Eine Woche im Bikerhotel (Das Buch) – Kapitel 2
„Diese Dinger, die dort an den Seiten so herausstehen…
find’ ich total hässlich“, erklärte mir Rolf ziemlich über-
raschend.
„Und überhaupt, dieses ganze Zeug, von dem der Kerl da
gerade faselte, braucht man das überhaupt? … Hydraulische
Parabeine … Teleschwingen und diesen ganzen Krempel?
Meine Harley fährt auch ohne diesen Kram.“
Tja, was soll man da antworten, als überzeugter BMW-Fan?
„Diese hässlichen Dinger, die da an der Seite herausstehen,
das ist praktisch … also … das ist das eigentlich Besondere
an einer BMW. Der Boxermotor eben.“
Mir wurde aber sofort klar, dass ich bei diesem schwierigen
Fall wohl bei Adam und Eva würde beginnen müssen.
Da sich die Fahrt noch ein wenig ziehen würde, hatten wir
so wenigstens ein schönes Thema für die nächsten Stunden.
Ich holte tief Luft und begann die Geschichte des Boxermotors
und all der vielen anderen Bauteile einer GS aus dem
Gedächtnis zu kramen. Das hatte er nun davon, dieser
Ignorant.
Der alte Passat musste sich mächtig ins Zeug legen, um die
geschätzten eineinhalb Tonnen, die erbarmungslos an seiner
angerosteten Anhängerkupplung zerrten, auf der Autobahn
in Schwung zu bringen. Wir hatten etwas mehr als 700 km
vor uns. Geplant hatten wir etwa acht Stunden für den Trip.
Wie die meisten Pläne endete auch dieser direkt beim ersten
Versuch der Umsetzung.
Ein Stau folgte dem anderen.
Bei andauernden Gefechten um die mittlere Spur gegen
diese allgegenwärtigen Lkws zog der tapfer kämpfende
Passat häufig den Kürzeren. Es erwies sich als nahezu
unmöglich, das Gespann kurzfristig auf Geschwindigkeiten
von mehr als 90 km/h zu beschleunigen.
90 Benzin-PS mögen für ein Motorrad ausreichen. Für ein
etwa drei Tonnen schweres Gespann mit acht Rädern ist das
aber sicherlich ein bisschen wenig. Auch spontane Brems-
manöver zeigten mehr als deutlich, dass die maximale An-
hängelast erheblich überschritten war.
Aber was soll’s. Nicht immer ist der Weg das Ziel. Nicht
immer!
Mittlerweile war ich über die historische Entwicklung der
technischen Details einer GS … zu der Erläuterung des
„Kuh“-Begriffs gelangt.
Einen überzeugten Harley-Treiber quälen natürlich gewisse
Vorbehalte, wenn er nun demnächst auf einem Gefährt
unterwegs sein wird, dass man in Fachkreisen auch als Kuh
bezeichnet.
„Verstehst du … das Aufstellmoment der hinteren Schwinge
… früher bei den älteren Modellen. Da hob sich zunächst
das Heckteil und danach das Vorderteil. Wie bei einer Kuh
… wenn die aufsteht. Und die seitlich abstehenden Zylinder
sahen ein bisschen aus wie Euter … deshalb hat ein Motor-
radjournalist diesen Begriff geprägt. Die hat eben alle Fort-
schritte überdauert. Diese einprägsame Bezeichnung. Die GS
nennt man auch gelegentlich ‚Eier legende Wollmilchsau‘ –
wegen ihrer Vielseitigkeit. Aber Kuh klingt trotzdem auch
… auf eine gewisse Art … irgendwie sympathisch. Finde ich
jedenfalls.“
Ich unterbrach meinen Vortrag und warf einen kurzen Blick
auf meinen Nebenmann.
Rolf schwieg relativ desinteressiert vor sich hin. Er prügelte
seinen alten Passat mit demselben Gleichmut über die Bahn
wie seine geliebte Harley über diverse Alpenpässe.
Nach der Tour im letzten Jahr musste seine derart geschundene
Harley-Davidson-E-Glide mehrere Wochen in Frankys
„Harley-Klinik“ verbringen. Verbogene Stößelstangen…
mehrere schwere Ausnahmefehler im Primärantrieb… ver-
schlissene Kupplung … eine verzogene Bremsscheibe… und
einige weitere Kleinigkeiten.
Abgefahrene Weißwandreifen zum Beispiel.
Mussten natürlich immer Originalteile sein, auch die Reifen.
Nachdem ich die Rechnung gesehen hatte, beschloss ich
spontan, mich nie wieder über BMW-Werkstattrechnungen
zu beschweren.
„Verschleißteile …“, war Rolfs einziger Kommentar.
Nicht etwa, dass Rolf in Geld schwimmen würde.
Keineswegs. Nicht zuletzt deshalb war es auch ein kluger
Schachzug seiner cleveren Ehefrau gewesen, ihm dieses
wirklich ausgefallene Geburtstagsgeschenk zukommen zu
lassen. Eine Woche mit 2.500 Freikilometern auf einer GS.
Das war zwar auch nicht ganz billig, aber auch Franky, der
geschäftstüchtige Harley-Schrauber, nahm es eben auch von
den Lebendigen.
Und damit Rolf auch weiterhin zu dieser Gruppe gehörte,
hatte seine Frau kurzerhand zu dieser dreifach cleveren
Maßnahme gegriffen. Das entlastete mittelfristig die Haus-
haltskasse, erhielt Rolfs Arbeitsfähigkeit und die Sache mit
dem Geburtstagsgeschenk war auch direkt mit erledigt.
Wenigstens eine in der Familie, die rechnen konnte.
Unser pausenlos geforderter Passat soff wie ein Loch.
Beim nicht eingeplanten zweiten Tankstopp wechselten wir
zum zweiten Mal die Plätze. Die letzten geplanten 100 km
übernahm Rolf wieder das Steuer.
Wir waren schon eine gewisse Zeit in Österreich unterwegs,
als wir feststellen mussten, dass wir irgendwie vom Kurs
abgekommen waren.
Der Fernpass musste nun überwunden werden. Den wollten
wir eigentlich umgehen. Wer den kennt, kann sich vorstellen,
dass eine Überquerung mit einem leicht untermotorisierten
alten Passat, an dem auch noch ein fetter Pferdeanhänger
hängt, wirklich kein Vergnügen war.
Es war mittlerweile dunkel und die trüben Lampen unserer
Zugmaschine leuchteten in den Himmel wie Flakscheinwerfer.
Alle entgegenkommenden Fahrzeuge schossen mit ihren
Lichthupen auf uns. Busse, Lkws, Holländer, eben alles, was
so über den dunklen und feuchten Pass krabbelte.
Rolf schleuderte den Anhänger um die Ecken, wie der selige
Ben Hur seine römische Pferdekutsche.
„Hattet ihr eigentlich früher auch Physik in eurer Hilfsschule?“,
keuchte ich, während ich mich am Sitz festklammerte. „Masse,
Fliehkraft und so … schon mal gehört?“, versuchte ich seinen
rasanten Abfahrtslauf ein wenig zu verlangsamen.
Rolf bückte sich, um nach seinem Feuerzeug zu suchen.
So ganz nebenbei bemerkt, Rolf ist mit großem Abstand der
beste Fahrer, den ich kenne. Früher war er mal Kurierfahrer.
Er hat es einfach im Blut.
Seine Fahrzeuge benutzt er, wie man eben Maschinen und
Geräte benutzt. Aber als sein Beifahrer braucht man gute
Nerven. Verdammt gute Nerven!
Der Anhänger driftete eifrig hinter dem Passat durch die
Kurven. Bergab kamen wir gut voran. Rolf entschied sich
kurzfristig, einen vor uns herschleichenden Reisebus zu
überholen. Der Passat rappelte und dröhnte verzweifelt, als
ihm wieder einmal alles abverlangt wurde. Die entgegen-
kommenden Scheinwerfer wurden größer und heller. Wir
waren genau neben dem Bus und schoben uns nur sehr
langsam vorbei.
Die entgegenkommenden Scheinwerfer wurden immer
größer und immer heller.
Rolf zündete seine Zigarette nicht an, behielt sie aber im
Mund.
Meine Augen traten langsam, ganz langsam, aus ihren Höh-
len. Ich hörte, wie ich irgendwelche Laute von mir gab.
Rolf antwortete nicht. Der war vollauf damit beschäftigt, das
Gaspedal durch das Bodenblech zu treten.
Das passt nicht!
Das passt im Leben nicht!
Das würde nur passen, wenn der Bus neben uns und der
Entgegenkommende ordentlich in die Bremsen gingen.
Die Eindrücke, die meine Fingernägel im Armaturenbrett
hinterließen, kann man heute noch bewundern.
Mit einem gewagten Schlenker quetschte Rolf uns vor den
Reisebus. Dessen Fahrer entfachte ein wildes Hupkonzert
und betätigte die Lichthupe wie ein durchgeknallter
Flipperspieler. Der entgegenkommende Bus hatte fast bis
zum Stillstand abgebremst.
Rolf suchte wieder nach seinem Feuerzeug.
„Knapp …!“, verkündete er trocken.
„Echt …?“ Mehr fiel mir nicht ein.
Damit war unser Kontingent an Schutzengeln deutlich ge-
schrumpft. Und wir waren noch nicht einmal angekommen.
Da werden wir wohl eine Tagestour auslassen müssen. Man
sollte sein Blatt nicht überreizen.


Hallo kuhjote,
bin grade dabei Deine tolle Geschichte nochmal in Buchfassung zu lesen.
Eine Bitte hätte ich: Ist es möglich in einer kräftigeren Farbe zu schreiben?
Für meine mittelalten Augen ist das helle Grau ziemlich anstrengend.
Gruß
jawosammer
Die Farbwahl? Ja … also einmal ganz abgesehen vom Header finde ich die graue Farbe auch etwas schwach. Rein aus ästhetischen Gründen fand ich diesen Grauton recht ansprechend. Aber vielleicht sollte ich tatsächlich eine etwas kräftigere Farbe verwenden. Work in progress … sozusagen. Wir werden sehen. ***
Oh nein, jetzt lese ich die Geschichte doch tatsächlich noch ein zweites mal.