Maitour (Kapitel 13)

Die Nacht verlief so, wie alle Nächte bei den Maitouren so ver-
laufen. Die eine Hälfte der Teilnehmer versucht zu schlafen, und
die andere Hälfte versucht dann etwas später, es der ersten Hälfte
gleichzutun. Naturgemäß ein wenig angeschlagen … und nicht
unbedingt allzu rücksichtsvoll.
Diese nahezu unsichtbaren Zeltschnüre sind nun mal teuflische
Stolperfallen. Der Erfinder einer phosphoreszierenden Zeltschnur
wird ein Vermögen machen … in einer hoffentlich nicht allzu fernen
Zukunft. Bis dahin werde ich auf diversen Heuböden nächtigen.
Die Heubodenmannschaft war dann auch irgendwann vollzählig
versammelt. Es müssen Hunderte gewesen sein. Wenn man jetzt
nur mal von der Geräuschentwicklung ausgeht. Obwohl ich vorher keinerlei Abspannschnüre auf dem Heuboden
bemerkt hatte, schienen einige der Kollegen trotzdem massive
Probleme mit ihrem Gleichgewichtssinn bekommen zu haben.
Wenn so ein Heinz dann plötzlich und ungewollt aus der Senk-
rechten kippt und nur ganz knapp neben seiner Matratze auf-
schlägt … dann bebt die Erde. Die Erde bebte allerdings auch
schon vorher, zwar nur leicht, aber das lag wahrscheinlich an der
Holztreppe. Trittschallentkopplung stand wohl nicht in der Bau-
beschreibung. Ich versteckte mich sicherheitshalber komplett in
meinem Schlafsack. Ich vermutete, dass die derart auf-
gescheuchten Riesenspinnen in ihrer Panik nun alles attackieren
würden, was ihnen in die Quere kam. Die reagieren ja ganz be-
sonders auf Schwingungen und Vibrationen.
Dem Heinz würde demnach eine schwere Nacht bevorstehen.
Der produzierte nämlich dauerhaft weiterhin Schwingungen und
Vibrationen. Der Bursche schnarchte wie ein asthmakrankes Ni-l
pferd. Ich hoffte inständig, dass die aufgescheuchten Achtbeiner in
Kompaniestärke über ihn herfallen, und ihn innerhalb der nächsten
Stunden verflüssigen würden. Ich hatte kein bisschen Mitleid mit
dem röchelnden Schnarchsack. Höchstens mit den Spinnen.
Aber auch diese Nacht war am nächsten Morgen überstanden.
Die Spinnen hatten sich wohl doch nicht an den Heinz heran-
gewagt sondern feige die Flucht ergriffen. Vielleicht hatten die
schlauen Viecher aber auch einen Vorkoster ausgeguckt und vor-
geschickt. Eine tote Spinne entdeckte der Heinz jedenfalls auf
seinem Schlafsack. Alkoholvergiftung … vermutlich.
Er schändete das tote Tier pietätlos, indem er die kreischende
Melanie mit der Leiche bedrohte. Die flüchtete die Treppe hinunter,
verfolgt von dem hämisch grölenden Unhold.
Der stoppte dann aber an der Holztreppe und schleuderte den
Kadaver hinunter. Kreischend hüpfte die vor der Dusche wartende
Christine zur Seite.
„Iiihhh … du Schwein!“, schrie sie entsetzt. Ich hatte den Eindruck
ein klatschendes Geräusch zu vernehmen, als die tote Spinne auf
dem Boden aufschlug. Vielleicht waren es aber auch nur die Lauf-
geräusche des platt-und barfüßigen Heinz, der scheinbar befriedigt
zu seiner Matratze zurückkehrte. Er kratzte sich währenddessen
ausgiebig am S …!
Am Skrotum … sagt der Lateiner wohl. Das hört sich aber auch nur
geringfügig vornehmer an.
Diese etwas rustikalen Umgangsformen gehören einfach dazu.
Sonst macht die ganze Sache doch keinen Spaß. Dem Heinz
jedenfalls nicht. Der lässt immer gerne den Proll heraushängen …
allerdings auch nur den Proll … die anderen Sachen lässt er immer
schön an Ort und Stelle. Es gibt eben auch Grenzen des
schlechten Geschmacks. Die kennt er dann schon … der Heinz.
Apropos, schlechter Geschmack. Ich griff mir meine Zahnbürste
um diesen loszuwerden und bei dieser Gelegenheit dann auch
direkt, die unbedingt notwendige Katzenwäsche durchzuführen.
Die Dusche konnte man abhaken. Erfahrungsgemäß steht dort
mindestens eine Hälfte der Kollegen Schlange. Die Hälfte nämlich,
die dann auch schon in der Nacht am Schlafen gehindert wurde.
Mir reichte das Handwaschbecken auf der Toilette. Nicht nur mir,
sondern auch einigen anderen Teilnehmern. Diesen Ganzkörper-
waschzwang kann man auch mal ein paar Tage unterdrücken …
wenn man keine eindeutigen Absichten verfolgt. Ich nahm mir vor,
erst am Abend die Dusche aufzusuchen. Man kann ja nie wissen!
„Und … wie hast du geschlafen?“, wollte Jerome wissen. Er hockte
mit einigen Leuten bereits an einem der Tische im Festsaal. Ich
hatte mir einen Kaffee geholt und hockte mich daneben. Hiltrud
rannte eifrig herum und bastelte eine Art Frühstücksbuffet auf der
Theke zusammen. Semmel, Wurst, Käse, Marmelade … eben
alles, was der Mensch so braucht. Es gab sogar gekochte Eier. Da
konnte man wirklich nicht meckern.
„Ganz gut. Wo bist du eigentlich abgeblieben?“, wollte ich von
Jerome wissen.
“Er hat bei mir im Zelt gepennt“, erklärte Rolf und packte sich
seinen Teller an der Theke voll. Ich nickte. Sie waren immerhin
Cousins, da hat man so was ja öfter. Mir fiel direkt eine meiner
Cousinen ein. Mit der hatte ich auch mal in einem Zelt übernachtet.
Früher, als ich noch geglaubt habe, dass man mit Cousinen …
also, dass es quasi Inzest wäre … wenn man mit der eigenen
Cousine. Es hat mich länger verfolgt … so lange zumindest, bis ich
erfahren habe, dass ich wohl umsonst gebangt hatte. Der Cousine
habe ich das nicht mitgeteilt. Soll die doch alleine dahinterkommen
… immerhin war ich der Minderjährige … damals. Gebeichtet habe
ich das damals auch nicht, obwohl es den Pastor sicherlich
interessiert hätte. Solche Dinge haben den brennend interessiert.
Das haben mir meine damaligen Messdienerkumpels jedenfalls
erzählt. Man darf allerdings auch nicht immer alles glauben, was
einem in der Kirche so erzählt wird.
Die Cousine hatte jedenfalls dunkle Haare … schöne dunkle Haare
und ich hatte nicht die allergeringste Ahnung … aber egal.
Ich hatte plötzlich ein Haar im Mund. Ich fummelte herum, bis ich
es zwischen den Fingern hielt. Ein schönes kurzes dunkles Haar.
Ich starrte das Haar nachdenklich an. Rolf beobachtete mich
interessiert.
„Ich finde es besser, wenn sie rasiert sind“, erklärte er mir.
„Wer … die Kühe?“, wollte ich wissen, denn das Haar musste wohl
in der Butter gewesen sein.
Sie hieß Marion, also nicht die Kuh sondern die Cousine.
Inzwischen ist sie zweimal geschieden und hat drei Kinder. Ich
versuchte, das Haar davon zu schnipsen. Es war hartnäckig und
wollte nicht verschwinden.
Manche Dinge wird man eben nur schwer los.

„Und … wer schläft denn alles so da oben?“, wollte Rolf
interessiert wissen und sägte an seiner Semmel herum.
„Die Sauerländer und … Melanie“, murmelte ich und versuchte
mein gekochtes Ei zu pellen.
„Und …?“Rolf sah mich fragend an. Ich legte das Ei auf den Teller
zurück und sah ihn durchdringend an. Nach einigen Sekunden
wandte ich mich wieder dem Ei zu und schwieg vielsagend.
„Na was … so schlimm?“, bohrte er neugierig weiter und unter-
drückte ein Grinsen. Ich nickte nur. Er schüttelte nur leicht den
Kopf und biss in seine Semmel.
„Ach … übrigens. Wo warst du denn gestern Abend … die ganze
Zeit?“, fragte ich zurück. Er kaute langsam vor sich hin und schien
meine Frage ignorieren zu wollen.
„Duschen …!“, sagte er dann und grinste mich an.
“Da ist bestimmt ordentlich Platz … in der Dusche. Da passen
doch bestimmt auch zwei Leute rein … oder?“
Also doch, dieser Hund!
„Locker … wahrscheinlich sogar drei“, schlug er ziemlich spät vor.
„Hättest ja was sagen können“, ärgerte ich mich.
„Klar. Ich kann ja auch einen Aushang am Schwarzen Brett
machen. Du hast vielleicht immer Ideen …“, murmelte er.
Ich lehnte mich enttäuscht zurück und imaginierte eine dieser
typischen Duschszenen. Es ist sowieso alles reine Kopfsache.

Das Frühstück nahm seinen Lauf. Mittlerweile hatte ich die vierte
Tasse Kaffee getrunken und war voller Tatendrang.
Aus sicherer Entfernung beobachtete ich unauffällig Barbara.
Ich überlegte fieberhaft, mit welchen perfiden Tricks ich sie am
Abend wohl in die Dusche locken könnte. Diesen 1:0-Vorsprung
meines Kumpels wollte ich so nicht stehen lassen. Dazu bin ich
einfach viel zu sehr wettkampforientiert.
Sie bemerkte dann meinen grübelnden Blick wohl doch und
lächelte herüber.
„Vergiss es …!“, zischte Rolf hinter vorgehaltener Hand.

Hiltrud baute sich gemeinsam mit Axel in der Mitte des Raumes
auf. Mit lauter und fröhlicher Stimme verkündete sie uns dann den
geplanten Tagesablauf. Axel machte lediglich ein Gesicht und
schwieg verkatert vor sich hin.
„So … jetzt bist du dran!“, reichte Hiltrud das Wort an ihren Mann
weiter. „Schön, dass ihr alle gekommen seid … dann teilen wir jetzt
mal die Gruppen ein“, krächzte er und schwenkte ein paar ver-
knitterte Papierblätter herum.
„Moment, Moment … so ganz habe ich das noch nicht ver-
standen“, meldete sich Hans-Jürgen zu Wort und erhob sich.
„Also … wenn ich das bisher richtig verstanden habe, dann sollen
wir jetzt also losfahren und diese Aufgaben auf den Zetteln er-
füllen?“, fragte er ungläubig in die Runde. Hiltrud nickte eifrig.
Hans-Jürgen fasste sich an die Stirn und setzte sich wieder hin.
Der Rest schwieg und wartete ab. Axel marschierte ziellos umher
und versuchte seine Zettel an den Mann oder an die Frau zu
bringen.
„Ich fass es nicht..!“, murmelte Hans-Jürgen und verschränkte die
Arme vor der Brust. Vera versuchte ein freundliches Gesicht zu
machen und nahm dem planlos umherirrenden Axel schon mal
einen Zettel ab. Dietmar griff sich daraufhin auch ein Exemplar und
reicht es direkt an mich weiter. Ich sah in irritiert an.
„Na ja … unsere Gruppe steht doch schon“, bemerkte er nur.
„Darf ich bei Hans-Jürgen mitfahren?“, wollte Jerome dann
schüchtern von Rolf wissen. Dietmar nickte gnädig und klopfte ihm
aufmunternd und zustimmend auf die Schulter. Charly schnarchte
leise vor sich hin und roch stark nach Alkohol.
„Ungefähr 200 Kilometer, wenn ihr euch an den Plan haltet“, erläu-
terte Hiltrud gelassen.
„Und was machen wir dann am Nachmittag … Sackhüpfen … oder
Verstecken spielen?“, fragte Klemens. Wenn er nüchtern war,
dann war er ein ausgesprochener Tourenfahrer. Für 200 Kilometer
zöge er sich normalerweise noch nicht einmal die Handschuhe an,
behauptete er. Hiltrud kicherte ausgelassen. Sie hatte den Ernst
der Lage wohl noch nicht erkannt. Hans-Jürgen erhob sich wieder,
um uns seine Sicht der Dinge zu verkünden. Bevor er allerdings
loslegen konnte, flüsterte seine Vera ihm etwas ins Ohr. Er ver-
drehte daraufhin nur die Augen und setzte sich sofort wortlos
wieder hin.
Es gab sechs Zettel und demnach dann wohl auch sechs Gruppen.
Sie hatten sich richtig viel Mühe gegeben, die Brockenfelder. Ich
versuchte, den Plan zu verstehen.
Mühe allein … genügt eben manchmal nicht. Es sollte wohl etwas
ähnliches werden wie eine Schnitzeljagd. Wir sollten verschiedene
Orte anfahren, um dort dann die Antworten auf vorgegebene
Fragen zu finden.
„In welchem Jahr wurde diese Kirche erbaut?“ … oder …“Wie viele
unverheiratete Töchter hat der Metzger von Kleinpichelsdorf?“ …
und solches Zeug eben.
Es soll ja auch Leute geben, die Johannes B. Kerner toll finden
oder die Fernsehshows von Dieter Bohlen. Es soll sogar
Menschen geben, die alle Bücher von Richard David Precht ge-
lesen haben. Warum also … nicht auch solche, die ganz wild
darauf sind, herauszufinden, welchen Hauptberuf der Bürger-
meister von Oberhinkelsbach ausübt.
Die Welt wimmelt von merkwürdigen Zeitgenossen.

Die Mehrheit der Anwesenden hatte jedenfalls keine grundsätz-
lichen Probleme mit dem geplanten Tagesablauf.
Ich meine … was soll’s … die hatten sich viel Mühe gegeben mit
ihrer Schnitzeljagd. Morgen kommen einige Ortskundige dazu und
fahren mit uns dann hoffentlich zügig die hiesigen Hausstrecken
ab. Immerhin ein Lichtblick. Dann kann man sich diesen zweifel-
haften Freitagsausflug auch mal antun.
„Das Wetter sieht jedenfalls gut aus“, stellte Barbara fest und
machte ein freundliches Gesicht. Ich nickte und starrte auf den
ominösen Zettel. „Welche Gruppe seit ihr denn?“, fragte sie.
„Gruppe 5 …!“, konnte ich auf meinem Zettel entziffern.
„Wir sind Gruppe 3“, klärte sie mich auf. Sie schien die ganze
Sache tatsächlich ernst zu nehmen. Ich nickte nur und überlegte
erneut wie ich sie möglichst an diesem Abend noch …

Hans-Jürgen stapfte wütend an uns vorbei und begann damit an
seiner Harley herumzufummeln. Die Anderen kamen auch alle an
die frische Morgenluft und sortierten sich langsam.
Charly hockte immer noch auf seinem Platz und schnarchte vor
sich hin.
„Viertelstunde … immer im Abstand von einer Viertelstunde“, rief
Hiltrud und rannte hektisch hin und her.
„Na dann …!“, sagte einer der Sauerländer und holte einige
Flaschen Bier aus einem der letzten vollen Kästen. Seine
Kumpane winkten ihm erfreut zu. Die Jungs hatten wohl die Ab-
sicht, diesen erbärmlichen Restalkohol aus dem Körper zu
schwemmen. Da ist so ein Maurerfrühstück natürlich genau das
Richtige.
Klemens schlich missmutig herum. Er ist ein klassischer Einzel-
kämpfer. Weniger aus Überzeugung, mehr aus unterschiedlichen
anderen Gründen. Er war wirklich schwer zu ertragen. Aber das
stört ihn nicht. Er bleibt seiner Linie stets treu.
Eine seiner absonderlichen Angewohnheiten ist seine Fotografier-
sucht. Klemens schlich fast immer mit seiner Kamera in der Hand
umher. Er war wirklich ein ausgemachter Schleicher.
Leise und unauffällig umkreiste er sämtliche Menschen-
ansammlungen … nur um dann plötzlich und blitzschnell die
Kamera hochzureißen und abzudrücken. Er hatte wohl ein Auge
für besondere Motive.
Man kann jetzt nicht unbedingt behaupten, dass er sich nur auf ein
Geschlecht konzentrieren würde. Er fotografiert alles, was sich
bewegt. Natürlich nur, wenn es sich gerade nicht bewegt.
Im Moment beschäftigte er sich allerdings mit seinem Navi.
Das hatte er sich erst vor einigen Tagen zugelegt und er nutzte
dankbar jede Möglichkeit, die zahlreichen Funktionen dieses
Gerätes zu erproben.
„Hör mal … Klemens. Warum fährst du nicht bei uns mit. Passt
doch ganz gut … deine Adventure. Außerdem mit deinem Navi …
da liegen wir dann doch bestimmt ganz vorne?“
Klemens sah kurz hoch und machte ein abweisendes Gesicht.
Es war immerhin eine Möglichkeit, um nicht schon wieder den
Pfadfinder spielen zu müssen. Aber Klemens schien keine Lust zu
haben.
Rolf kam zusammen mit Melanie zu uns herüber.
„Markus hat angerufen. Bei dem dauert das wohl noch. Sie fährt
heute bei mir mit. Wann geht’s denn los?“
Melanie hatte ihre unglaublichen Kurven in eine Lederhose ge-
zwängt und bewegte sich geschmeidig in Richtung Küche.
Klemens griff reflexartig zu seiner Kamera und erhob sich. Mit ge-
übtem Blick peilte er kurz die Sonnenrichtung und schlich gebückt
davon. Seine Zunge fuhr dabei über seine Lippen. Er um-
klammerte seine Kamera, die mit dem riesigen Objektiv versehen
war, fest mit beiden Händen. Ein regelrecht Getriebener!
Kurze Zeit später war er wieder da.
„Seid ihr in einer Gruppe?“, wollte er dann von mir und Rolf wissen.
Wir nickten. Er nickte dann auch und sah uns dabei an.
„Wir können doch zusammen … ich meine … ich kann dann mal
mein Navi ein bisschen austesten.“
„Klar … warum nicht. Wir haben ja Zeit.“
Es sah ganz so aus, als ob der Elch an diesem Tag an mir
vorübergehen würde. Eigentlich wäre es ja der Kelch gewesen …
aber den hatten wir ja schon. Bei der Nummer mit dem Pastor.
Wir wollen hier mal die Kirche im Dorf lassen.
Sozusagen …

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