Maitour (Kapitel 2)

Ich hatte nun etwa 25 km zu fahren. Nachdem ich nun leicht von der
gewohnten Strecke abgekommen und in Simones Wohnung gelandet
war, verlängerte sich die Anfahrt zwangsläufig ein wenig. Von Wupper-
tal nach Leverkusen. Da nimmt man am besten die Autobahn.
Vorsichtig tastete ich mich über die verminten Straßen der
Wuppermetropole. Ein dichtes Netz aus Starenkästen lag über dieser
Stadt. Das lag nicht etwa daran, dass die Stadtverwaltung einen Hang
zur Ornithologie gehabt hätte. Obwohl … einen Vogel hatten die
schon. Wer hier schneller als 50 oder oft nur schneller als 30 fuhr, der
lief Gefahr, einen Sonnenbrand vom Rotlicht zu bekommen.
Fremder, kommst du ins Tal … dann setze vorher sicherheitshalber
eine Sonnenbrille auf. Ehrlich wahr, die haben hier mehr Blitzanlagen
als der gesamte Rest der Republik.
Wie durch ein Wunder erreichte ich … ohne ein Zwangsporträt zu
provozieren … die Autobahn.
Ich schaffte es dann auch noch, die verlorene Zeit wieder gut zu
machen. Falls die irgendwann allerdings ihre Fotografiersucht auf die
Autobahn ausdehnen sollten, dann hätte ich ein echtes Problem.
Aber bis dahin gilt … freie Fahrt für freie Bürger!

Der Treffpunkt war traditionell eine Kneipe am Stadtrand von Lever-
kusen. Warum nun ausgerechnet dieser Treffpunkt ausgewählt worden
war … ich weiß es nicht mehr. Irgendwann einmal hatte sich das so
ergeben. Und wie es so ist, mit diesen Zufällen, nach einer gewissen
Zeit hinterfragt man deren Sinnhaftigkeit nicht mehr.
Der Laden war voll wie immer. Die üblichen Verdächtigen lungerten
am Tresen und an den Tischen dieser gutbürgerlichen Gastwirtschaft
herum. Mein Fall war der Laden nicht.
Ich habe eine tiefsitzende Abneigung gegen Kneipen dieser Art.
Der blöde Sparkasten in der Ecke neben dem Tresen.
Die Fußballtabelle mit diesen magnetischen Vereinslogos.
Irgendwelche halbantiken Wagenräder und andere diverse hölzerne
Utensilien an den Wänden.
Einer dieser typischen Treffpunkte der unteren Mittelschicht … oder
der oberen Unterschicht … oder welcher Schicht auch immer. Die alte
Schichtentheorie ist zwar mittlerweile überholt … aber das würden die
Gäste hier ganz sicher nicht wissen wollen.

Die Truppe hatte sich um mehrere zusammengeschobene Holztische
im hinteren Bereich des doch recht großen Raumes versammelt.
Im vorderen Bereich dudelte die Musikanlage die übliche Kneipen-
musik vor sich hin. Nicht zu laut aber trotzdem störend.
Die rotgesichtigen, älteren und meist dickbäuchigen Herren am Tresen
übertönten das Gedudel mühelos. Reine Übungssache.
Ich näherte mich meiner Gruppe in friedlicher Absicht. Das war auch
gut so, denn an den Tischen war bereits schon wieder eine wilde Dis-
kussion in vollem Gange.
Schon wieder … bedeutet, dass dies eigentlich der Normalfall war.
Wilde Diskussionen brechen immer dann aus, wenn lange bekannte
und geplante Termine unmittelbar bevorstehen. Dann stellt sich näm-
lich grundsätzlich heraus, dass eigentlich überhaupt gar nichts
organisiert oder vorbereitet worden ist. Niemand fühlt sich verantwort-
lich, aber alle wollen mitreden. Der Schwarze Peter wird dann immer
solange herumgereicht, bis schlussendlich irgendjemand die finale
Initiative ergreift. Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel.

Hans-Jürgen hatte sich vorgebeugt und starrte Dietmar herausfordernd
an. Da hatten sich die üblichen Kandidaten wohl schon wieder in-
einander verbissen. Dietmar verkündete mit geröteten Wangen seine
wichtig klingenden … aber wie üblich völlig an den Haaren herbei-
gezogenen Pläne. Hans-Jürgen zerpflückte mit Genuss diese einzige,
aber ganz offensichtlich spontan ersonnene Routenplanung.
Um mehr ging es eigentlich nicht. Es sollte an diesem Abend lediglich
darum gehen, wann und wo wir uns treffen, um dann gemeinsam zum
Maitreffen nach Süddeutschland zu fahren. Wohin genau, das wusste
außer Dietmar scheinbar nur der schnaubende Hans-Jürgen.

„Warum willst du denn an der Mosel entlang fahren?“, wollte Hans-
Jürgen wissen.
„Warum nicht … ist doch ne’ schöne Strecke!“, antwortete Dietmar
wütend. Dietmar fährt nämlich gerne an der Mosel entlang.
Völlig egal, wohin es auch geht.
Dietmar fährt am liebsten immer an der Mosel entlang.
Diesmal sollte es nach Nordbayern gehen oder Südhessen.
Jedenfalls irgendwo in diese Gegend. Ich hatte nicht die geringste
Ahnung, wohin es genau gehen sollte. Das war mir auch völlig egal.
Hauptsache weg.
Hans-Jürgen hatte mich erblickt und sah mich vorwurfsvoll an. Er
blickte dann auf seine Armbanduhr und hob anschließend die Arme.
„Was …?“, lächelte ich ihn an.
Er winkte ab. Rolf hatte mir einen Stuhl reserviert. Ich quetschte mich
zwischen ihn und eine interessante aber noch völlig unbekannte
Brünette. Ein bisschen jung vielleicht, aber es gibt schlimmere
Handicaps. Unauffällig warf ich meinem Freund einen fragenden Blick
zu. Der verdrehte nur verzückt die Augen. Solch wichtige
Fragen klären wir immer sofort und innerhalb von zwei Sekunden.

Inzwischen hatte Charly das Wort ergriffen. Er bot an, wie in jedem
Jahr, den Transport des Gepäcks zu übernehmen.
Er hat nämlich einen alten VW-LT und eine neugierige Ehefrau. Bei
diesen Maitouren werden häufig die Ehefrauen mitgenommen.
Hans-Jürgen sammelte indes seine Truppen. Er hatte einen Routen-
plan ausgedruckt und verteilte die Kopien an interessierte Anwesende.
Hans-Jürgen wird exakt nach diesem Plan fahren. Er würde auch nicht
einen Zentimeter davon abweichen. Soviel war sicher.
Das war schon fast ein Ritual. Erst einen Riesenaufstand machen und
langatmig herumdiskutieren, dann am Schluss … den fertigen Plan
aus der Tasche ziehen und alle vor vollendete Tatsachen stellen.
Dietmar kannte das Spiel natürlich auch schon. Der legte sich nur rein
aus Prinzip immer mit Hans-Jürgen an.
Wir würden die Sache genau so handhaben wie in den Jahren zuvor.
Hans-Jürgen würde als Roadking vorausrollen, und alle die es eher
gemütlich mochten … würden hinterherfahren.
Dietmar wird natürlich bis zuletzt versuchen, einige Mitfahrer für seine
Moselstrecke zu gewinnen. Da aber in der Regel niemand mitfahren
möchte, wird er dann zum Rest der Truppe stoßen.
Dieser Rest wiederum wird dann einfach losfahren und sich darauf
verlassen, dass der Führende das Ziel findet.
Irgendjemand übernimmt immer die Führung. Das war bisher immer
so. Warum sollte es in diesem Jahr anders sein?
Anarchie in Reinkultur. Langweilig kann jeder.

Ich machte mir überhaupt keine Gedanken über irgendwelche Pläne,
Routenkarten oder Navis. Wenn es darum ging, irgendeinen Ort in
Deutschland zu finden … meine Güte … wo ist hier das Problem?
Dafür habe ich eine Deutschlandkarte im Tankrucksack … und Ende
der Diskussion. Bisher habe ich noch jedes Dorf getroffen.
Um dieses Ritual zu vollziehen, hätte man sich also gar nicht treffen
müssen. Darum ging es auch an diesem Abend überhaupt nicht. Es
ging wie jedes Jahr … um die neuen Mitfahrer. Eine davon hatte ich ja
bereits bemerkt.

Sie hieß Melanie. Und sie war die neue Freundin von Markus. Der
wiederum hatte ein neues Moped und natürlich diese neue Freundin.
Warum auch nicht.
Alles neu … macht der Mai.
Aber das war nicht die einzige Neuigkeit. Hans-Jürgen hatte seinen
Zahnarzt mitgebracht. Nicht etwa, dass er schlechte Zähne gehabt
hätte, aber der Zahnarzt hatte eine Harley.
Das war ja eigentlich nichts Besonderes. Zahnärzte sollen ja öfter
Harleys haben. Aber dieser hatte auch eine Frau.
Die Frau des Zahnarztes war die Freundin von Hans-Jürgens Frau.
Das war dann auch schon die ganze Geschichte.
Gar nicht so kompliziert, aber Hans-Jürgen brauchte ungefähr 10
Minuten um uns die komplexen Hintergründe zu erläutern.
Nicht etwa, dass diese Geschichte irgendjemanden interessiert hätte,
außer den Zahnarzt vielleicht. Aber schön, dass man darüber ge-
sprochen hat.
„Was ’n das für ’ne Harley?“, wollte Charly von dem leicht ver-
krampften Dentisten wissen.
„Eine Fatboy!“, verkündete der stolz.
„Ah ja …!“, grunzte Charley und nickte langsam und bedächtig, “ne’
Fatboy … so ’n Scheißhaufen“, flüsterte er dann ziemlich laut seinem
Nachbarn zu.
Der Zahnarzt machte ein Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte.
Ach ja, der Charly. Der hat eine tiefsitzende Abneigung gegen Harleys
… gegen Harleys und gegen Zahnärzte. Aber da konnte ja der Zahn-
arzt nichts dafür.

Aber es gab noch mehr Neuigkeiten. Die Frauen, also die von Hans-
Jürgen und die vom Zahnarzt … also die mochten wohl nicht in Zelten
nächtigen. Deshalb hatte der gute Hans-Jürgen völlig selbstlos ein
Wohnmobil organisiert.
Das würde dann am Zielort für die Harley-Besatzungen bereitstehen.
Alles schon organisiert … in solchen Dingen macht dem Hans-Jürgen
niemand etwas vor.
Niemand sagte etwas dazu. Was sollte man auch dazu sagen?
Dietmar wäre sicherlich etwas Passendes eingefallen. Das konnte ich
ihm ansehen. Aber er hielt sich zurück. Aber aufgeschoben …!

Das war natürlich ein glatter Frevel. Die Maitouren hatten eine lange
Tradition. Irgendwann … in grauer Vorzeit … haben sich einmal
spontan ein paar Leute gefunden, die diese Tradition ins Leben ge-
rufen haben. Charly gehörte dazu.

Man traf sich dann immer wieder, einmal im Jahr, logischerweise im
Mai, um diese Tradition fortzuführen. Im Laufe der Jahre wurde aus
dieser ursprünglichen und naturverbunden Veranstaltung eine Art
Großevent. Mittlerweile gab es Maitourer im gesamten Bundesgebiet.
In jedem Jahr richtete eine andere Truppe das Treffen aus. Aus dem
Camping in unberührter Natur war inzwischen eine organisierte
Massenveranstaltung in Sportlerheimen oder sonstigen geeigneten
Unterkünften geworden. Die Zahl der Teilnehmer war stark
schwankend. Aber 50 Leute kamen immer mindestens zusammen.
Einige brachten ihre Kinder mit. Andere ihre Hunde. Und wiederum
andere ihren Zahnarzt … wie man nun erfahren hatte.
Die ganze Sache war mittlerweile völlig entartet. Charly schien das
egal zu sein. Obwohl einer der Gründerväter, schien ihm die ganze
Sache am Arm vorbei zu gehen.
Es zeichnete sich ja bereits ab, dass sich die ganze Geschichte früher
oder später in Wohlgefallen auflösen würde. Dann wird man sich auf
die Ursprünge zurückbesinnen und wieder irgendwo im wilden Wald
die Zelte aufschlagen.
Ohne Frauen, Kinder und Zahnärzte. Back to the roots …
Bis dahin heißt es: Zähne zusammenbeißen und den Dingen ihren
Lauf lassen.

Aber es war ja nicht alles schlecht. Markus präsentierte uns stolz ein
Fotoalbum seiner neuen Freundin. Rolf blieb die Sprache weg.
Melanie schien wohl ernsthaft die Absicht zu verfolgen ihre äußere
Hülle der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Dies war auch durchaus
kein Fehler. Übertriebenes Schamgefühl konnte man ihr jedenfalls
nicht nachsagen. Die Fotos waren gut.
Gut … im Sinne von … gut eben.
Markus schien ebenfalls kein Problem damit zu haben. Vielleicht
könnte man das am ehesten mit Besitzerstolz erklären. Rolf war
schwer beeindruckt. Melanie schien eine Schwäche für Motorräder zu
haben. Sie posierte jedenfalls lasziv auf verschiedenen Modellen.
Leider waren keine BMWs dabei. Überwiegend Chopper oder Harleys.
Es gab allerdings auch noch andere Fotos in dem Album. Die wurden
aber nur kurz … zu kurz, wie ich fand, präsentiert.
Stichwort … Lack und Leder. Wenig Lack und wenig Leder zwar, aber
dafür sehr viel ungegerbte Haut.
„Tut das denn nicht weh … diese Ringe. Das ist doch eine empfind-
liche Stelle?“, wollte Rolf mit plötzlich belegter Stimme wissen.
Melanie schüttelte den Kopf. Markus ebenfalls. Rolf dann auch.

„Ich hol’ mir noch ein Bier“, murmelte er dann und wankte leicht, als er
zur Theke ging. Ich folgte ihm unauffällig und grinste ihn an.
„Hölle, was für ein Schuss!“, stöhnte er und schüttete sich sein Kölsch
hinein.
„Irgendwas mach’ ich falsch. Der Typ schleppt hier dieses Geschoss
ab. Du greifst dir diese Rothaarige …“.
„Und du bist verheiratet!“, holte ich ihn wieder runter.
Rolf bestellte sich noch ein Kölsch.

„Ach übrigens, was ist denn nun mit der Rothaarigen?“, wollte er dann
wissen.
„Was soll schon sein? Alles klar! Übrigens, ’ne gute Vorstellung. Vorhin
… am Handy.“ Rolf nickte nur.
Wir halfen uns eben immer gegenseitig in schwierigen oder unüber-
sichtlichen Situationen aus der Patsche. Irgendwann erkennt man an
der Stimme, was die Stunde geschlagen hat.
Franks Stimme klang plötzlich ziemlich angefressen. Frank ist ein
echter Leverkusener. Er hat den gleichen Tonfall wie Wilfried
Schmickler und ist auch ähnlich drauf, wenn es um Kritik am System
oder aber auch nur an seiner Person geht.
Ich weiß nun nicht, wie empfindlich der Herr Schmickler reagiert, wenn
er direkt persönlich kritisiert wird. Aber Frank ist da überaus empfind-
lich.
Vor allem wenn jemand an seinem Moped herumkritisiert.
Das Ding hatte er sich mühsam in den letzten beiden Jahren zu-
sammengedengelt. Die Teile hat er sich -wer weiß woher- besorgt und
dann gebastelt und geschraubt, dass selbst Charly nichts mehr ein-
gefallen ist. Und der ist in dieser Beziehung auch ein echter Künstler
vor dem Herrn. Der hatte schon einige technische Kunstwerke ge-
schaffen.
Aber was Frank hier zusammengeschraubt hatte … das schlug dem
Fass die Krone ins Gesicht. Frank hat einen Uniformtick. Das war
schon mal das Eine. Jetzt nicht im Sinne von … also nicht so wie
Melanie und diese „Lack und Leder-Kiste“, sondern mehr zivil.
Er verkleidet sich immer als Highway-Trooper.
Mit Stiefeln, Sonnenbrille, Helm und Uniform. Also, nicht immer natür-
lich, sondern zumeist im Karneval. So hatte es jedenfalls begonnen.
Da er ein eher unscheinbarer Typ ist, hat ihm diese Maskerade wohl
ungewöhnlich viel Zuspruch eingebracht. Vor allem von weiblichen
Karnevalsbegeisterten. Seitdem trägt er dieses Outfit auch bei sämt-
lichen Ausfahrten.

Aber … weil es wohl ziemlich abturnend wirkt, wenn man als harter
Highway-Trooper auf einem Chopper herumtuckert, musste natürlich
ein passendes Gefährt her. Und genau das, hatte er sich in den letzten
beiden Jahren zusammengebastelt.
Eine fast originalgetreue L.A.P.D-Moto-Guzzi-California.
Ich habe wirklich keine Ahnung, ob dieses Modell tatsächlich jemals
von der kalifornischen Highwaypatrol eingesetzt wurde oder noch wird.
Frank behauptet es jedenfalls.
Frank ist kein Handwerker. Er ist auch nicht sonderlich geschickt im
Umgang mit Werkzeugen aller Art. Aber er kann lesen und schreiben
und er hat eine Garage. Das Basisfahrzeug hat er irgendwo in Nord-
deutschland gekauft. Den Rest hat er bei eBay ersteigert.
Das ist im Großen und Ganzen die Vorgeschichte von Frank und
seinem Moped.
Im Kölner Umland, wozu auch Leverkusen zählt, gilt ganz allgemein
der alte Spruch: Jeder Jeck ist anders!
Was vom Prinzip her auf umfassende Toleranz schließen lässt.
Dem ist natürlich nicht so. Warum sollten die Leute hier auch toleranter
sein als im Rest des Landes? Sie sind es nicht.
Auch wenn sie es immer wieder behaupten, sie sind es definitiv nicht!

Außerhalb der eigentlichen Karnevalssession hat der gute Frank des-
halb auch immer leichte Akzeptanzprobleme.
Für eine Harley reicht sein Einkommen nicht aus.
Das wäre eventuell noch ein Ausweg gewesen. Aber weil es eben so
ist, wie es ist, muss er irgendwie mit seinem selbst geschnitzten High-
waygleiter klarkommen. Ihm selbst bereitet das deutlich weniger
Probleme als seinen Mitfahrern. Seine Mitfahrer, und natürlich auch
der TÜV-Rheinland, sind deutlich weniger bereit die zwangsläufig
zutage tretenden Nachteile dieser gewagten Konstruktion zu
akzeptieren.
Gut, das Ding fährt. Das war es aber auch schon fast. Der letzte TÜV-
Prüfer wollte Frank und sein Fahrzeug nicht mehr vom Hof lassen. Die
haben sogar Fotos geschossen, die Jungs vom TÜV. Die waren wahr-
scheinlich für einen speziellen Katalog vorgesehen. Die völlig ge.
schockten Kraftfahrzeugexperten hätten fast noch ein Kamerateam
von RTL geholt.
Frank ist dann samt seinem Fahrzeug geflüchtet … natürlich ohne den
begehrten Aufkleber. Den hat er sich dann auch bei eBay besorgt. Das
wäre ja noch alles gar nicht so schlimm.
Viel schlimmer ist … er fährt niemals schneller als 90.
Das heißt, er würde schon gerne … aber es geht nicht.

Das hat überwiegend technische Gründe. Welche genau, das kann
Frank bis ins kleinste Detail erklären. Aber das hat bisher noch
niemand so richtig verstanden. Auch Charly nicht … und der kann
sogar aus einer alten Waschmaschine einen wirklich tadellos
funktionierenden Betonmischer basteln. Das hatte er schon bewiesen.
Was allerdings die Technik von Franks Highway-Guzzi angeht … da
war selbst Charly vollkommen ratlos.
Ratlos zwar … aber tolerant.
Werner war nicht tolerant. Deshalb regte sich Frank auch so auf. Es
ging wohl mal wieder um die doch etwas geringe Reisegeschwindig-
keit.
„Wir schleichen doch nicht mit neunzig über die Bahn, nur weil dein
Schweineeimer sonst auseinanderfällt. Du kannst ja schon mal eine
Stunde früher losfahren. Kurz hinter Frankfurt haben wir dich dann
wieder eingeholt.“
Werner regt sich immer auf, wenn es ihm zu langsam geht.
Frank wollte das überhaupt nicht einsehen.
„Wenn du rasen willst, dann kannste ja eine Stunde später losfahren.
Kurz hinter Frankfurt hast du uns dann auch eingeholt. Dann machste
eben ’ne kleine Pause. Da musste sowieso tanken.“ Frank ist da stur
wie ein Panzer. Der fährt auch ums Verrecken kein Stück schneller als
neunzig. Einmal hatte er das gemacht, ganz am Anfang.
Daraufhin hatte die Guzzi plötzlich komische Geräusche von sich ge.
geben und größere Ölmengen abgesondert. Sagt Frank!
Seitdem ist er vorsichtig.
Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Wenn er es dann überhaupt noch
einmal schaffen sollte, dieses Gefährt wieder instand zu setzen.
Charly ist da auch skeptisch. Die verbauten Teile wären wohl unersetz-
lich. Franks Hauptlieferant bietet inzwischen bei eBay nichts mehr an.
Vermutlich ist er verhaftet, oder von irgendwelchen anderen Kunden
gemeuchelt worden. Wie auch immer … für die allgemeine Verkehrs-
sicherheit hat das ganz sicher keine nachteiligen Folgen.
So auf längere Sicht gesehen.
Da wäre dann noch die Frage zu klären, warum Werner es immer so
eilig hat. Immer stimmt eigentlich auch nicht.
Denn da gibt es noch Christine. Aber dazu später mehr!
Werner hat eine Fireblade.
Die sieht immer aus wie frisch aus dem Laden. Werner putzt sie
ständig. Er war früher bei der Luftwaffe. Das ist sicherlich kein Grund,
um stolz zu sein, aber er war ja auch kein Pilot.

Wartungstechniker sagt er immer. Das erklärt zumindest seinen
Wartungsaufwand. Eine Stunde fliegen … 20 Stunden warten. So
macht man es wohl bei der Luftwaffe. Zwischen den Wartungsein-
sätzen fliegt der Werner dann auch schon mal eine Runde. Aber nie
lange und fast immer die gleiche Runde. Da wo er sich auskennt … da
fliegt er wirklich ziemlich tief. In unbekannten Gebieten ist er dann
deutlich vorsichtiger. Luftwaffe … eben!
Bis letztes Jahr ist auch seine Freundin Christine gelegentlich mit-
geflogen. Aber es war ihr wohl auf Dauer zu ungemütlich … auf dem
Sitz des Copiloten. Deshalb hatte sie wohl schon vor längerer Zeit
einen folgenschweren Entschluss gefasst.
Still und heimlich hat sie ihren Motorradführerschein gemacht.
Zu Werners grenzenloser Überraschung präsentierte sie ihm dann …
nach erfolgreicher dritter Prüfung … das teure Endprodukt ihres weib-
lichen Durchhaltevermögens. Da war die Freude aber groß!
Allerdings, wer einen Führerschein besitzt, der begehrt irgendwann
auch ein Fahrzeug. Eine 500er Honda ist es dann geworden.
Das war jetzt nicht unbedingt eine Fehlentscheidung, rein technisch
gesehen. Ein brauchbares Anfängermodell für Frauen. Ohne jede
Frage. Allerdings nur für Frauen, die auch zumindest rudimentäres
Talent besitzen. Ich habe keine Ahnung, wer der bedauernswerte
Fahrlehrer war. Aber er musste Nerven wie Drahtseile haben.
In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen Menschen erlebt, der
derart unbegabt war … wie Christine. Jetzt mal völlig unabhängig vom
Geschlecht.
Ich kann nicht reiten. Da bin ich völlig unbegabt.
Ich habe auch nicht das geringste Bedürfnis es zu erlernen. Deshalb
setze ich mich auch nicht auf ein Pferd. Warum sollte ich auch?
Es wäre nicht gut für das Pferd und für mich sicherlich auch nicht.
Also … lasse ich es.
Falls ich irgendwann einmal eine Freundin haben sollte, die eine be-
geisterte Reiterin wäre. Schön … soll sie doch.
Aber ich nicht. Niemals!
Aber man kann das wohl auch anders sehen.
Christine sah es offensichtlich anders. Sie quälte sich, sie quälte das
Pferd … respektive das Motorrad … und was noch viel schlimmer war,
sie quälte ihren Werner und alle Mitfahrer.
Gut, es gab inzwischen keine Mitfahrer mehr, außer Werner natürlich.
Der arme Kerl machte ständig gute Miene zum zwecklosen Spiel und
litt einsam vor sich hin.

Die ersten beiden Gänge seiner Fireblade werden inzwischen eben-
falls ordentlich gelitten haben, aber mit Sicherheit nicht halb so viel wie
das komplette Getriebe der CB 500. Dem Rest der Honda erging es
aber in keinster Weise besser. Niemals zuvor in der Menschheits-
geschichte … ist wohl ein Motorrad dauerhaft derartig vergewaltigt
worden. Die CB 500 musste inzwischen von Werner mit einem un-
gleich höheren Aufwand gewartet werden als seine Fireblade.
Im Unterschied zu Frank war Werner allerdings technisch begabt. Was
aber unter dem Strich kaum einen Unterschied machte, weil nun auch
Werner Stammkunde bei eBay war. Eine durchaus ergiebige Ersatz-
teilquelle … auch für ältere 500er Hondas.
Die Beziehung zwischen Werner und Christine wird wohl ewig halten.
Wer solche Opfer bringt, dem ist nicht mehr zu helfen. Dies gilt für
beide Seiten. Das muss wohl Liebe sein.

Tja, dann haben jetzt wohl alle einen kleinen Überblick über die bunt
gemischte Truppe der fröhlichen Maitourer aus dem schönen Lever-
kusen gewinnen können. Allerdings kann ich ohne Übertreibung be-
haupten, dass dies bei Weitem noch nicht die schlimmste Gruppe ist.
Da gibt es noch ganz andere Kandidaten. Dies ist dann eigentlich auch
der wesentliche Grund, warum ich mir dieses Spiel jedes Jahr antue.
Das muss man erlebt haben, sonst glaubt man es nicht. Die Wirklich-
keit ist manchmal schlimmer als jede Satire.

10 Kommentare zu „Maitour (Kapitel 2)“

  • Lutz:

    Und es geht weiter wie bei Kuhjotestories gewohnt,auf den Punkt ausgedrückt und fast immer wie aus dem Leben gegriffen(grins)….weiteeeeeeeer!!

    Gruß Lutz

  • Rolf:

    mach schön weiter so, ist wie im wahren Leben, ich betrachte es als Spiegelbild einiger Ereignisse bei meinen Motorrad Reisen und Tagestouren

  • Jürgen:

    Wenn man mich dazu bringt, mich im Web zu äußern, kann es nur genial sein!!!
    Danke Kuhjote

    Gruß aus dem Norden
    Jürgen

  • khhbus:

    wie schon bei deinen anderen geschichten,WEITER So ist gut so
    bis dann Karl-Heinz

  • CB500:

    “Eine 500er Honda ist es dann geworden.
    Das war jetzt nicht unbedingt eine Fehlentscheidung, rein technisch
    gesehen. Ein brauchbares Anfängermodell für Frauen”

    Ui, die habe ich jetzt in einem Jahr schon 15.000 Km “geritten” und nun muss ich feststellen, dass ich es als MANN getan habe. War damit auch (nur 4) Tage im Biker-Hotel in den Alpen. Muss ich mich jetzt geschlechtsumwandeln lassen?

    Wie dem auch sei: Kujotes Biker Geschichten sind die besten der Welt. Danke Dir für viele genüssliche Lesestunden und das Buch. Mach einfach weiter so.

  • kuhjote:

    Tja, wie man’s macht? Zuerst wollte ich eine 400er Suzuki nehmen. Das hätte aber dann logisch nicht so richtig zur Fireblade gepasst. Welcher Hondafahrer würde seiner Freundin schon zu einer Suzuki raten? Aber die CB 500 ist ja nun erklärtermaßen ein robustes Gerät. Da kann “Mann” auch kaum etwas falsch machen. Weiterhin viel Spaß mit diesem wirklich zuverlässigen und soliden Modell.***

  • Torsten77:

    also ich muss sagen im forum waren deine posts schneller. ich vermisse schon die neuen zeilen.

  • kuhjote:

    Dafür sind die Kapitel aber länger. Ich versuche im Moment einen kleinen Vorsprung herauszuschreiben. In Wirklichkeit bin ich schon bei Kapitel 6.
    Aber nur die Ruhe … kommt alles noch.***

  • Torsten77:

    die posts sind länger, das stimmt. eigentlich hatte ich ja angst und die geschichte geht wo anders weiter…….
    aber im forum habe ich sie noch nicht entdecken können. daher war ich schon krank vor sorge.

    anerkennende grüsse

  • Starbiker:

    Hallo Michael
    Wieder echt eine schöne Geschichte, ganz im Kuhjotenstiel.
    Weiter so.
    Viele Grüße
    Udo

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