer ist.
Da fehlen dem guten Klemens dann allerdings einige Zentimeter.
Zumindest was die Gesamtlänge des kompletten Klemens angeht.
Andere Teilmaße sollen überdurchschnittlich sein … habe er
jedenfalls behauptet, wie mir Barbara im Vertrauen mitgeteilt hatte.
Wie dem auch sei, das würde ihm hier auch nicht helfen.
Er hatte seine Adventure umgeworfen. Ja, er hatte sie tatsächlich
und mit Absicht umgeworfen. Zumindest behauptete er das. Das
gute Stück lag jedenfalls auf der Wiese und ruhte sowohl auf
seinen zahlreichen Sturzbügeln, als auch auf den Alukoffern.
Klemens demonstrierte den Sauerländern, wie man eine um-
gefallene Adventure ohne fremde Hilfe wieder auf die Räder stellt.
Rückwärts herantreten, in die Hocke gehen … und dann … hoch
mit dem Ding. Das funktionierte tatsächlich, aber danach kippte sie
sofort auf die andere Seite. Und da lag sie dann wieder.
Wir bildeten einen Kreis um den Künstler und sein Werk und be-
staunten ehrfürchtig sein Treiben. Rolf war echt beeindruckt.
Der hatte auch gelegentlich schon das Vergnügen gehabt, seine
ihm entglittene E-Glide wieder aufrichten zu müssen. Ohne die
Hilfe von Dritten war ihm das bisher aber noch nie gelungen.
Die Adventure ruhte momentan auf ihrer rechten Seite. Das war
ganz praktisch, denn nun konnte Klemens den Seitenständer aus-
klappen, und es somit bei nur noch einer Demonstration belassen.
Wir nickten anerkennend und klopften ihm auf die Schulter.
Klein aber fleißig. Oder … wenn es an der Länge fehlt, dann muss
man das eben durch Raffinesse und Fleiß wieder ausgleichen.
Eigentlich ein typischer Frauenspruch … scheint aber zu stimmen.
Ich habe solche Probleme nicht. Bei der normalen GS reichen
auch 1,86 m.
Die Sauerländer sammelten sich nach dieser zweifellos auf-
schlussreichen Vorführung bei ihren Maschinen. Zumeist ältere
japanische Modelle. Der Sauerländer an sich, ist ein bescheidener
Mensch. Dem genügt auch die Technik der späten 90er Jahre.
Der Heinz fuhr immer noch seine Honda F6C Valkyrie. Eine Art
Goldwing ohne Verkleidung. Das Beste an der Schüssel war der
sechsrohrige Auspuff. Der TÜV hatte zwar leichte Bedenken an-
gemeldet, aber der Heinz hatte es trotzdem irgendwie hin-
bekommen. Das Ding marschiert erstaunlich gut. Auf der Geraden
zieht der Eimer ganz ordentlich los … kein Wunder, bei sechs
Zylindern mit jeweils 250ccm. Mehr als 130 Newtonmeter Dreh-
moment bei einem Trockengewicht von knapp 300 kg. Da geht
was … wenn man es kann. Der Heinz kann es … der scheucht den
wackligen Eisenhaufen über die Landstraße, dass selbst einem
alten GSler die Augen tränen. Der lässt einen nicht vorbei, der
Heinz. Der parkt die Kurven zu und anschließend zieht er ab. Der
hat schon eine Menge Leute auf deutlich flinkeren Geräten nahezu
in den Wahnsinn getrieben.
Zuhause im Sauerland allerdings, dort, wo er sich auskennt.
Klemens war inzwischen startklar. Er hatte sein Navi aktiviert und
war auf seine Adventure geklettert. Er turnte dort ein bisschen
herum und gab uns eindeutige Zeichen. Klemens bleibt gerne in
Bewegung. Das Anhalten fällt ihm immer ein bisschen schwer.
Solange er seinen rechten Fuß auf einen Bordstein stellen kann,
alles kein Problem. Aber überall gibt es nun mal keine Bordsteine.
Schon im letzten Jahr hatte er uns durch überraschende Stuntein-
lagen verblüfft. Wie gesagt, fehlende Körpergröße kann man
wenigstens teilweise durch Geschicklichkeit wettmachen.
Wir hatten uns dann endlich auch formiert und Klemens überließ
es seiner davonspringenden Adventure, den stabilisierenden
Hauptständer wegzuklappen. Einige Brocken flogen schon durch
die Gegend. Aber das muss wohl so sein, wenn man diese TKC-
Reifen aufgezogen hat.
Klemens’ Navi schien eine spezielle Outdoor-Software besessen
zu haben. Straßen erster und zweiter Ordnung schien es nicht zu
kennen. Wir fuhren zunächst über ziemlich schmale, aber immer-
hin weitgehend asphaltierte Strecken. Es ist ja jetzt nicht so, dass
man mit einer GS auf schlechten Wegstrecken schnell Probleme
bekommt. Auf der Sicht eines E-Gliders sieht die Sache dann
allerdings ein wenig anders aus. Rolf schont sein Monstrum in der
Regel wirklich nicht. Nur fahrwerksmäßig ist er echt im Nachteil.
Auf Feldwegen fühlt er sich ziemlich unwohl. Was ich im Übrigen
absolut nachvollziehen kann. Das ist dann wirklich keine art-
gerechte Haltung mehr. So mal eben auf die Trittbretter stellen,
das ist nicht ganz so einfach. Die eigenartige Luftfederung des
Hinterrades ist auch nur bedingt in der Lage, tiefe Löcher mal eben
so wegzubügeln. Kleinere Schlammpassagen reichen völlig aus,
um das nur angedeutete Profil dieser dann ehemaligen Weißwand-
reifen zu neutralisieren. Der erste richtige Waldweg war dann auch
direkt sein letzter. Der braune Elefant stürzte sich dann völlig ver-
zweifelt und am Ende seiner Kräfte in ein Gebüsch, in dem er
dann, einmal noch kurz aufröchelnd, scheinbar bewusstlos liegen
blieb. Ende der Fahnenstange. No way!
Rolf lag direkt daneben. Ihm erging es nicht anders als seinem
treuen Gefährten. Mit dem einzigen kleinen Unterschied, dass er
eben nicht bewusstlos, sondern ganz im Gegenteil, äußerst
lebendig war. Selten habe ich aus seinem Mund derartig unflätige
Flüche vernehmen dürfen. Ich wusste gar nicht, dass er über ein
derartig unterirdisches Vokabular verfügte.
Diese Harleyfahrer vergessen scheinbar komplett ihre gute Kinder-
stube, wenn ihre Gefährte scheinbar vorsätzlich geschändet
werden. Klemens, der inzwischen bemerkt hatte, dass ihm einige
Nachfolger abhandengekommen waren, erschien am Elefanten-
friedhof. Nun, vielleicht nicht direkt Friedhof, aber mindestens
Krankenbett. Nur mit Mühe konnte ich den tobenden Rolf davon
abhalten, den erstaunten Klemens von dessen entspannt vor sich
hinbrummelnden Adventure zu zerren.
Hier trafen Welten aufeinander. Erdferkel gegen Cruiser. Wenn
auch Hardcore-Cruiser … aber trotzdem.
„Du hast wohl nicht mehr alle Latten am Zaun. Warum bindest du
dir nicht direkt einen Pflug an die Karre. Da fährt dieser Wahn-
sinnige über den Acker, als ob er Zuckerrüben ernten wollte. Wir
sind hier doch nicht auf einer Urwaldexpedition. Das ist eine Harley
und kein Unimog!“ Rolf starrte wütend und verzweifelt auf seinen
niedergestreckten Elefanten. Der ließ traurig seine Antennen
hängen und streckte seine lehmverschmierten Elefantenfüße hilf-
los aus dem Gebüsch. Ein fast Herz zerreißender Anblick.
Ich mochte den Elefanten. Nicht etwa, dass ich mir auch einen
zulegen würde. Aber er war ein Kämpfer. Im Rahmen seiner
Möglichkeiten natürlich, aber ein Kämpfer. Sicherlich lag das auch
zu einem großen Teil an seinem Besitzer. Aber man sollte immer
fair bleiben. Das hier ging gar nicht. Ich fühlte mich auch ein biss-
chen schuldig.
Mit vereinten Kräften zerrten wir dann das braune Ungetüm aus
dem Gebüsch. Eines seiner Glupschaugen hatte er eingebüßt. Ein
paar kleinere Kratzer hatte er ebenfalls abbekommen, aber dafür
zierte eine Menge Grünzeug seinen zerklüfteten Körper.
Nur mit viel Mühe konnte Rolf ihn überreden, wieder ins Leben
zurückzukehren. Das verdammte Ding wollte nicht mehr an-
springen. Quecksilbernotschalter, Vergaser … was weiß ich.
Irgend so ein Harley Firlefanz. Aber nach längerem Bemühen er-
wachte er wieder zum Leben. Wütend trompete er seinen Unmut in
die Gegend. Egal … Hauptsache er war wieder dabei.
Wir fuhren vorsichtig und behutsam zur letzen Abzweigung zurück,
Der Elefant wankte zwar aber er stürzte nicht. Wie gesagt, ein
Kämpfer. Auch in wahrhaft feindlichem Gelände. Ich bin stolz, mit
ihm gemeinsam gefahren zu sein. Andere hätten aufgegeben.

Also die Nummer mit dem Elefantenfriedhof und dem treuen Gefährten Rolf hat mich jetzt echt weggehaun hi hi
Von dieser Lachattacke werd ich mich nur schwer wieder erholen …..
Mach weiter so … beim Lesen rücken echt alle eventuell vorhandenen Probleme in weite Ferne … ich danke dir …